Ausland

Der Schrecken der Geheimdienste

Von Martin Kilian. Aktualisiert am 10.02.2010 13 Kommentare

Seit dem Vietnamkrieg enthüllt der Journalist Seymour Hersh die aussenpolitischen Abenteuer und Skandale der amerikanischen Präsidenten. Er wünscht sich eine kleinere Rolle der Vereinigten Staaten und findet, die Europäer taugten als Grossmacht zu nichts.

«Arbeit umsonst»? Seymour Hersh erlebte Phasen der Resignation.

«Arbeit umsonst»? Seymour Hersh erlebte Phasen der Resignation.
Bild: Keystone

Er ist ausgesprochen nett am Telefon und keineswegs jener verbale Grobian, der dafür bekannt ist, dass er einen Anrufer abfertigt und Telefonate völlig unzeremoniell beendet. Vielleicht ist Seymour Hersh, berühmter Hausautor des «New Yorker» und Star des amerikanischen Enthüllungsjournalismus, altersmilde geworden. Oder vielleicht habe ich ihn an einem besonders guten Tag erwischt. Vorbeikommen solle ich, sagt er, worauf ich ihn frage, wie es mit einem mitgebrachten Kaffee wäre. «Ja, bitte, mit Milch und einem Päckchen Süssstoff», erwidert er.

Das Vorzimmer von Hershs Büro in einem unscheinbaren Gebäude an Washingtons Connecticut Avenue zeichnet sich durch seine Unaufgeräumtheit aus. Ausserdem schmücken viele Auszeichnungen die Wände, darunter der Pulitzerpreis, den Hersh 1970 für die Aufdeckung des Massakers in My Lai erhielt, als amerikanische Soldaten in Vietnam fast alle Bewohner eines Dorfes ermordeten. Im Irak hat Hersh 2004 die Folterungen im Gefängnis von Abu Ghraib aufgedeckt – die Bilder gingen um die Welt. Der Skandal schockte ihn, Abu Ghraib sei etwas, wofür man sich schämen musste. Dank Rumsfeld und Bush!

«Die Verfassung mit Füssen getreten»

Hersh mag über siebzig sein, aber er versprüht Tatendrang und Neugierde. Auf dem Tisch lagern stapelweise beschriebene Papiere, ein aufeinandergetürmtes Chaos, das dem Raum eine abenteuerliche Note verleiht. Er trägt ein blaues Hemd und Khakis; er begrüsst einen auf Socken, derweil die Turnschuhe neben dem Papierkorb stehen. Hersh arbeitet an einer Generalabrechnung mit der Ära Bush. Ein Insider packe aus, sagt Hersh und zeigt auf den Tisch mit den Papierstapeln. Er nimmt kein Blatt vor den Mund: Bush und Cheney seien «Kriminelle» gewesen. Und «vieles werden wir niemals erfahren», klagt Hersh. «Leute wurden gefoltert, die amerikanische Reputation hat gelitten, die Verfassung wurde mit Füssen getreten.»

Dass amerikanische Regierungen anderswo Unheil anrichten, hat stets den Zorn von Seymour Hersh erregt – und ihn über Jahrzehnte zum Ausgraben von allerlei Schweinereien animiert. In einer Welt des stromlinienförmigen Journalismus ist er kantig geblieben und wurde verteufelt von jenen, denen er in die Parade fuhr. Der neokonservative Guru Richard Perle verglich ihn sogar mit einem «Terroristen», was Hersh freilich nicht im Mindesten von seinen Streifzügen durch das amerikanische Imperium abgehalten hat. Auch wenn er Phasen der Resignation erlebte: Vor zwei Jahren sagte er mir, seine Arbeit sei «umsonst» gewesen.

Amerikanischer Patriot

Im Herzen ist Seymour Hersh ein amerikanischer Patriot; es schmerzt ihn deshalb umso mehr, was dann und wann angerichtet worden ist im Namen der Vereinigten Staaten. Obama sei um Längen besser als der Vorgänger, sagt er nun. Trotzdem ist Hersh enttäuscht vom Präsidenten. «Wir bräuchten einen zornigen schwarzen Mann, haben aber keinen», sagt er. Der Reporter vermisst bei Obama einen gewissen Sturm und Drang. Er solle sich eine Scheibe bei Bush abschneiden: Der habe 2000 bekanntlich die Wahl verloren, «aber er hat regiert, als habe er die Wahl mit 90 Prozent gewonnen».

