Ausland

Der störrische Patient

Von Sandro Benini. Aktualisiert am 02.03.2012 26 Kommentare

Zu Wochenbeginn musste sich der venezolanische Präsident erneut operieren lassen. An welcher Art Krebs er leidet, ist nach wie vor unbekannt. Im Hinblick auf die Wahlen kursieren düstere Szenarien.

1/11 Erschöpft: Venezuelas Präsident Hugo Chavez ist zu Beginn der Woche in Havanna wegen einer angeblichen Krebserkrankung operiert worden. Noch ist unklar um welche Form von Krebs es sich handelt und wie bedrohlich der Zustand des 57-jährigen, hier bei einer Wahlveranstaltung am 23. Februar, wirklich ist.
Bild: Jorge Silva /Reuters

   

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Einmal mehr verbreitet die venezolanische Regierung Zuversicht, während andere Quellen Hugo Chávez als sterbenskrank bezeichnen. Am Wochenende ist der venezolanische Präsident nach Havanna geflogen, um sich erneut operieren zu lassen. Zuvor hatte er mitgeteilt, man habe eine «Verletzung» entdeckt, an der gleichen Stelle, an der ihm vor acht Monaten ein bösartiger Tumor von der Grösse eines Baseballs entfernt wurde. «Präsident Chávez hat den Eingriff gut überstanden. Er befindet sich in ständigem Kontakt mit der Regierung», sagte Vizepräsident Elías Jaua am Dienstag vor dem Parlament. Bald werde man wissen, ob die Verletzung – eine beschönigende Bezeichnung für einen neuen Tumor – bösartig sei.

Noch immer verschweigen Chávez und seine Regierung, an welcher Stelle der erste Tumor und nun die neue Geschwulst von zwei Zentimeter Länge aufgetreten sind. Dies führt regelmässig zu Spekulationen, wonach die Krankheit viel schlimmer sei, als es der 57-jährige behauptet. Kurz vor Chávez' Reise nach Havanna hat Wikileaks einen Bericht der privaten amerikanischen Sicherheitsfirma Stratfor veröffentlicht, der sich auf eine angeblich zuverlässige Quelle stützt. Dem Dokument zufolge hat der Krebs inzwischen die Lymphknoten und das Knochenmark befallen.

Nur noch ein Jahr zu leben?

Chávez werde von kubanischen und russischen Ärzten behandelt, die sich häufig nicht nur über die richtige Therapie uneins seien, sondern auch über die Lebenserwartung des Regierungschefs. Laut den Kubanern bleiben ihm zwei Jahre, während ihm die russischen Spezialisten weniger als ein Jahr gäben. Bereits im Juni ist der venezolanische Präsident auf Kuba zweimal operiert worden. «Das russische Ärzteteam beschuldigt das kubanische, bei der ersten Operation Fehler begangen zu haben. Die zweite Operation war ein Versuch der Russen, diese Fehler zu beheben», schreibt Stratfor. Ausserdem sei Chávez ein störrischer Patient. Immer wieder habe er die postoperative Therapie unterbrochen, um öffentliche Auftritte zu absolvieren. Die Anordnungen seiner Ärzte befolge er nur widerwillig. Stattdessen habe er sich an chinesische Naturmediziner gewandt.

Die neue Operation verstärkt die Unsicherheit im Hinblick auf die Wahlen vom 7. Oktober. Umstritten ist, ob Chávez von einem Mitleidseffekt profitieren könnte oder ob nicht vielmehr sein junger Gegenkandidat Henrique Capriles an Profil gewinnt, wenn sich der Amtsträger während des Wahlkampfes schonen muss. Vor seiner Erkrankung strahlte Chávez eine schier unerschöpfliche Energie aus, reiste im Land herum, hielt stundenlange Reden, spielte Baseball, umarmte in den Armenvierteln seine Anhänger. Am vergangenen Wochenende war es Capriles, der Baseball spielte, während Chávez nach Havanna reiste, um eigenen Worten zufolge um sein Leben zu kämpfen.

Imperialist, Kapitalist, Schwein

Wenige Tage vor der Operation hatte Chávez den 39-jährigen Capriles als Kapitalisten, Imperialisten, dekadenten Bourgeois und als Schwein beschimpft. Der bisherige Gouverneur des Bundesstaates Miranda liess die Kanonade unbeantwortet, womit er sich besonnen zeigte – im Unterschied zum Hitzkopf Chávez, der unermüdlich die Konfrontation sucht und vor keiner Beleidigung zurückschreckt. «Ich wünsche dem Präsidenten ein langes Leben», sagte Capriles, nachdem er vom Rückfall des Regierungschefs erfahren hatte. «Ich hoffe, dass er all die Verbesserungen mit eigenen Augen sieht, die wir nach den Wahlen vom Oktober erreichen werden.»

Fraglich ist allerdings, ob Chávez überhaupt noch am Urnengang teilnehmen kann – und ungewiss ist vor allem, was geschähe, wenn er aus gesundheitlichen Gründen verzichten müsste oder gar sterben würde. Da das Regierungslager über keinen Ersatzkandidaten verfügt, dessen Charisma auch nur im Entferntesten mit jenem des Amtsträgers vergleichbar ist, erscheint in diesem Falle ein Sieg des oppositionellen Capriles als wahrscheinliches Szenario. Und als günstigstes für Venezuela.

Denn das ungünstigste sähe so aus: Um einen Machtverlust zu verhindern, könnten das Militär und radikale Chávez-Anhänger einen Putsch inszenieren – unter dem Vorwand, das Land vor dem Chaos zu bewahren. Ein Bürgerkrieg wäre dann nicht mehr auszuschliessen. Laut der amerikanischen Regierung sind mehrere hochrangige Militärs, darunter auch Verteidigungsminister Henry Rangel Silva, in den Drogenhandel verwickelt. Sie haben ein vitales Interesse daran, einen Sieg der Opposition zu verhindern. Denn nur so können sie sicher sein, dass kein Staatsanwalt jemals der Frage nachgehen wird, ob die Vorwürfe stimmen. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 01.03.2012, 16:49 Uhr

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26 Kommentare

Elisabeth Meier

01.03.2012, 16:59 Uhr
Melden 52 Empfehlung 0

Staatchefs sollte es verboten sein, ihre Krankheiten im Ausland zu kurieren. Vielleicht wären sie dann dafür besorgt, im eigenen Land und für die Bevölkerung ein effizientes Gesundheitssystem aufzubauen. Im Fall Venezuelas dürfte es ja nicht am Geld scheitern....... Antworten


Dan Horber

01.03.2012, 17:12 Uhr
Melden 48 Empfehlung 0

Chavez hat sein eigenes Land so gut "entwickelt", dass selbst der Staatspräsident für die Behandlung einer simplen "Verletzung" ins Ausland geflogen werden muss...
...ob das wohl allen Genossen im so genannt sozialistischen Venezuela offen steht?
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