Ausland

Die Erde zittert alle 10 Minuten

Von Andreas Valda, Santiago de Chile. Aktualisiert am 01.03.2010

TA-Journalist Andreas Valda und seine Familie leben in Chile und haben das Beben hautnah miterlebt. Nun fürchten sie die zahlreichen starken Nachbeben. Sie sind stets bereit, aus dem Haus zu rennen.

Polizisten versuchen, aus einem Haus in Concepción Überlebende zu retten.

Polizisten versuchen, aus einem Haus in Concepción Überlebende zu retten.
Bild: Keystone

Am Tag nach dem zerstörerischen Hauptbeben zittert die Erde weiter. Am frühen Sonntagmorgen riss uns ein Beben der Stärke 7 aus dem Schlaf – ein einzelnes Nachbeben so stark wie das Hauptbeben von Haiti. Wir, eine fünfköpfige Schweizer Familie, sprangen aus dem Bett, schnappten uns die bereitgestellten Turnschuhe und rannten zur Wohnungstür. Nach 30 Sekunden war der Spuk vorbei. Es sei das bisher stärkste Nachbeben gewesen, heisst es später im Radio. Wir legten wieder alles Notmaterial so bereit hin wie vor dem Ins-Bett-Gehen: Handys, Autoschlüssel, Wasser, Milch, Decken, Pullover, Geld, Sackmesser, Medikamente und ein mit Batterien betriebenes Radio.

Der Diesel wird knapp

Wir wohnen im 6. Stock eines 26-stöckigen Wohnhauses. Die Angst, dass uns das Haus begraben könnte, so wie wir es im Fernsehen gesehen haben, ist uns in die Knochen gefahren. Alle 10 bis 30 Minuten zittert die Erde.

Diese Angst beschäftigt die meisten Chilenen, die keine Toten zu beklagen und nicht alles verloren haben. Wir wohnen am Meer in der Nähe von Valparaiso, einer grossen Hafenstadt 400 Kilometer nördlich des Epizentrums des Hauptbebens. Hier schlug es mit Stärke 6 zu. Viele Häuser haben hier sichtbare Schäden. Die Schaufenster von Geschäften sind zu Bruch gegangen. Die Strassen sind voller Risse, aber befahrbar. Fast alle Läden sind zu. Offen haben nur solche, die einen Dieselstromgenerator betreiben können. Auch unser Haus hat ein solches Aggregat. Doch die Reserven sind knapp. Am Mittag bat mich der Abwart, 120 Liter Diesel an der Tankstelle zu kaufen und in Kanistern herbeizuschaffen.

Wir haben zwar Strom und Wasser, aber weder funktioniert das Festnetz noch das Internet, noch das TV. Nur die Eingangswache hat einen funktionierenden Fernseher, der uns schreckliche Bilder von Dörfern aus dem Süden Chiles der Region Concepción zeigt. Dort haben massive Plünderungen der grossen Lebensmittelläden begonnen, und die Polizei setzte Wasserwerfer ein. In den nächsten Stunden wird die Armee in die Strassen geschickt, um für Sicherheit zu sorgen. Auch hier patrouillieren Polizeistreifen. Aber von Gewalt ist hier nichts zu spüren. Wir versichern uns immer wieder: Wir hatten grosses Glück.

Keine Ausreisen möglich

Ob dies für alle Schweizer gilt, die in Chile leben, ist offen. Die Präsidenten von Auslandschweizer-Klubs waren nicht erreichbar oder konnten keine Auskunft geben. Die meisten Einwanderer leben in den vom Erdbeben stark betroffenen Regionen Biobio (Concepción), Araukanien und Temuco. Die Botschaft kennt aber Fälle von Schweizern, die wegen des bis Sonntag geschlossenen Flughafens nicht ausreisen konnten – wie auch unsere Tochter, die in Genf lebt.

So hören wir wie alle Chilenen ständig Radio. Ein Seismologe sagte gestern, dass mit schweren Nachbeben «während bis zu einem Jahr» zu rechnen ist. Neben dieser Angst beherrschen drei weitere Dinge die Gedanken der Bevölkerung: Haben alle Familienangehörigen überlebt? Wie decken wir uns mit Nahrungsmitteln ein? Und wie schützen wir unser Hab und Gut?

Die Radiostationen werden bestürmt von Anfragen nach der Suche von Vermissten, Tanten, Onkeln, Grosseltern oder Kindern. «Bitte, bitte, Sergio melde dich! Wir sind in grosser Sorge, weil wir dich nicht erreichen konnten», sagte etwa die Hörerin Angela Leiva der lokalen Station Cooperativa. Die Regierung konnte bis Sonntag nicht beziffern, wie viele Leute vermisst werden. Aber es sind dies Tausende.

Rares Gut Bargeld

Tausende sind auch unterwegs nach der Suche von Bargeld. Chilenen der Mittelklasse haben ihr Geld auf der Bank. Und tragen nur das Minimum auf sich herum. Die Banken sind zu, die meisten Bancomaten ausser Betrieb. Die wenigen Läden, die offen sind, akzeptieren aber einzig Bargeld. So fahren wir 20 Kilometer und verbringen zwei Stunden, bis wir umgerechnet 800 Franken in chilenischen Pesos beschafft haben. Im einzigen Supermarkt der Region decken wir uns mit Essen und Getränken für die nächsten 14 Tage ein. Die Gestelle für Milch, Wasser, Konserven, Windeln und Gemüse sind schon fast leer.

Die grösste Sorge unseres Hausabwarts hingegen ist, wie er sein eigenes Haus vor Dieben schützen kann. Ihm, der in Valparaiso in einem Häuschen aus Lehmmauern wohnt, sind das Dach und eine Aussenmauer eingebrochen. Seine Ehefrau und die Töchter werden von Cousins bewacht. Er hingegen versieht seinen Dienst in unserem Wohnhaus. Er kann nicht anders, denn seine nächsten Monatslöhne werden die Reparaturen seines Hauses finanzieren müssen.

Kaum versichert

Untere soziale Schichten sind in Chile kaum versichert. Sie leben von der Hand in den Mund. Was mit den Leuten geschieht, die in den Regionen des Epizentrums fast alles verloren haben, selbst die Arbeit, ist die grosse Frage, die sich Chile jetzt stellt. Die Lehrerin einer Schule mit 1300 Kindern, die in Concepción kollabiert ist, sagte am Radio: «Wir haben unser Land so gut entwickelt. Und jetzt das.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.03.2010, 09:56 Uhr

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