Man dürfe indes nicht aufgeben, sagt Hersh, vor allem zu sich selber. Denn Obama sei «wirklich intelligent, wie Lincoln und Kennedy». Wenn nur der Krieg in Afghanistan nicht wäre. «Total verrückt, dieser Krieg.» Hersh sinkt auf seinem Stuhl in sich zusammen. Er höre, dass Obama genau wisse, wie schlecht es in Afghanistan stehe. Hersh hört viel; es ist durchaus normal, ihm im Büro gegenüberzusitzen, während er den Anruf irgendeines hohen Tiers entgegennimmt. Seine Informanten sind hochkalibrig; wie Tentakel reichen Hershs Kontakte in die abgedunkelte Welt der Geheimdienste und der Militärs.

Oft Anonymität garantiert

Er wiederum garantiert seinen Quellen oft Anonymität – was ihm von seinen Gegnern vorgeworfen wird. Hersh arbeite zu viel mit namentlich nicht genannten Quellen, lautet die Kritik. David Remnick, sein Chefredaktor beim «New Yorker», kennt jedoch jeden der von Hersh angeführten Informanten namentlich.

Was Geheimdienstleute und Militärs dieser Tage bewegt, stimmt den Investigator Hersh nicht froh. Stanley McChrystal, der Oberkommandierende in Afghanistan, liebe es, «Leute zu töten, und ich sage keinesfalls, dass er ein Mörder ist; er macht das, was ihm aufgetragen worden ist, mit grosser Leidenschaft.» Es sei wie gehabt mit Obamas Krieg in Afghanistan: Die «Boys» kämpften in einem Land, das sie nicht verstünden, umgeben von einer Kultur, die sie nicht begreifen würden. Wie in Vietnam!

Star beim «New Yorker»

Und hier, genau an diesem Punkt, fällt Hersh in seine Lebensrolle: Ohne dass er es angestrebt hätte, ist er zum Chronisten amerikanischer Abenteuer in aller Welt geworden. Eigentlich wollte Hersh Rechtsanwalt werden, als er in Chicago aufwuchs und regelmässig in die Lounge des Sutherland Hotel pilgerte, wo Gerry Mulligan und Miles Davis in den Fünfzigern spielten. Das Rechtsstudium aber lag ihm nicht, weshalb er Journalist wurde und zunächst für Nachrichtenagenturen und kleinere Zeitungen arbeitete. Bis eben 1969 My Lai explodierte und Hersh zu einer journalistischen Berühmtheit wurde. Danach recherchierte er für die «New York Times»; zu sehr jedoch ist Seymour Hersh ein einsamer Wolf, als dass er das enge Korsett der «Times» ertragen hätte. Also begann er auf eigene Faust zu arbeiten und wurde ein Star beim «New Yorker» und Autor von Bestsellern. Vor Jahren zeigte er mir stolz den Vertrag für ein neues Buch. Das Geld! Die vielen Nullen!

Aber wer wisse schon, sinniert er jetzt, den Kaffeebecher in der Hand, wie es sich mit dem investigativen Journalismus verhalten werde inmitten der Ruinen des Printjournalismus. «Investigativer Journalismus ist teuer.» Ausserdem treibe Enthüllungsjournalismus den Blutdruck in der Chefetage hoch. «Ich habe Erfolg, aber weiter oben schafft das Probleme; es gibt juristische Einwände sowie Argumente, eine Story sei zu links oder zu rechts.» Abrupt zieht Hersh sich wieder hoch auf seinem Stuhl und kommt auf Afghanistan zurück. Der Krieg lässt ihm keine Ruhe. Die amerikanischen Soldaten! Sie sollen Afghanistan aufbauen helfen. Und gleichzeitig einen Krieg führen.

