«Ich dachte, ich müsste jemanden töten»
Aktualisiert am 01.05.2010 11 Kommentare
«Die ganzen Geräte sind sehr faszinierend»: James Bain erlitt einen Kulturschock. (Bild: Keystone )
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Als James Bain 1974 verurteilt wurde, sass Präsident Richard Nixon im Weissen Haus, Benzin kostete 50 Cents, es gab keine Handys, kein Internet. Damals war Bain 19 Jahre alt. Heute ist er 54. Aus dem Teenager ist ein Mann geworden, mit tiefen Furchen im Gesicht.
35 Jahre hatte Bain im Gefängnis gesessen, verurteilt zu lebenslanger Haft für ein Verbrechen, das er nicht begangen hatte. Das ist in den USA trauriger Rekord. Keiner der 248 Verurteilten, die später dank Erbgutproben ihre Unschuld beweisen konnten, musste so lange hinter Gittern schmachten.
Ein Richter im US-Bundesstaat Florida sprach den 54-jährigen James Bain am 17. Dezember davon frei, ein Kind vergewaltigt zu haben. «Herr Bain, ich unterzeichne diese Anordnung und Sie sind jetzt ein freier Mann», sagte der Richter unter dem Jubel von Freunden und Angehörigen. In Florida erlaubt seit dem Jahr 2001 ein Gesetz, alte Kriminalfälle mithilfe von Gentests erneut zu untersuchen.
35 Jahre lang nicht durchdrehen
Jetzt hat Bain erstmals die USA verlassen. In einem Hamburger Hotel gibt er «Spiegel online» ein Interview. «Ich möchte Leuten mit meiner Geschichte Hoffnung geben.» Er beschreibt, wie er es geschafft hat, 35 Jahre lang nicht durchzudrehen. Er habe an seine Familie gedacht, an Gott und seine Freunde.
Als Teenager sei das Leben unter den Schwerkriminellen sehr hart gewesen: «Anfangs dachte ich, ich müsste vielleicht sterben. Oder selbst jemanden töten. Ich habe zwar versucht, mich von Ärger fernzuhalten. Aber das gelang nicht immer. Ich war oft in Prügeleien verwickelt.» Je länger er im Gefängnis sass, desto weniger Probleme quälten ihn aber.
Von der Technologie überrumpelt
Die Hoffnung auf Entlassung hatte er irgendwann einmal aufgegeben. «Als die Jahre vergingen, dachte ich: Du kommst hier nicht mehr raus. Du wirst im Knast sterben.»
Im Dezember ist er dann aber doch noch freigekommen. Die Welt ausserhalb der Gefängnismauern hat sich in den letzten 35 Jahren fundamental verändert. Für Brain ist das Leben in Freiheit ein Schock. Alles fühlt sich für ihn völlig neu an. Von der Technologie zeigt er sich überwältigt. «Die ganzen Geräte sind sehr faszinierend.» Er sagt gegenüber «Spiegel online» auch, dass die Menschen heute anders denken und handeln würden. «Im Gefängnis verpasst man so viel. Man fällt immer weiter zurück, während die Gesellschaft vorankommt. Nun muss ich versuchen, aufzuholen.»
Bain bereut vor allem, dass er nie die Chance hatte, eine Familie zu gründen. Heute ist er ein reicher Mann: Die USA zahlen ihm für jedes Jahr in Haft 50'000 Dollar Entschädigung – das macht total 1,75 Millionen. Auf den Strassen werde er erkannt. «Ich fühle mich beinahe wie ein Promi.»
Als nächstes will er seinen Führerschein neu machen und den Schulabschluss nachholen. Aber vor allem möchte er sich auf die Zukunft vorbereiten. Eine Zukunft in Freiheit. (bru)
Erstellt: 01.05.2010, 14:21 Uhr














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