Der schwarze Anti-Obama
Von Martin Kilian, Washington. Aktualisiert am 14.06.2011 6 Kommentare
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Gestern Abend war er bei einer Debatte der republikanischen Präsidentschaftsbewerber in New Hampshire der einzige Afroamerikaner in einem weissen Kandidatenfeld. Einer, der Furore macht. Denn Herman Cain (65) fällt nicht nur dadurch auf, dass er ein schwarzer Republikaner in einem Land ist, wo Schwarze üblicherweise Demokraten sind. Er sticht auch hervor, weil er Ansichten von sich gibt, die zuweilen extrem konservativ wirken. Obwohl er eigentlich nur ausspricht, was andere Republikaner denken und vielleicht flüstern, wenn sie unter ihresgleichen sind.
Seine Lebensgeschichte liest sich wie ein amerikanisches Märchen: Aufgewachsen in einer armen schwarzen Familie in Atlanta, besucht er als Erster seiner Familie die Universität. Danach arbeitet sich Cain bei Coca-Cola hoch, stösst in die Spitze des Lebensmittelkonzerns Pillsbury vor und rettet sodann eine Pizza-Kette namens Godfather’s vor der Pleite. Er wird reich, schreibt Kolumnen und macht eine nächtliche Radioshow: ein Selfmademan, der Staat und Steuern nicht mag. Herman Cain ist im Feld der republikanischen Kandidaten eine Sensation.
Einfache Einwanderungspolitik
Die Tea Party liebt ihn: Immerhin kann der schwarze Mann als lebender Beweis dienen, dass die Tea Party nicht rassistisch ist, wie verschiedentlich behauptet wird. Als Cain kürzlich in Atlanta seine Kandidatur erklärte, waren 15'000 Menschen zugegen. In Umfragen schiebt er sich sukzessive nach vorne – und nach Einschätzung der Politkommentatoren entschied er die erste offizielle republikanische Kandidatendebatte im Mai für sich. Weil er kein Blatt vor den Mund nahm, sondern im Habitus eines schwarzen Predigers die Dinge eloquent beim Namen nannte. Er hält nicht hinter dem Berg. Gesetze, die länger als drei Seiten sind, will Herman Cain als Präsident nicht unterzeichnen. Ausserdem will er keine Muslime in seine Regierung aufnehmen.
Das soll er Augenzeugen zufolge gesagt haben, was er inzwischen bestreitet. Schwule mag Herman Cain lieber als Muslime, da sie keine Scharia in den USA einführen wollen. Seine Einwanderungspolitik ist denkbar einfach: An der Grenze zu Mexiko will er «einen sieben Meter hohen Zaun» errichten, «obendrauf Stacheldraht unter Strom», davor ein tiefer Wassergraben, in dem sich Alligatoren tummeln. Der solches sagte, war im Mai der meistgegoogelte republikanische Kandidat. «Im Moment ist er einer der Spitzenreiter», glaubt der Tea-Party-Aktivist Bryan Rhodes in Iowa, wo Anfang ?2012 die ersten republikanischen Parteiversammlungen zur Bestimmung des Präsidentschaftskandidaten abgehalten werden.
Basis wird zusehends radikaler
Cain war schon 19-mal in dem Bundesstaat. Er will ernst genommen werden, das republikanische Establishment in Washington hält ihn jedoch für einen Clown: Cain sei «Entertainment», spottete der Kolumnist Charles Krauthammer. Doch Herman Cains Beliebtheit macht die republikanischen Parteioberen in Washington nervös. Entgeistert verfolgen sie seine bejubelten Auftritte. Der Liberalismus der Demokraten zerstöre Amerika, sagt Cain und wird beklatscht von einer Basis, die zusehends radikaler wird. Die Abtreibungsfreiheit diene vor allem der Dezimierung des schwarzen Amerika, donnert der Kandidat – und punktet so bei Sozialkonservativen.Gekonnt und überzeugend spielt Cain die Rolle seines Lebens: schwarz, konservativ, unberechenbar. Dem republikanischen Publikum gefällts. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 13.06.2011, 21:54 Uhr
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