Ausland

Mit jedem Tag wächst die Angst

Von Robert Mayer. Aktualisiert am 14.09.2011 67 Kommentare

Den Amerikanern missfällt das Krisenmanagement der Europäer zunehmend – das wird ihr Finanzminister Timothy Geithner seinen EU-Amtskollegen bei einem Treffen Ende Woche deutlich machen.

Sehen die starken Euroländer in der Pflicht: Barack Obama und US-Finanzminister Timothy Geithner. Foto: Joshua Roberts (Bloomberg)

Sehen die starken Euroländer in der Pflicht: Barack Obama und US-Finanzminister Timothy Geithner. Foto: Joshua Roberts (Bloomberg)

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Amerikas Finanzminister Timothy Geithner nimmt die lange Reise von Washington ins polnische Breslau auf sich, um am Freitag einem Treffen der EU-Finanzminister beizuwohnen oder – was den Kern der Sache wohl eher trifft – den europäischen Amtskollegen ins Gewissen zu reden. Die Initiative Geithners ist auf jeden Fall höchst ungewöhnlich, und sie macht deutlich, wie gross das Unbehagen der USA inzwischen ist angesichts der sich rasant zuspitzenden Schuldenkrise im Euroraum. Laut US-Medien geht in Geithners Ministerium die Angst um, dass die Europolitiker die Kontrolle über das Krisengeschehen vollends verlieren, das Bankensystem über Europa hinaus in schwere Turbulenzen gerät und eine neue Finanzkrise wie nach der Lehman-Pleite im September 2008 ausbricht.

Dennoch sorgt die Eintagesreise des US-Finanzministers nach Polen auch für Verwunderung bei Beobachtern. Haben sich doch die G-7-Finanzminister aus den wichtigsten Industriestaaten erst am Wochenende in Marseille getroffen und dabei hauptsächlich über die europäischen Schuldenprobleme gesprochen. Die Schlusserklärung blieb jedoch einmal mehr ziemlich vage – ein Fingerzeig dafür, wie unterschiedlich die Auffassungen namentlich zwischen Deutschland und den USA bei Diagnose und Therapie der Schuldenkrise sind. Die US-Regierung sieht die starken Euroländer in der Pflicht, den überschuldeten finanziell unter die Arme zu greifen, bevor die Krise noch weitere Kreise zieht.

Neuer Dämpfer aus Italien

Derweil nimmt die Anspannung an den Finanzmärkten beinahe täglich zu, wobei insbesondere Italien und Griechenland im Brennpunkt stehen. Einen weiteren Stimmungsdämpfer bescherte gestern die Auktion fünfjähriger italienischer Staatsanleihen im Umfang von 3,9 Milliarden Euro: Die Durchschnittsrendite wurde auf dem neuen Rekordstand von 5,6 Prozent festgestellt – und damit wesentlich höher als die 4,9 Prozent bei der letzten Auktion von Staatstiteln mit gleicher Laufzeit Mitte Juli. Ausserdem fiel die Nachfrage der Anleger erheblich geringer aus als vor zwei Monaten. Die aufgekommene Hoffnung, der chinesische Staatsfonds CIC sei am Kauf italienischer Staatsanleihen interessiert, hat sich erst einmal zerschlagen.

Das enttäuschende Auktionsergebnis liess sogleich auch die Rendite 10-jähriger italienischer Staatsanleihen auf zeitweise über 5,7 Prozent steigen (die Rendite verhält sich umgekehrt zum Kurs der Anleihen). Sie ist damit wieder bis auf Sichtweite an die kritische Schwelle von 6 Prozent gerückt – und dies, obwohl die Europäische Zentralbank (EZB) nach Schätzungen von Marktakteuren im August italienische Staatspapiere im Wert von 45 Milliarden Euro aufgekauft hat. Aussagen von Händlern zufolge soll die EZB allerdings öfter allein auf der Nachfrageseite gestanden haben.

Damit scheint sich die Befürchtung vieler Experten zu bestätigen, dass die – intern höchst umstrittenen – Anleihenkäufe der Euronotenbank im besten Fall von temporärer Wirkung sind und Italien eine kurze Verschnaufpause ermöglichen. Eine nachhaltige Trendumkehr, so die weitverbreitete Ansicht, kann nur die italienische Regierung bewerkstelligen: mit glaubwürdigen Schritten zum Abbau der Staatsschulden und – wichtiger noch – mit mittelfristig ausgerichteten Reformen, um die Wirtschaft wieder auf Wachstumskurs zu bringen.

Griechenland am Abgrund

Eine geradezu dramatische Entwicklung verzeichnen griechische Staatspapiere. Die Renditen zweijähriger Anleihen bewegen sich inzwischen bei rund 75 Prozent, jene für die zehnjährigen bei etwa 25 Prozent. Umgelegt auf die Kurse heisst dies, dass griechische Staatstitel nur mehr zu 40 bis 50 Prozent ihres Nominalwerts gehandelt werden – und die Märkte also massive Verluste im Fall einer Zahlungsunfähigkeit des Landes einkalkulieren. Zum Vergleich: Die freiwillige Beteiligung privater Gläubiger an der Umschuldung Griechenlands durch Umtausch bestehender Staatsanleihen in solche mit längeren Laufzeiten geht «nur» von einem 21-prozentigen Abschreiber aus.

Die wachsende Angst der Anleger vor einem Staatsbankrott im Euroraum widerspiegelt sich auch in ihrer Flucht in deutsche Staatspapiere. Bundesanleihen über zehn Jahre rentieren noch mit gut 1,7 Prozent, was dem niedrigsten je verzeichneten Wert entspricht. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.09.2011, 06:22 Uhr

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67 Kommentare

Roger Walser

14.09.2011, 06:59 Uhr
Melden 231 Empfehlung

Wenn die Amerikaner den Europäern erklären wollen, wie diese mit der Krise umzugehen haben. Ist das für ähnlich, wie wenn ein Blinder einem anderen Blinden die Farben erklären möchte. Antworten


Nicolas Baer

14.09.2011, 06:53 Uhr
Melden 195 Empfehlung

Die Kunst der Amerikanischen Politik: Immer schön auf die anderen Zeigen und sie kritisieren.
Selber wenig im Griff und mit lauter Kritik von der eigenen Unfähigkeit ablenken.
Antworten



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