Ausland

Drogenkrieg 2.0

Von Sandro Benini, Mexico City. Aktualisiert am 20.08.2010 40 Kommentare

Mexiko ist schockiert über einen Narco-Blog – und rätselt, wer dahintersteckt.

Albtraumgefahr: Wer die Internetseite unter dem Stichwort «Blog del Narco» öffnen will, möge sich gut überlegen, was er anklickt.

Albtraumgefahr: Wer die Internetseite unter dem Stichwort «Blog del Narco» öffnen will, möge sich gut überlegen, was er anklickt.
Bild: Keystone

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Vor einigen Monaten begann ein unbekannter Mexikaner, in seinem Blog Dokumente über den Drogenkrieg zu veröffentlichen: Videos, Fotos, Nachrichten, Gerüchte. Der erste Beitrag war ein Video, das eine Schiesserei zwischen verfeindeten Verbrecherbanden zeigt, irgendwo in einem verlorenen Dorf des nordmexikanischen Bundesstaates Tamaulipas – so verloren, dass nicht einmal die Polizei etwas vom Schusswechsel gewusst hatte und erst durch den Blogger davon erfuhr.

Seither hat sich der «Narco-Blog» zum aussergewöhnlichsten Internetphänomen Mexikos entwickelt. Sein Begründer verfolgt eine denkbar einfache Strategie: Er bringt alles unzensiert und beruft sich darauf, das Gemetzel lediglich zu dokumentieren. Sein grosser Vorteil ist die Anonymität: Während Journalisten von Fernsehsendern und Zeitungen immer öfter bedroht, entführt und manchmal sogar ermordet werden, bleibt der Narco-Blogger ein Phantom. Während die Behörden häufig ein Interesse daran haben, einzelne Episoden des Drogenkriegs zu verschweigen oder zu beschönigen, braucht sich der Narco-Blogger um die Folgen seiner Veröffentlichungen nicht zu kümmern.

Einschüchterungen und Beweise

Beliefert wird er mittlerweile von Verbrechern und Ermittlern gleichermassen: Die Drogenkartelle nutzen seinen Blog, um ihre Gegner oder die Bevölkerung einzuschüchtern und zu zeigen, wie grausam sie mit Verrätern umspringen. Die Ordnungskräfte brauchen ihn, um der Öffentlichkeit zu beweisen, dass sie sich gegen die schwer bewaffneten Syndikate durchaus zu wehren wissen.

Wann immer irgendeine am Drogenkrieg beteiligte Gruppe oder Institution will, dass etwas an die Öffentlichkeit dringt, dann wendet sie sich an den Narco-Blog. So ist die Seite zu einer virtuellen Propagandabühne geworden, auf der das Blut nur so spritzt. Gleichzeitig dient sie immer häufiger als durchaus ernst zu nehmende Informationsquelle. Zumindest einmal hat ein im Narco-Blog veröffentlichter Beitrag zu einer Verhaftung geführt: Auf einem Video behauptet ein von Gegnern gekidnapptes Kartellmitglied, dass eine Gefängnisdirektorin bestimmten Insassen Urlaub erteile und Waffen aushändige, damit sie draussen mit ihren Feinden abrechnen können. So unglaublich die Geschichte klingt, sie stellte sich als richtig heraus. Das Video zeigt auch, wie der Gefangene erschossen wird. Andere Veröffentlichungen sind weniger schockierend – etwa Bilder, auf denen die halbwüchsige Tochter eines Capos Geburtstag feiert, zusammen mit bekannten lokalen Musikern.

Facebook und Twitter nutzen

Der Narco-Blogger ist auch auf den sozialen Netzwerken Facebook und Twitter aktiv. Zu seinen Lesern gehören nicht nur die grossen einheimischen Medien, sondern auch der Nachrichtensender CNN, das mexikanische Verteidigungsministerium, Staatspräsident Felipe Calderón sowie das amerikanische FBI. Kritiker werfen dem Internet-Aktivisten vor, im Dienste des organisierten Verbrechens zu stehen oder ihm zumindest eine Plattform zu liefern.

Als ihm die Presseagentur Associated Press kürzlich ein Mail schickte, rief er per Handy zurück. Er sei ein gut zwanzigjähriger Informatikstudent aus Nordmexiko und habe sich mit dem Narco-Blog eigentlich bloss die Zeit vertreiben wollen. Nun erhalte er aber mehrere Hundert Beiträge pro Tag, weshalb er einen Kollegen um Hilfe gebeten habe. Dass er Informatik studiert, könnte stimmen, denn die Firewall um seinen Blog ist Experten zufolge ungewöhnlich stabil gebaut.

Vorsicht: Albtraumgefahr

Zum Schluss noch eine Warnung: Wer die Internetseite unter dem Stichwort «Blog del Narco» googeln und öffnen will, möge sich gut überlegen, was er anklickt. Denn zuzuschauen, wie jemand geköpft wird, kann schlaflose Nächte bereiten. Von machen Dingen genügt es zu wissen, sehen sollte man sie besser nicht. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.08.2010, 22:36 Uhr

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40 Kommentare

Anton Maler

20.08.2010, 10:02 Uhr
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Ja, bei diesen Bildern gibts kein "Reset". Leider sind diese Bilder aber auch Teil unserer Realität. Die Schweiz als Ort des parasitären Wohlstands muss sich die Welt wohl zurecht schönen, damit sie ihrem Gewissen gegenüber eine moralische Legitimation für ihre restriktive Asylpolitik hat. Ohne die Wohlstand-Junkies der USA und Europas gäbe es gar keinen Drogenkrieg. Antworten


Fred Büchi

20.08.2010, 08:55 Uhr
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Falls dieser Beitrag zeigen sollte, wie weit handelsübliche Medien von der Realität entfernt sind - gratuliere, das ist gelungen. Uebrigens: Falls es sich hier um Verbrechersyndikate handeln sollte, wäre es interessant zu erfahren, wer dahinter steckt. Unter den Taliban, die als gefährlich gelten, ist etwa in Afghanistan nichts Derartiges angebaut worden. Nun schon, die USA sind ja so lieb. Antworten




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