Ausland

Mexikanische Polizisten beschiessen Angestellte der US-Botschaft

Von Sandro Benini. Aktualisiert am 26.08.2012

Angehörige der Bundespolizei verfolgten ein Auto mit diplomatischen Nummernschildern und eröffneten das Feuer. Vermutlich handelten sie im Dienste der Drogenmafia.

Mindestens dreissig Einschusslöcher: Der von Kugeln durchsiebte SUV der amerikanischen Botschaft. (24. August 2012)

Mindestens dreissig Einschusslöcher: Der von Kugeln durchsiebte SUV der amerikanischen Botschaft. (24. August 2012)
Bild: Reuters

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Der Vorfall ist für die mexikanische Regierung äusserst peinlich und dürfte zu diplomatischen Spannungen mit dem nördlichen Nachbarn führen. Am Freitag war eine Grossraumlimousine der amerikanischen Botschaft mit drei Insassen unterwegs zu einer Ausbildungsstätte der mexikanischen Marine, als das Fahrzeug beschossen wurde. Die Angreifer waren jedoch nicht Mitglieder eines Drogenkartells, sondern Beamte der mexikanischen Bundespolizei – jener Organisation also, die Mexikos Präsident Felipe Calderón bei jeder Gelegenheit rühmt und der im Drogenkrieg eine Schlüsselrolle zukommt.

Waffen gezeigt und geschossen

Die Schiesserei ereignete sich in einem hügeligen, bewaldeten, hoch gelegenen Gebiet zwischen Mexiko-Stadt und Cuernavaca. Im Auto der US-Botschaft sassen zwei amerikanische Sicherheitsfunktionäre und ein Offizier der mexikanischen Marine. Zunächst wurden sie von einem Auto verfolgt, dessen Insassen Waffen vorzeigten. Der Marineoffizier, der am Steuer der gepanzerten Limousine sass, wendete und ergriff die Flucht. Es kam zu einer Verfolgungsjagd über vier Kilometer, an der sich fünf weitere Fahrzeuge der Bundespolizei beteiligten; einigen Augenzeugen zufolge waren auch Privatfahrzeuge darunter.

Die Uniformierten eröffneten das Feuer. Beide Amerikaner, die genauso wie ihr Fahrer angeblich unbewaffnet waren, wurden leicht verletzt. Die Angegriffenen riefen die Marine zur Hilfe, die in unmittelbarer Nähe einen Stützpunkt betreibt. Es gelang ihren Soldaten, die Polizisten in die Flucht zu schlagen. Der Wagen der US-Botschaft wies mindestens dreissig Einschusslöcher auf; die Ermittler stellten rund 50 Patronenhülsen sicher.

Verwechslung ausgeschlossen

Zunächst waren es abermals Bundespolizisten, die den Tatort absicherten. Sie versuchten, Reporter und Fotografen wegzuweisen, doch als immer mehr Marinesoldaten auftauchten, waren sie es, die sich eilig zurückzogen. Es erschienen auch Angehörige der amerikanischen Botschaft in kugelsicheren Westen. Ein Marinesoldat sagte: «Das war sicher keine Verwechslung, denn die Diplomatennummer am angegriffenen Auto war ganz klar zu erkennen. Wir wissen nicht, für wen diese Polizisten arbeiten. Offensichtlich wollten sie die Insassen des Fahrzeugs schlicht vernichten. Als wir vorfuhren, sind sie geflohen.» Angeblich befanden sich unter den Angreifern auch Zivilpersonen, möglicherweise Mitglieder eines Drogenkartells.

Am Samstag wurde bekannt, dass die mexikanischen Behörden zwölf Bundespolizisten verhaftet haben. Einige von ihnen sollen ausgesagt haben, sie hätten das Feuer erst eröffnet, nachdem der Fahrer des angegriffenen Fahrzeuges sich mehrmals geweigert hatte, sofort anzuhalten. Andere Beschuldigte behaupten, sie seien zuerst beschossen worden und hätten sich lediglich gewehrt – sollte es zutreffen, dass die Angestellten der US-Botschaft unbewaffnet waren, ist dies eine offensichtliche Lüge. Und auch sonst ist nicht einzusehen, weshalb US-Botschaftsmitglieder mexikanische Ordnungskräfte attackieren sollten.

US-Botschaft spricht von einem Hinterhalt

In einem Communiqué schrieb die US-Botschaft in Mexiko-Stadt, ihre Angestellten seien in einen Hinterhalt geraten. Der Sprecher der mexikanischen Regierung bedauerte den Vorfall zutiefst und versprach, die Behörden würden eng mit den Amerikanern zusammenarbeiten, um ihn lückenlos aufzuklären. Welche Auswirkungen der Angriff auf das bilaterale Verhältnis zwischen den beiden Staaten hat, lässt sich erst abschätzen, wenn feststeht, warum er erfolgte und wer genau dafür verantwortlich ist. Allerdings wurde einmal mehr deutlich, dass der mexikanischen Regierung die Kontrolle über einen Teil ihrer eigenen Einheiten entglitten ist und dass im mexikanischen Drogenkrieg immer weniger klar ist, wer auf welcher Seite steht.

Es ist nicht das erste Mal, dass US-Funktionäre in den mexikanischen Drogenkrieg verwickelt werden. Im Februar 2011 erschossen Mitglieder des als besonders brutal geltenden Kartells Los Zetas den Spezialagenten Jaime Zapata. Auch er war während einer Autofahrt in einen Hinterhalt geraten. Die amerikanischen Behörden reagierten mit einer gross angelegten Razzia gegen mexikanische Drogenmafiosi, die sich in den Vereinigten Staaten festgesetzt hatten.

Eine Legende namens Kiki Camarena

Bekannter noch ist der Fall des DEA-Ermittlers Enrique «Kiki» Camarena, dem es zu Beginn der 1980er-Jahre gelungen war, sich als Undercover-Agent beim Drogenkartell von Guadalajara einzuschleichen. Nachdem die Kriminellen seine wahre Identität entdeckt hatten, liessen sie ihn von korrupten Polizisten entführen und folterten ihn zu Tode. Darauf lancierte die DEA in Mexiko die «Operation Legende». Unter dem enormen Druck der US-Regierung gelang es erstaunlich schnell, die Bosse des Guadalajara-Kartells zu verhaften. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 25.08.2012, 21:17 Uhr

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