Die Stunde der Komödianten
Von Martin Kilian, Columbia, South Carolina. Aktualisiert am 22.01.2012 23 Kommentare
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Gingrich hat bei den Vorwahlen der Republikaner im US-Bundesstaat South Carolina eine echte Überraschung geschafft. (Video: Reuters)
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So war es eigentlich nicht gedacht: Newt Gingrich, mehrmals schon ein politischer Zombie, dem noch vor zwei Monaten bei den parteiinternen Vorwahlen der Republikaner zur Bestimmung eines Präsidentschaftskandidaten keine Chance auf einen Erfolg eingeräumt wurde, siegte gestern Abend nach einem furiosen Endspurt im Südstaat South Carolina – und durchkreuzte damit die Hoffnung des republikanischen Establishments in Washington, nach einem kurzen und politisch möglichst schmerzlosen Vorwahlkampf Mitt Romney als Kandidaten der Partei im Herbst gegen Barack Obama ins Feld zu schicken.
Klare Mehrheiten von evangelikalen Christen, Anhängern der Tea Party sowie des erzkonservativen rechten Flügels der Partei in South Carolina aber votierten gestern für den ehemaligen Sprecher des Washingtoner Repräsentantenhauses und gegen den als zu moderat, als zu reich und als zu entrückt empfundenen Romney. Und wahrscheinlich half es dem ehemaligen Gouverneur von Massachusetts nicht, dass er Mormone ist und damit einer Glaubensgemeinschaft angehört, die von manchen evangelikalen und fundamentalistischen Christen im frommen South Carolina als Kult begriffen wird.
Demagoge und Narziss
Romney bewies überdies einmal mehr in der vergangenen Woche, dass er keineswegs ein idealer Kandidat ist: Wiederholt verlor er den Faden bei den letzten Debatten, er zögerte mit der Veröffentlichung seiner Steuererklärungen und vor allem fand er keinen Zugang zum ausgeprägten Konservatismus South Carolinas. Seine gestrige Niederlage aber sagt weniger über ihn als über die problematische Befindlichkeit der republikanischen Basis in einer Ära grosser Ungewissheit über die Zukunft der Vereinigten Staaten aus: Sie hob in South Carolina mit Newt Gingrich einen Kandidaten auf den Schild, der bisweilen brillant, vor allem aber ein Demagoge und Narziss ist.
Das alte Schlachtross, das in den neunziger Jahren die politische Polarisierung Washingtons auf völlig neue Höhen trieb, garantierte nicht nur deshalb eine republikanische Wahlniederlage im kommenden Herbst. Gingrichs persönliche Geschichte, sein chaotischer Stil und sein profundes Versagen als mächtigster Republikaner während der Clinton-Präsidentschaft - seine eigenen Parteifreunde stürzten ihn! - sowie sein Hang zum saloppen Wurf politischer Handgranaten disqualifizieren ihn ebenfalls.
Gingrich appellierte an rassistische Ressentiments
South Carolina zeigte daneben eine besonders hässliche Seite des ehemaligen Sprechers: Subtil appellierte er an rassistische Ressentiments in einem Südstaat, dessen afroamerikanische Minderheit noch immer mit den Gespenstern der Vergangenheit kämpft. Gingrichs Gerede von Obama als eines «Präsidenten der Lebensmittelmarken», seine Anspielungen auf mangelnde schwarze Arbeitsethik mitsamt seinen erstaunlichen Auslassungen über Barack Obama als eines Geschöpfs des kenianischen Antikolonalismus – Frantz Fanon lässst grüssen! - sind verdeckte Appelle und damit Kodewörter, mit denen in South Carolina eine Vorwahl, nicht jedoch die Präsidentschaft der Vereinigten Staaten gewonnen werden kann.
Ob Gingrich der gestrige Erfolg hilft, wird sich zeigen: Im nächsten Vorwahlstaat Florida braucht es viel Geld, um im medialen TV-Wahlkampf bestehen zu können, und danach stehen Parteiversammlungen in mehreren Bundesstaaten an, die einen hohen Grad an Organisation verlangen. Siegte Gingrich sensationell auf der ganzen Linie, hätte die Partei Ronald Reagans politischen Selbstmord begangen. Denn eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass Newton Leroy Gingrich im Weissen Haus landete. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 22.01.2012, 09:00 Uhr
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23 Kommentare
Der groteske Zustand der Republikaner wiederspiegelt den Bankrott des neoliberalen kapitalistischen Wirtschaftssystems in den USA. Es ist damit zu rechnen dass die "Zweiparteienlösung" rot und blau in mehr Farben zerfällt. Margaret Thatcher und Ronald Reagan hatten in ihrem Eifer gegen den Kommunismus den Niedergang des Westens vorbereitet, die sich nun auch in einer Krise der Demokratien äussert. Antworten
Jegliche Unsicherheiten und Ueberraschungen bei den republikanischen Vorwahlen sind ein Vorteil fuer Obama - und das ist gut so. Die vergangenen drei Jahre war Obama ja leider mehrheitlich damit beschaeftigt, das Chaos, welches G. Bush angerichtet hat, aufzuraeumen. Mich wuerde es freuen, wenn Obama nochmals eine Chance bekaeme.Es waere besser fuer die USA und die ganze Welt. Antworten
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