Der amerikanische Schusswaffenterror

Donald Trump attackiert den Londoner Bürgermeister wegen des Anschlags. Währenddessen wird in den USA massenhaft gemordet.

Seit 9/11 ist rund eine halbe Million Amerikaner durch Schusswaffen ums Leben gekommen: Halb automatische Waffen in einem Waffengeschäft in Kalifornien.

Seit 9/11 ist rund eine halbe Million Amerikaner durch Schusswaffen ums Leben gekommen: Halb automatische Waffen in einem Waffengeschäft in Kalifornien. Bild: Jae C. Hong/Keystone

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Er kann es nicht lassen: Obwohl ihn seine Berater vom Twittern abhalten wollen, tobte sich Donald Trump nach dem Londoner Terroranschlag am Samstag mal wieder auf dem Kurznachrichtendienst aus – und twitterte sich von einem Debakel ins nächste. So kritisierte der Präsident den Londoner Bürgermeister, worauf sowohl Premierministerin Teresa May als auch der US-Botschafter in Grossbritannien Bürgermeister Sadiq Khan verteidigten.

Ausserdem twitterte Trump an seine Fans, ob ihnen «aufgefallen» sei, «dass wir im Moment keine Debatte über Schusswaffen haben». Die Kritiker hielten sich zurück, weil die Londoner Terroristen «Messer und einen Lastwagen» benützt hätten, glaubt der Präsident. Wer sich die Mühe machte, konnte auf der Website Gunviolencearchiv.org, einem ausgezeichneten Kompendium amerikanischer Schusswaffengewalt, am Montag sehen, dass seit Trumps Tweet am Sonntag mindestens 15 Menschen in den USA erschossen und 18 weitere durch Schusswaffen verletzt worden waren.

2017 bereits 6500 Schusswaffen-Tote

Zu den Opfern des täglichen amerikanischen Schusswaffenterrors zählten unter anderem fünf Kollegen, die ein wütender Ex-Angestellter in einer kleinen Firma in Orlando in Florida am Montag erschoss, ehe er sich das Leben nahm. Eigentlich sollte dies Anlass genug sein, eine Debatte über Schusswaffen und ihre Kontrolle in US-Amerika zu führen. Was aber nicht geschieht, weshalb das amerikanische Morden weitergeht. Kleinkinder erschiessen Geschwister, Ehemänner Ehefrauen, wutentbrannte Bürger unschuldige Bürger, Geisteskranke Zufallsopfer.

Fast 6500 Schusswaffen-Tote sind 2017 schon zu beklagen, die Selbstmörder nicht mitgezählt. 283 Kinder unter elf Jahren wurden seit Jahresbeginn entweder erschossen oder verletzt, 1341 Teens ereilte dasselbe Schicksal. 2014 belief sich der Schusswaffen-Totalschaden auf 35’599 Tote, die Selbstmörder mitgezählt. Im gleichen Jahr starben 32 Amerikaner an den Folgen politisch motivierter Terroranschläge.

Übrigens ist seit dem Terroranschlag von 9/11 rund eine halbe Million Amerikaner durch Schusswaffen ums Leben gekommen. In Grossbritannien sind es pro Jahr weniger als 200 Menschen, die durch Schusswaffen sterben. Vielleicht benützten die Terroristen in London Messer und einen Lastwagen, weil sie aufgrund der strikten Schusswaffenkontrolle keine Gewehre kaufen konnten.

Waffenverkauf ohne Fragen?

In den USA wäre das nicht so: Auf einer Gun Show in Alabama oder Georgia oder Montana kann jeder Schusswaffen kaufen, ohne überprüft zu werden. Einige Staaten kontrollieren private Verkäufe von Schusswaffen auf Gun Shows, die meisten jedoch nicht. Und das FBI überprüft nur Käufer, die in einem Waffengeschäft eine Schusswaffe erwerben. Bei einer Gun Show in Arkansas oder in Texas kann ein total Verrückter eine halb automatische AK-47 kaufen. Ein Terrorist ebenfalls. Fragen werden keine gestellt. Was wäre also in London geschehen, wenn die Terroristen über Schusswaffen verfügt hätten? Und was wäre in den USA seit Trumps Tweet geschehen, wenn Schusswaffen strikter kontrolliert würden? Wahrscheinlich wären die meisten der bis Montagabend getöteten Amerikaner noch am Leben. In London hingegen wären ohne die britischen Schusswaffengesetze womöglich mehr Opfer zu beklagen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.06.2017, 10:00 Uhr

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