Klare Ansagen des alten Guerilleros
Grösser hätten die Gegensätze nicht sein können: Hier der deutsche Aussenminister in Anzug und Krawatte, dort der ehemalige Guerillakämpfer im offenen Hemd, der seit neun Tagen an der Spitze Uruguays steht und so völlig unbeeindruckt von der eigenen Bedeutung ist.
Und doch wirkte es wie der Beginn einer wunderbaren Freundschaft, als sich Guido Westerwelle am Dienstag in Montevideo mit Präsident José Mujica traf.
Westerwelle war der erste Aussenminister seit mehr als 20 Jahren, der das kleine Land am Rio de la Plata besuchte. Er kam zur richtigen Zeit: Die neue linke Regierung ist frisch im Amt, und der alte Sozialist Mujica liess keinen Zweifel daran, dass er die Probleme des Landes so schnell wie möglich anpacken will - am liebsten mit tatkräftiger Unterstützung aus Europa.
Hoch konzentriert hakte der einstige Mitbegründer der Tupamaros, der viele Jahre im Gefängnis sass, einen langen Aufgabenkatalog ab, der von digitalen Standardformaten beim Fernsehen bis zur Zusammenarbeit mit deutschen Firmen beim Ausbau der Erneuerbaren Energien reichte - ein zentrales Thema für das Land, das mehr als die Hälfte seines Energiebedarfes über Importe decken muss.
Brüderle konnte nicht mit
Die Botschaft war klar: «Die Tür steht offen», betonte der 74-Jährige. Er liess erkennen, wie argwöhnisch auch in Uruguay das Engagement der Chinesen beobachtet wird, die immer stärker auf die lateinamerikanischen Märkte drängen. Dies könne durch eine enge Bindung an Europa ausbalanciert werden, sagte Mujica.
Westerwelle reagierte hoch erfreut, verwies auf das Knowhow von kleineren und mittleren deutschen Firmen, die auch bei den Erneuerbaren Energien viel zu bieten hätten. Der Aussenminister unterstrich damit ein weiteres Mal, wie sehr er sich für die deutsche Wirtschaft einzusetzen gedenkt, wie massiv er die Aussenwirtschaftsförderung betreibt.
So sehr, dass er ursprünglich sogar überlegt hatte, Wirtschaftsminister Rainer Brüderle mit auf die Lateinamerika-Reise zu nehmen. Doch der Parteifreund konnte nicht weg, da er in Berlin die Internationale Tourismusbörse eröffnen musste.
Begeisterung in der Wirtschaftsdelegation
So kritisch die Reaktionen in Deutschland auch sind, die Vertreter der deutschen Wirtschaft, die Westerwelle auf der Südamerika-Reise begleiten dürfen, sind von seiner Unterstützung restlos begeistert. «Der bringt die richtigen Leute zusammen: Wir hatten heute das ganze Kabinett am Tisch!», freute sich Unternehmer Ulrich Gräber nach den Gesprächen in Montevideo. «Das ist einfach toll, wie der Türen öffnet. Das kenne ich sonst nur von den Franzosen.»
Gräber weiss, wovon er spricht. Er ist Geschäftsführer des deutsch-französischen Technologiekonzerns Areva, der nicht nur Atomkraftwerke baut, sondern auch auf Erneuerbare Energien setzt. Dass beim Besuch von Westerwelle auch noch ein Doppelbesteuerungsabkommen mit Uruguay vereinbart wurde, dürfte die Zusammenarbeit weiter befördern.
«Typisch deutsche Neiddebatte»
Den Verdacht, Westerwelle nehme bevorzugt Unternehmer mit, die für die FDP gespendet hätten, halten sie in der neunköpfigen Wirtschaftsdelegation für lächerlich. «Das ist doch eine typisch deutsche Neiddebatte», sagt einer, der aber lieber nicht namentlich genannt werden möchte. Auch die Kritik an der Mitreise von Westerwelles Lebensgefährten Michael Mronz hat hier Kopfschütteln ausgelöst.
Der Aussenminister aber ist darüber offenbar so erzürnt, dass er auf dem Flug nach Montevideo eine erstaunliche Erklärung verbreiten lässt. Er freue sich über die Begleitung von «Herrn Mronz», heisst es darin, die auf eigene Kosten erfolge und dessen soziales Engagement zeige. «Das wollen und werden wir fortsetzen.»
Die erste Hälfte von Westerwelles Lateinamerika-Reise hat die Diskussion somit schon überschattet. In der Nacht zum Mittwoch landete der Aussenminister in Brasilien, der letzten Station seines einwöchigen Trips. Ob er die Vorwürfe hier los wird, ist fraglich. Wenn sich Westerwelle am Freitag in Rio de Janeiro über die Vorbereitungen zur Fussball-Weltmeisterschaft 2014 und den Olympischen Spielen 2016 informiert, wird Sportveranstalter Mronz jedenfalls nicht dabei sein. (jak/ddp/)
Erstellt: 10.03.2010, 11:47 Uhr





