Jetzt kommen die unmoralischen Angebote
Von Andreas Valda, Santiago de Chile. Aktualisiert am 14.10.2010 3 Kommentare
Artikel zum Thema
Dreiunddreissig Mineure stiegen am Mittwoch aus dem Bergungsrohr der Mine San José. In der Folge erlebten Zuschauer auf der ganzen Welt dreiunddreissig unterschiedliche Reaktionen bei der Ankunft: Vom verhaltenen, fast tristen Ausdruck bis zur überschwänglichen Freude gab es alles zu sehen. Gemeinsam waren allen ersten Begegnungen offensichtliche starke Emotionen.
Sie hatte die Qualität einer Droge. Zuschauer in aller Welt konnten sich von der Nonstop-Berichterstattung nur schwer lösen. 200 Millionen Personen verfolgten die Berichte. Allein 20'000 waren es im Schnitt auf DerBund.ch/Newsnet in jedem Moment seiner 30-stündigen Live-Sendung.
Eine perfekte Bergungsoperation
Vor jedem Aufzug herrschte bei den Angehörigen, Politikern und Rettungshelfern Anspannung, dass doch etwas schiefgehen könnte. Doch jedes Mal ging alles gut. Ja, sogar jedes Mal noch besser. In der Schlussphase dauerte ein Aufzugszyklus – das Hinunterlassen der Kabine, der Einstieg und Aufzug der Kabine an einem Stahlseil – im Schnitt 22 Minuten. Das heisst, die letzten neun Mineure erschienen innert drei Stunden an der Oberfläche – ein unerhörter Rekord.
Die Welt wurde Zeuge einer perfekten Bergungsoperation, die kontrolliert, routiniert, sicher und effizient wirkte. Sie dürfte weltweit zur Messlatte für Rettungsaktionen im Bergbau werden, einer Branche, die jedes Jahr für Unglücksmeldungen sorgt und sorgen wird.
Wenn man das Haar in der Suppe suchen wollte, dann war es die gegenseitige Lobhudelei des Präsidenten Sebastián Piñera und seiner Minister und Beauftragten. Doch das waren kurze Momente, die man mit der Distanz zum Ereignis vergessen wird.
Die Journalisten stürzten sich auf die Angehörigen
Schon störender war das Verhalten der Journalisten im Lager der Mine Esperanza. Sie stürzten sich in Horden auf die Angehörigen, die sichtlich unter der Fragerei litten und keine Möglichkeit hatten, sich vor der medialen Ausbeutung ihrer Gefühle zu schützen. Es hätte gut getan, den Zugang zu limitieren.
Die Mineure hingegen wurden von der Regierung bisher konsequent abgeschirmt. Doch die Drohkulisse bleibt aufrecht. Die Stunden sind für sie gezählt. Sobald die ersten Kumpel am Freitag oder in der folgenden Woche aus dem Spital entlassen werden, wird die Jagd auf sie aufgenommen werden. Dann werden die unmoralischen Angebote beginnen, um zu erfahren, wer wem in 700 Meter Tiefe fast die Augen ausgestochen hat.
Ansatzweise hat dies schon begonnen, indem bekannt wurde, dass sich während der ersten siebzehn Tage eine Front aufgetan hat zwischen zwei Gruppen. 5 gegen 28, lauteten die Schlagzeilen der Berichte. Offenbar waren fünf Mineure von einer anderen (Temporär-)Firma angeheuert worden als die übrigen 28, die von der Betreibergesellschaft beschäftigt waren. Die fünf versuchten in der Frühphase auf eigene Faust, einen Ausweg zu suchen, statt sich dem Schichtchef Luis Urzúa unterzuordnen.
«Haltet zusammen»
Für die Mineure dürfte es nur zu einem Happyend kommen, wenn sie geeint auftreten und sich nicht durch fiese Storys und selbst ernannte Experten auseinanderdividieren lassen. Als Vorbild gelten die Uruguayer, die 1972 in den Anden abgestürzt sind und 72 Tage lang verschollen blieben. Von 45 Passagieren überlebten 16, unter anderem, weil sie Schnee zu Wasser schmolzen und das Fleisch ihrer toten Mitreisenden zu Trockenfleisch verarbeiteten. Nach ihrer Rettung wurden sie überrannt von Medien. Sie hielten stand. Ihr Wortführer, José Luis Inciarte, war in Copiapó bei der Mine und gab den Mineuren über Video einen wertvollen Typ: «Haltet zusammen. So könnt ihr über die Geschichte bestimmen, die nach eurer Bergung einmal geschrieben werden wird.»
Gestern sagte der Bergmann Mario Sepúlvera, der als Zweiter heraus gekommen ist, in einem Kurzinterview: «Heute sind wir draussen. Morgen müssen wir dafür sorgen, dass das Leben von Mineuren anders wird.»
Jeder muss für sich selber sorgen
Die Mineure dürfen dabei nicht auf die Anstrengungen der Regierung setzen. Die Politik wird eine Weile über Verschärfungen von Kontrollen und Normen sprechen. Doch dann wird sich die Euphorie legen, die Reformen werden vertagt werden, mit dem Argument, dass eine Verschärfung zu einem Verlust von Tausenden Arbeitsplätzen führen würde.
In Chile muss, das zeigt die Vergangenheit, jeder für sich selber sorgen. Jede soziale Schicht muss ihre Rechte erkämpfen und sei es das banale Recht auf sichere Arbeitsplätze und den Schutz vor Ausbeutung durch kleine und mittelgrosse Minenunternehmer.
(DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 14.10.2010, 11:43 Uhr
Kommentar schreiben
3 Kommentare
Glückwünsche nach Chile zur erfolgreichen Rettungsaktion! Dank 24 Stunden Livestream wurde die Welt zeuge von bewegenden Momenten. Diese Geschichte schreit förmlich nach einer Verfilmung durch Hollywood oder sonst jemanden. Wie das auch der Fall war nach dem Flugzeugabsturz 1972. Für die Kumpel ist zu hoffen, dass ihnen ein guter Kommunikationsberater zur Seite gestellt wird... Antworten
Sehr guter Artikel Andreas, die Analyse ist treffend. Ob die Kumpel es schaffen, sich jetzt "richtig" zu verhalten und auch wirklich zusammenzuhalten, erachte ich als eher unwahrscheinlich, kommen doch alle aus den unteren Schichten. Untere Schicht heisst tiefer Bildungsstand, was den "Maradona Effekt" für den einen oder den anderen Kumpel verursachen könnte: Überforderung mit der neuen Situation! Antworten
Ausland
Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.
Live @ Sunset
11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!
Online-Wettbewerb
Jetzt mitmachen!: Gewinnen Sie einen Abend als Statist bei den Tellspielen Interlaken!




