Ausland

Die Stunde der Komödianten

Von Martin Kilian, Columbia, South Carolina. Aktualisiert am 22.01.2012 23 Kommentare

Newt Gingrichs Sieg in South Carolina mischt das republikanische Rennen auf. Ein Kandidat Gingrich aber bescherte seiner Partei im Herbst eine sichere Niederlage.

Repräsentant einer unsicheren Partei? Newt Gingrich feiert den Wahlerfolg mit seine Anhängern.

Repräsentant einer unsicheren Partei? Newt Gingrich feiert den Wahlerfolg mit seine Anhängern.
Bild: Reuters

Umfrage

Denken Sie, dass Newt Gingrich auch in den weiteren Vorentscheiden der Republikaner erfolgreich sein wird?

Ja

 
35.8%

Nein

 
64.2%

830 Stimmen


Gingrich hat bei den Vorwahlen der Republikaner im US-Bundesstaat South Carolina eine echte Überraschung geschafft. (Video: Reuters)

Artikel zum Thema

Stichworte

Korrektur-Hinweis

Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.

So war es eigentlich nicht gedacht: Newt Gingrich, mehrmals schon ein politischer Zombie, dem noch vor zwei Monaten bei den parteiinternen Vorwahlen der Republikaner zur Bestimmung eines Präsidentschaftskandidaten keine Chance auf einen Erfolg eingeräumt wurde, siegte gestern Abend nach einem furiosen Endspurt im Südstaat South Carolina – und durchkreuzte damit die Hoffnung des republikanischen Establishments in Washington, nach einem kurzen und politisch möglichst schmerzlosen Vorwahlkampf Mitt Romney als Kandidaten der Partei im Herbst gegen Barack Obama ins Feld zu schicken.

Klare Mehrheiten von evangelikalen Christen, Anhängern der Tea Party sowie des erzkonservativen rechten Flügels der Partei in South Carolina aber votierten gestern für den ehemaligen Sprecher des Washingtoner Repräsentantenhauses und gegen den als zu moderat, als zu reich und als zu entrückt empfundenen Romney. Und wahrscheinlich half es dem ehemaligen Gouverneur von Massachusetts nicht, dass er Mormone ist und damit einer Glaubensgemeinschaft angehört, die von manchen evangelikalen und fundamentalistischen Christen im frommen South Carolina als Kult begriffen wird.

Demagoge und Narziss

Romney bewies überdies einmal mehr in der vergangenen Woche, dass er keineswegs ein idealer Kandidat ist: Wiederholt verlor er den Faden bei den letzten Debatten, er zögerte mit der Veröffentlichung seiner Steuererklärungen und vor allem fand er keinen Zugang zum ausgeprägten Konservatismus South Carolinas. Seine gestrige Niederlage aber sagt weniger über ihn als über die problematische Befindlichkeit der republikanischen Basis in einer Ära grosser Ungewissheit über die Zukunft der Vereinigten Staaten aus: Sie hob in South Carolina mit Newt Gingrich einen Kandidaten auf den Schild, der bisweilen brillant, vor allem aber ein Demagoge und Narziss ist.

Das alte Schlachtross, das in den neunziger Jahren die politische Polarisierung Washingtons auf völlig neue Höhen trieb, garantierte nicht nur deshalb eine republikanische Wahlniederlage im kommenden Herbst. Gingrichs persönliche Geschichte, sein chaotischer Stil und sein profundes Versagen als mächtigster Republikaner während der Clinton-Präsidentschaft - seine eigenen Parteifreunde stürzten ihn! - sowie sein Hang zum saloppen Wurf politischer Handgranaten disqualifizieren ihn ebenfalls.

Gingrich appellierte an rassistische Ressentiments

South Carolina zeigte daneben eine besonders hässliche Seite des ehemaligen Sprechers: Subtil appellierte er an rassistische Ressentiments in einem Südstaat, dessen afroamerikanische Minderheit noch immer mit den Gespenstern der Vergangenheit kämpft. Gingrichs Gerede von Obama als eines «Präsidenten der Lebensmittelmarken», seine Anspielungen auf mangelnde schwarze Arbeitsethik mitsamt seinen erstaunlichen Auslassungen über Barack Obama als eines Geschöpfs des kenianischen Antikolonalismus – Frantz Fanon lässst grüssen! - sind verdeckte Appelle und damit Kodewörter, mit denen in South Carolina eine Vorwahl, nicht jedoch die Präsidentschaft der Vereinigten Staaten gewonnen werden kann.

Ob Gingrich der gestrige Erfolg hilft, wird sich zeigen: Im nächsten Vorwahlstaat Florida braucht es viel Geld, um im medialen TV-Wahlkampf bestehen zu können, und danach stehen Parteiversammlungen in mehreren Bundesstaaten an, die einen hohen Grad an Organisation verlangen. Siegte Gingrich sensationell auf der ganzen Linie, hätte die Partei Ronald Reagans politischen Selbstmord begangen. Denn eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass Newton Leroy Gingrich im Weissen Haus landete. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 22.01.2012, 09:00 Uhr

23

Kommentar schreiben

Verbleibende Anzahl Zeichen:

No connection to facebook possible. Please try again. There was a problem while transmitting your comment. Please try again.

23 Kommentare

Andres Müller

22.01.2012, 11:41 Uhr
Melden 31 Empfehlung

Der groteske Zustand der Republikaner wiederspiegelt den Bankrott des neoliberalen kapitalistischen Wirtschaftssystems in den USA. Es ist damit zu rechnen dass die "Zweiparteienlösung" rot und blau in mehr Farben zerfällt. Margaret Thatcher und Ronald Reagan hatten in ihrem Eifer gegen den Kommunismus den Niedergang des Westens vorbereitet, die sich nun auch in einer Krise der Demokratien äussert. Antworten


Nicolas Schmid

22.01.2012, 13:08 Uhr
Melden 29 Empfehlung

Jegliche Unsicherheiten und Ueberraschungen bei den republikanischen Vorwahlen sind ein Vorteil fuer Obama - und das ist gut so. Die vergangenen drei Jahre war Obama ja leider mehrheitlich damit beschaeftigt, das Chaos, welches G. Bush angerichtet hat, aufzuraeumen. Mich wuerde es freuen, wenn Obama nochmals eine Chance bekaeme.Es waere besser fuer die USA und die ganze Welt. Antworten



Ausland

Populär auf Facebook Privatsphäre


Online-Wettbewerb

Gewinnen Sie einen Tageseintritt im Bernaqua.
Jetzt mitmachen!

Familie, Beruf und Studium

Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.

Online-Wettbewerb

Jetzt mitmachen!: Gewinnen Sie einen Abend als Statist bei den Tellspielen Interlaken!

DIE AGENDA

Informieren Sie sich über aktuelle Kulturveranstaltungen in der Stadt und Umgebung.

Live @ Sunset

11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!