Ausland

Journalisten haben die Aufgabe des Aaskäfers

Von Constantin Seibt. Aktualisiert am 13.12.2010 3 Kommentare

Dank Wikileaks verliert die Presse nach dem Nachrichtenmonopol auch noch das Monopol auf Informanten.

Hacker sind traditionell anarchistisch geprägt: Maskierte Aktivisten demonstrieren in Málaga für die Freilassung von Wikileaks-Gründer Julian Assange.

Hacker sind traditionell anarchistisch geprägt: Maskierte Aktivisten demonstrieren in Málaga für die Freilassung von Wikileaks-Gründer Julian Assange.
Bild: Reuters

Früher wurden Journalisten von Politikern öfter als Ratten, Fliegen, Gewürm bezeichnet. Das war charmant gesagt. Denn die vornehmste Aufgabe der Presse ist es, dort hungrig zu werden, wo es stinkt. Journalisten haben von Funktion, Charakter und Appetit her die Aufgabe des Aaskäfers: Wichtigste Aufgabe ist, Leichen auszugraben, bevor diese das Grundwasser vergiften.

Der Enthüllungsjournalismus hatte seine grossen Erfolge in den 70er-Jahren, als die Washingtoner Lokalreporter Bernstein und Woodward fast im Alleingang den US-Präsidenten Nixon zum Rücktritt zwangen: Sie wiesen ihm schwarze Kassen, Abhörnetze und Einbrüche beim politischen Gegner nach. Die beiden hatten einen Informanten weit oben im Geheimdienst. Dieser, ein Vizechef der CIA, outete sich 30 Jahre später. Sein Motiv für den Geheimnisverrat war weniger Abscheu über Gesetzesbrüche. Sondern, dass er bei einer Beförderung übergangen worden war.

Neue Elite an der Macht

Bis heute gilt: Kaum eine grössere Enthüllung findet statt, ohne dass jemand petzt. Und die Informanten reden selten nur aus Wahrheitsliebe: oft auch aus verletztem Stolz, aus Hass auf Vorgesetzte oder sogar aus Geldgier. Das ist kein Wunder, denn Indiskretion ist die Waffe des Machtlosen. Als Chef kann man eine Organisation ändern, wenn man will. Als Untergebener nicht. Ausser durch Macht von aussen, mit der Presse.

Zumindest einst. Das Problem der Zeitungen und Zeitschriften ist, dass die interessanteren Tippgeber neuerdings anderswohin gehen: Der UBS-Manager Bradley Birkenfeld meldete sich bei den US-Behörden, die daraufhin einen ganzen Geschäftszweig der Bank als quasikriminelle Organisation entlarvte. Andere Banker verkauften Daten-CDs nicht der Presse, sondern der deutschen Steuerfahndung. Kurz: Heutige Informanten gehen dorthin, wo sie den stärksten Verbündeten vermuten. Die einen zum Staat. Die anderen zu den Anarchisten. Denn mit Wikileaks hievt sich eine neue Elite an die Macht: die Hacker. Diese, traditionell anarchistisch geprägt, haben eine handlungsfähige Ideologie: Das Individuum hat immer recht. Staat und Konzerne sind Verschwörungen. Und alle Informationen gehören ins Netz.

Wenig Neues

Durch ihre Entschlossenheit und durch ihr technisches Know-how sind sie fröhlicher und druckresistenter als eine Presse, die ihr Nachrichtenmonopol selbst in harmlosen Fällen ans Internet verloren hat. Nur wenige Zeitungen haben noch die Kapazitäten, ihrer nützlichen Aufgabe als Aaskäfer nachzugehen: Zeitungen wie der «Guardian» oder der «Spiegel», die quasi als Wikileaks-Subunternehmer in dessen Datenbergwerken arbeiten.

Die Pointe an den Wikileaks-Enthüllungen und dem Birkenfeld-Fall ist jedoch, dass sie zwar interessante Details enthalten, aber wenig fundamental Neues: Alles Enthüllte war schon irgendwie bekannt.

Letzte Chance

Und das gibt der an Top-Informanten-Mangel leidenden Restpresse eine letzte Chance: Die Welt ist doch durchschaubar. Die Details bleiben Geheimnisse. Und wenn nicht, gehen sie in einer Datenflut unter. Das, was richtig stinkt, liegt anderswo: im Grossen. So viele kleine Betrüger die USA auch durch Informanten entlarvten, sie verpasste den Monsterbetrug, dass sich ihr Häusermarkt längst in ein von Banken organisiertes Schneeballsystem verwandelt hatte.

Dort, im für alle Ersichtlichen, ist die letzte Chance auf Neuigkeiten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.12.2010, 22:27 Uhr

3

Kommentar schreiben







 Ausland





Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

3 Kommentare

Joachim Kuhn

13.12.2010, 10:23 Uhr
Melden

Lieber Herr Seibt "Nur wenige Zeitungen haben noch die Kapazitäten, ihrer nützlichen Aufgabe [...] nachzugehen" - Da liegt doch genau der Hund vergraben :-( Da Werbung die Haupteinnahmequelle von Gratisblättern und Onlineausgaben ist, muss der Inhalt an den Kunden angepasst werden: Den Werbern. Skandale, Attraktionen, Katastrophen... Alles was Klicks erzeugt. Das ist doch sch...ade. Antworten


Max Peters

13.12.2010, 08:50 Uhr
Melden

Auch die kleinen Betrügereien sind aufdeckenswert. Der Artikel erwähnt den (US) Häusermarkt als nächster aufzudeckender Betrug. Warum nicht gleich unser Geldsystem, unsere Form der Demokratie? Vermutlich zu gross für TA. Und ausserdem alles schon lange bekannt. Im Netz. Aufgedeckt nicht durch Informanten, sondern durch Logik. Die Presse als 4. Gewalt im Staat ist schon lange ein Teil des Skandals. Antworten



Ausland

Populär auf Facebook Privatsphäre

Immobilien

Marktplatz
Wohnung/Haus suchen

Weitere Immo-Links
homegate TV
Hypotheken vergleichen
Umzug
Immobilie inserieren
Inserat erfassen
Grillsaison
homegate Besser grillieren mit unseren Experten-Tipps Mehr

In Partnerschaft mit:

Homegate

Online-Wettbewerb

Gewinnen Sie einen Tageseintritt im Bernaqua.
Jetzt mitmachen!

Familie, Beruf und Studium

Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.

Live @ Sunset

11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!

Online-Wettbewerb

Jetzt mitmachen!: Gewinnen Sie einen Abend als Statist bei den Tellspielen Interlaken!

DIE AGENDA

Informieren Sie sich über aktuelle Kulturveranstaltungen in der Stadt und Umgebung.