Die Verachtung der Armen
Eine Analyse von Philipp Löpfe. Aktualisiert am 02.02.2012 170 Kommentare
Sein Vermögen wird auf rund 250 Millionen Dollar geschätzt: Mitt Romney, hier mit Ehefrau Ann, ist Favorit im Rennen um die Präsidentschaftskandidatur der Republikaner. (Bild: Keystone )
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In Stanley Kubricks Klassiker «A Clockwork Orange» macht sich eine Jugendgang einen Spass daraus, wehrlose Clochards spitalreif zu prügeln. In «American Psycho», dem Kultroman von Bret Easton Ellis, tötet der Wallstreet-Banker Patrick Bateman wahllos Penner, weil er arme Menschen buchstäblich auf den Tod nicht ausstehen kann. Die Verachtung der Armen hat im Angelsächsischen Tradition. Daran knüpft auch Mitt Romney an. Der superreiche mögliche Präsidentschaftskandidat der Republikaner erklärte nach seinem Vorwahlsieg in Florida gestern am TV-Sender CNN: «Mir sind sehr arme Menschen egal.»
In den USA sind rund fünf Prozent der Menschen sehr arm. Sie haben ein Einkommen von weniger als 5000 Dollar im Jahr. Etwa 15 Prozent gelten als arm. Das sind insgesamt gegen 50 Millionen Menschen, die teilweise auf staatliche Unterstützung angewiesen sind. «Denen geht es gut», findet Romney, «schliesslich haben wir ein soziales Sicherheitsnetz.» Er meint damit Lebensmittelgutscheine oder Gratisbehandlung bei Krankheiten.
Eine finanziell und kulturell geteilte Gesellschaft
Romneys Bemerkung ist nicht nur kalt und hartherzig. Sie ist auch ein Beweis dafür, dass sich die amerikanische Gesellschaft de facto zweigeteilt hat. Ein kürzlich erschienenes Buch von Charles Murray mit dem Titel «Coming Apart» liefert die Fakten dazu: In den 1960er-Jahren gab es ebenfalls Arme und Reiche. Aber die Unterschiede waren relativ klein. Murray zeigt das am Beispiel von Luxusautos. Der Cadillac Eldorado Biarritz, das Topmodell dieser Zeit, kostete damals umgerechnet rund 47'000 Dollar. Heutet bezahlt man für ein Prestigeauto etwa zehn Mal so viel.
Die amerikanische Gesellschaft hat sich nicht nur finanziell, sondern auch kulturell geteilt. «Murray demonstriert, dass es einzelne Inseln von wohlhabenden Enklaven gibt, die sich um Städte wie Chicago und Dallas gruppieren», schreibt David Brooks in der «New York Times». «Wer in eine solche Enklave geboren wird, wird mit anderen Bewohnern dieser Enklave ans College gehen; wird jemanden aus dieser Enklave heiraten und wird weiter in dieser Enklave leben.»
Die Finanzoligarchie wird immer adliger
Der «amerikanische Traum», die Karriere vom Tellerwäscher zum Millionär, bliebt heute in der Regel genau das: ein Traum. Die Gesellschaft ist nicht mehr durchlässig, wer arm geboren wird, bleibt in der Regel auch arm. Aufzusteigen ist in den USA heute deutlich schwieriger geworden als sogar in Europa mit seiner aristokratischen Geschichte. In Skandinavien, aber selbst in Deutschland, gibt es inzwischen mehr Menschen, die den «amerikanischen Traum» verwirklichen, als in Amerika selbst.
Die Kultur der USA war einst bestimmt von der Abscheu über die Privilegien des europäischen Adels. In den letzten Jahrzehnten ist eine Finanzoligarchie herangewachsen, die selbst immer adliger wird. Ihre Verachtung gegenüber den Armen hätte bestens nach Versailles zur Zeit seiner Hochblüte gepasst. «Nur kleine Leute zahlen Steuern», spottete die Hotelkönigin Leona Helmsley einst. «Jetzt sagt ein Präsidentschaftskandidat offen: «Mir sind die Ärmsten egal.» Fehlt bloss noch, dass Jugendgangs und Banker Penner zu Tode prügeln.
Erstellt: 02.02.2012, 12:42 Uhr
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