Ausland
In Kolumbien beginnt ein neues Geiseldrama
Von Sandro Benini. Aktualisiert am 02.05.2012 6 Kommentare
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Die Schreckensnachricht kam am Dienstag, drei Tage nachdem der französische Journalist Roméo Langlois die kolumbianische Armee bei einem Einsatz im Süden des Landes begleitet hatte und spurlos verschwunden war. Eine Frau, die sich als Farc-Guerillera ausgab, rief mehrere einheimische Pressevertreter auf deren Handy an. Sie verlas folgende Mitteilung: «Die Front 15 der Farc informiert die Öffentlichkeit, dass sich der französische Journalist in unseren Händen befindet und wir ihn als Kriegsgefangenen betrachten. Er wurde in Militäruniform bei einem Gefecht gefangen genommen. Er ist leicht an einem Arm verletzt, hat medizinische Betreuung erhalten und befindet sich ausser Gefahr. Gezeichnet Generalstab der Front 15, Block Süd der Farc, Berge von Caquetá, 30. April 2012.»
Ketten, Insekten, Hundefrass
Sollte die Mitteilung echt sein, hat für den Franzosen ein Albtraum begonnen, der Jahre dauern könnte. Der 35-Jährige weiss genau, was auf ihn zukommt, denn er lebt seit zehn Jahren in Kolumbien. Er hat für den Fernsehsender France 24 sowie die Zeitung «Le Figaro» unter anderem über die Gefangennahme und Befreiung von Ingrid Betancourt berichtet und dürfte die meisten Bücher von ehemaligen Farc-Geiseln gelesen haben – Bücher, in denen die Qualen in den Dschungelgefängnissen der kommunistischen Rebellen beschrieben werden: die Ketten, mit denen die Gefangenen schlafen müssen, der Hundefrass, die Bruthitze, die Insekten, die Langeweile. Und die endlosen Märsche von einem Lager zum anderen.
Langlois war zu Beginn der vergangenen Woche gemeinsam mit seinem italienischen Kollegen Simone Bruno in das südkolumbianische Departement Caquetá geflogen. Die beiden wollten die Ordnungskräfte bei einem Einsatz begleiten, der wegen schlechten Wetters mehrere Tage lang verschoben wurde. «Am Freitag bin ich wieder nach Hause zurückgekehrt, während Roméo ausgeharrt hat», sagt Bruno. «Zum letzten Mal habe ich am Freitagabend mit ihm gesprochen. Er sagte, die Aktion würde am nächsten Morgen um vier Uhr beginnen.»
Den Helm und die kugelsichere Weste hat er abgestreift
Nachdem die Ordnungskräfte fünf Labors zur Herstellung von Kokain zerstört und 400 Kilo der Droge beschlagnahmt hatten, wurden sie von einer Farc-Einheit unter Beschuss genommen. Dabei kamen drei Soldaten und ein Polizist ums Leben. Langlois traf eine Kugel in den linken Arm. Er habe seine kugelsichere Weste und den Helm abgestreift, um sich als Zivilist zu erkennen zu geben. Einige Soldaten berichteten, er sei in Panik auf die Rebellen zugerannt. Anderen Schilderungen zufolge hat er sich ohne Hektik ergeben. Der Journalist gilt als erfahren und risikobewusst.
Schon kurz nach der Entführung gab der kolumbianische Präsident Juan Manuel Santos bekannt, es bestünden klare Indizien, wonach sich Langlois in der Gewalt der Farc befinde. Santos erinnerte die marxistische Guerilla an ihr vor wenigen Wochen abgegebenes Versprechen, keine Zivilisten mehr zu entführen. «Die Farc müssen nun Kolumbien und der ganzen Welt zeigen, dass sie Wort halten.» Auch Frankreichs Aussenminister Alain Juppé forderte Langlois' sofortige Freilassung. Kolumbiens Vizepräsident Angelino Garzón kritisierte, dass die Armee den Journalisten an der Aktion teilnehmen liess und mit militärischer Kleidung ausgerüstet hatte. Mehrere von der Zeitschrift «Semana» befragte ausländische Reporter betonten, es sei schwierig, von den Ordnungskräften als «eingebettete Journalisten» mitgenommen zu werden. «Mir ist das in elf Jahren ein einziges Mal gelungen», sagte ein Korrespondent. Der kolumbianische Verteidigungsminister Juan Carlos Pinzón betonte, eine militärische Befreiung komme nur infrage, wenn die französische Regierung damit einverstanden sei.
Kein Wort im Internet
Mit einer gewissen Verwunderung haben die Beobachter allerdings festgestellt, dass auf den einschlägigen, von der Farc jeweils für ihre Verlautbarungen benutzen Internetseiten bis Mittwochmorgen Schweizer Zeit kein Wort über das Schicksal des Franzosen zu lesen war und auch keine Forderungen betreffend seiner Freilassung. Einzig die Agentur Anncol bezeichnete Langlois als «Kino-Regisseur», der eine «cinematografische Aktion des Militärs» gefilmt habe. Verantwortlich für seine Gefangennahme sei die kolumbianische Armee. Anncol verbreitet häufig Communiqués der Farc, der betreffende Text war aber nicht als solches gezeichnet.
Dass die angebliche Guerillera den Journalisten beim telefonischen Verlesen ihrer Nachricht einen «Kriegsgefangenen» nannte, lässt Schlimmes befürchten – immer vorausgesetzt, es handelte sich nicht um eine Wichtigtuerin. Offensichtlich stellen sich die Farc auf den Standpunkt, das Versprechen, keine Zivilisten mehr zu kidnappen, gelte für Langlois nicht. Eine ausländische Geisel könnten die Guerilleros als ideales Druckmittel betrachten, um neben der kolumbianischen Regierung auch die internationale Gemeinschaft zu erpressen – genau so, wie sie es mit der kolumbianisch-französischen Doppelbürgerin Ingrid Betancourt und drei US-Amerikanern sechs Jahre lang getan haben. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 02.05.2012, 19:54 Uhr
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6 Kommentare
Grobfahrlässiges, kalkuliertes Abenteuer-Risiko? Nutzloser Journalismus! Kein Schaden für den seriösen Journalismus. Der ausgebeuteten, einheimischen Bevölkerung sollte geholfen werden. Diese Trittbrettfahrer sollen sich doch selber helfen. Antworten
Wie im Artikel erwähnt, hatte die FARC erklärt, sie werde fortan auf Geiselnahmen verzichten. Offensichtlich wieder mal leere Versprechen, was beweist, dass man mit dieser Terror- und Rauschgiftbande keine Abmachungen eingehen kann. Antworten
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