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Der Sündenbock
Von Martin Kilian, Washington. Aktualisiert am 19.09.2012 16 Kommentare
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Geschlagen ist Mitt Romney noch nicht, doch steckt der Wahlkampf des Republikaners in beträchtlichen Schwierigkeiten: Der Kandidat liegt zurück, negative Meinungen über ihn verfestigen sich. Die gestern an die Öffentlichkeit gelangten abschätzigen Aussagen über die Obama-Wähler markierten nun einen neuen Tiefpunkt (wir berichteten). In gewissen Medien wurde er bereits abgeschrieben.
So harrt denn die Romney-Truppe in einem alten Lagerhaus im Norden Bostons auf eine Wende, wenn nicht auf ein Wunder. Ein Blick zurück lässt hoffen: Präsident Jimmy Carter lag 1980 bis weit in den September hinein vor seinem republikanischen Herausforderer Ronald Reagan, ehe sich das Blatt im Oktober wendete und Reagan am Wahltag im November einen Erdrutschsieg einfuhr.
Ryan setzt auf Schärfe und Kontrast
2004 bangte George W. Bush am Nachmittag des Wahltages um den sicher geglaubten Sieg, nachdem interne Prognosen amerikanischer TV-Sender seinen demokratischen Widersacher John Kerry sensationell vorne hatten. Kerrys Gehilfe Jonathan Wiener zeigte sich bei einem Telefonat mit einem Journalisten am Nachmittag der Wahl überzeugt, dass sein Boss entgegen allen früheren Umfragen den republikanischen Präsidenten besiegt hatte. Im Weissen Haus beruhigte Bushs politischer Impresario Karl Rove unterdessen den aufgebrachten Präsidenten, nichts sei verloren: «Unsere Leute gehen später wählen», sagte Rove. Und tatsächlich gewann Bush.
Mitt Romney mag aus diesen Geschichten Trost schöpfen, der Stab des Kandidaten sowie sein Vize Paul Ryan haben indes erkannt, dass es neuer Anstrengungen bedarf, um den Republikaner der Wählerschaft zu verkaufen. Nur die sieche Wirtschaft gegen Obama ins Feld zu führen, garantiert offensichtlich keinen Sieg. Weshalb Ryan, der weitaus Ideologischere des Gespanns, dem Vernehmen nach rundherum auf mehr Schärfe und Kontrast drängt. «Es reicht nicht, nur zu kritisieren; wir schulden euch Lösungen», sagte der Romney-Vize am letzten vergangen Freitag vor 3000 Zuhörern in Virginia.
Ein enger Romney-Mitarbeiter teilt Ryans Ansicht: «Niemand in Boston glaubt noch, dass es nur um die Wirtschaft geht.» Vielmehr gelte es, «mehr auf den Tisch zu legen». Also waten Romney und Konsorten neuerdings laut maulend durch Barack Obamas Aussenpolitik, widmen sich vermehrt wertkonservativen Themen wie der Abtreibungsfreiheit und verteilen insgesamt politische Rundumschläge in der Hoffnung, damit zu reüssieren.
Der Chefstratege im Fadenkreuz der Kritik
Gleichzeitig aber beginnt im Hause Romney die bei amerikanischen Wahlkämpfen übliche Beckmesserei, wobei sich Berater und Strategen des hinterher hinkenden Kandidaten mit Inbrunst gegenseitig an die Gurgeln fahren und auf medialen Bühnen vom Leder ziehen. Besonders ins Kreuzfeuer der Kritik aus den eigenen Reihen geraten ist Romneys Chefstratege Stuart Stevens, dem der teils chaotische und überhaupt wenig inspirierende Ablauf des Präsidentschaftskongresses in Tampa ebenso zur Last gelegt wird wie die allgemeine Malaise des Romney’schen Wahlkampfs. Von vielen wird er schon zum Sündenbock gemacht.
Konservative Republikaner trauen Stevens schon deshalb nicht, weil der Stratege ein Hansdampf in allen Gassen ist: Er beriet Hollywood-Regisseure, schrieb Romane, stapfte auf Skiern zum Nordpol und ist niemand, dem die Betonfraktion der Partei das Schicksal eines republikanischen Präsidentschaftskandidaten anvertrauen würde. Dass Romneys Wahlkampf der weltanschauliche Kern fehlt, ist in den Augen der Hardliner Stevens’ Schuld.
Romney freilich fiele nicht im Traum ein, den Chefstrategen, der sogar die Umrisse der TV-Werbung bestimmt, von seinem Posten abzulösen – einmal mehr ein Hinweis, dass Romney selbst vom Temperament wie vom Naturell her mit dem Bewegungs-Konservatismus republikanischer Hundertprozentiger nichts am Hut hat und mithin das Misstrauen rechtfertigt, das ihm der Beton-Flügel während der innerparteilichen Vorwahlen entgegenbrachte. Sollte Romney im November tatsächlich dem Klub der Verlierer beitreten, werden republikanische Hardliner sich darauf einen einfachen Reim machen: Mässigung ist etwas für Loser! (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 19.09.2012, 11:56 Uhr
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16 Kommentare
Auch in Amerika gibt es Leute die noch ein klein wenig Denken können und sich knapp die Mühe machen auch mal hinzusehen. Das ist Romneys Problem. Er hat keine Rezepte, kein Charisma, keine Vision. Den Amis dämmert als wie mehr, dass einiges schief gelaufen ist. Sie sind nun vorsichtig. Diese Wahl kann nicht mit Säbelrasseln gewonnen werden, da die Bürger nur Tote und Schulden sehen. Antworten
Die Choreografie für das grosse Theater-Spektakel 'Wahlkampf' seitens Romney kommt offensichtlich schlechter an als die von Obama. Nur: Die Schauspieler in diesem Theater, hier also die Kandidaten als Persönlichkeiten, sind noch wichtiger als die Regisseure und das Kampf-Budget. Obama spielt seine Rolle besser als Romney. Deshalb wird er das Rennen für sich entscheiden.
Für mich ist das OK so.
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