Pakistan ist eine Katastrophe

«In der einen Minute», erklärt Hersh, «sollen sie Wyatt Earp sein, in der anderen Minute Mutter Teresa.» Er schüttelt den Kopf: «Nichts dazugelernt» habe Amerika. Über dem Computertisch hängt ein Foto von Henry Kissinger, dem ehemaligen US-Aussenminister, dem Hersh 1983 in einem sensationellen Buch ein wenig schmeichelhaftes Denkmal setzte. Die Vorhölle amerikanischer Politik mag von Dick Cheney dominiert werden, Kissinger aber war das Objekt, an dem Hersh die zuweilen amoralische Aussenpolitik der Weltmacht am eindringlichsten demonstriert hat.

Nun blickt er Henry ins Gesicht, wenn er am Computer neue Frevel dokumentiert. Die Storys mögen neu sein, aber es ist eben fast alles beim Alten geblieben. «Immer wenn wir eine Rakete in Pakistan abfeuern, töten wir islamische Aufständische, niemals aber töten wir Unschuldige», sagt Hersh sarkastisch. Und überhaupt sei Pakistan eine Katastrophe, sagt er. Was Washington dort tue, hält Hersh für «völlig falsch». Er hielt sich kürzlich in Pakistan auf und sprach mit Insidern. Eine Katastrophe!

Vorwurf der Pornografie

Hershs Intensität ist legendär und sich mit ihm anzulegen nicht unbedingt ratsam. Er wiederum legt sich mit jedem und allen an: diversen amerikanischen Regierungen, Ministern und Generälen, Geheimdiensten und Bürokraten. Niemals aber geriet Hersh in brutaleres Sperrfeuer als nach seinem umstrittenen Buch von 1997 über das Liebesleben John F. Kennedys. Es gelang ihm, die Leibwächter des Präsidenten zum Reden zu bringen, weshalb sich sein Bericht stellenweise wie Pornografie las. Die Kennedys und ihre «consiglieri» waren nicht erbaut. Hersh habe sich einen Bären aufbinden lassen, befand Arthur Schlesinger, ein Vertrauter des toten Präsidenten, ohne die skandalösen Ausgrabungen freilich entkräften zu können.

Das Stochern in Kennedys Libido aber fand auf einem Nebengleis statt; weitaus bedeutsamer sind Hershs anstrengende Ausflüge in die weite Welt des amerikanischen Schaltens und Waltens an fremden Gestaden. Und Hersh hat inzwischen genug gesehen. Er wünsche sich «eine kleinere Rolle» für die Vereinigten Staaten, sagt er und sinkt wieder in sich zusammen. Als ich ihn nach dem Grund frage, schaut er mich ungläubig an: Ob ich ihn «veräppeln» wolle, schiesst er zurück: «Nach allem, was wir getan haben, im Irak und anderswo?»

Wenn sich die Vereinigten Staaten von der Weltbühne etwas zurückzögen, müsse Europa eine grössere Rolle übernehmen, meint Hersh. Aber die Europäer taugten zu nichts: «Neulich habe ich in Damaskus den syrischen Präsidenten Bashar al-Assad getroffen, und er beschrieb die Europäer als Pöstler – sie bringen dir Briefe.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.02.2010, 04:00 Uhr

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13 Kommentare

Dieter Wundrig

10.02.2010, 08:47 Uhr
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Aber wissen wir das denn nicht schon lange? Nur niemand ändert was daran,das ist eben das grosse Problem. Lobbysten und Diener sind eifrige Helfer dieser "Verbrecher." Und Geld spielt eine grosse Rolle in diesem Spiel, sagar das Bankgeheimnis hat darin seinen Platz. Antworten


Rolf Schumacher

10.02.2010, 10:33 Uhr
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@Wunderig. Doch wir können etwas tun, Du und Ich. Indem wir alles kritisch hinterfragen, uns selber am meisten. Indem wir nicht blind irgendwelchen Plakaten nachrennen. Indem wir nicht blind Schäppchen jagen. Indem wir ganz erhlich im Denken und Handeln sind. Das ist ein verdammt harter Job und oft schwimmt man gegen reissende Ströme, aber es lohnt sich, für die eigen Ueberzeugung einzustehen. Antworten



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