Ausland

Der Albtraum des kolumbianischen Präsidenten

Von Sandro Benini. Aktualisiert am 21.07.2012 25 Kommentare

Die Indígenas der Provinz Cauca dulden keine Soldaten und keine Guerilleros mehr auf ihrem Territorium – und stürzen damit Präsident Santos in ein nahezu unlösbares Dilemma.

1/10 Nehmen das Gesetz in die Hand: Eingeborene der Nasa zerlegen einen Polizeiposten in Toribío, Cauca. (9. Juli 2012)
Bild: Keystone

   

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Die Farc führten die Presse zur Absturzstelle: Verunglückte Super Tucano der kolumbianischen Armee. (Bild: Keystone )

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Gestern haben sich die Regierung und die Eingeborenen zumindest auf Verhandlungen geeinigt. Aber der Konflikt, der während der letzten Tage und Wochen die kolumbianische Provinz Cauca im Südwesten des Landes erschüttert hat, ist noch lange nicht ausgestanden. Für Präsident Juan Manuel Santos könnte er sich zu einer eigentlichen Image-Katastrophe entwickeln. Denn daran beteiligt sind nicht nur die Streitkräfte und die Farc-Guerilleros, sondern auch das Eingeborenenvolk der Nasa – und die fordern die beiden anderen Konfliktparteien auf, sie in Ruhe zu lassen und sich endgültig zurückzuziehen.

Für die Regierung bedeutet diese Konstellation ein nahezu unlösbares Dilemma: Entweder, sie verzichtet auf die militärische Oberhoheit über einen Teil des eigenen Staatsterritoriums. Oder sie lässt sich auf eine Auseinandersetzung mit den Indígenas ein, bei der sie national und vor allem international massiv unter Druck käme.

Die Rebellen sind noch lange nicht besiegt

Aber der Reihe nach: Schon seit Jahren heisst es in Kolumbien, die marxistische Guerilla Farc (Fuerzas armadas revolucionarias de Colombia) sei militärisch nahezu besiegt. Doch bisher haben die Mitglieder der ältesten aktiven Rebellenarmee Lateinamerikas stets das Gegenteil bewiesen. In einer entlegenen, zerklüfteten Gebirgsregion im Norden der Provinz Cauca haben sie sich während der letzten Wochen und Monate immer wieder heftige Gefechte mit der Armee geliefert und dabei mit ihren selbst gebastelten Granatwerfern auch Zivilisten und deren Behausungen getroffen – die Zielgenauigkeit der Waffen ist miserabel.

Ein Geschoss traf vergangene Woche ein Spital und verletzte zwei eingeborene Krankenschwestern. Einer der Verwundeten musste ein Bein amputiert werden. Vor der Polizeistation eines Dorfes liessen die Farc eine Bombe explodieren. Ein Kind starb, vier Personen wurden verletzt. Auf das Städtchen Toribío mit seinen 26'000 Einwohnern lancierte die Guerilla einen Angriff, wie sie es seit langem nirgendwo in Kolumbien mehr gewagt hatte. Von mindestens 15 Stellungen in den umliegenden Hügeln eröffneten die Aufständischen das Feuer. Die Armee brauchte länger als drei Tage, um sie zu vertreiben. In einem Communiqué verkündeten die Farc triumphierend, sie hätten in der Region «32 kriegerische Aktionen» vollbracht.

Der nördliche Teil Caucas gehört zum Stammesgebiet der Nasa, die auch Paez genannt werden. Das rund 190'000 Menschen zählende Volk ist schon seit der spanischen Kolonialzeit bekannt für seinen Widerstandsgeist und sein Bestreben nach Autonomie.

«Sagt dem Präsidenten einen Gruss von der Guerilla»

Um der schockierten Öffentlichkeit zu beweisen, dass der Staat seine Autorität über die Region nicht verloren habe, reiste Präsident Santos vergangene Woche nach Toribío. Er war in Begleitung des halben Regierungskabinetts, und angesichts des gewaltigen Sicherheitsaufgebots gab es keinen Zweifel: Das Staatsoberhaupt besuchte ein Kriegsgebiet. Währenddessen errichteten die Farc vor Toribío zwei Strassensperren. Sie verlangten von den Autofahrern – darunter zahlreiche Journalisten – Ausweise zu sehen und forderten sie auf: «Sagt dem Präsidenten einen schönen Gruss, und dass ihr eine Strassensperre der sechsten Front der Farc passieren musstet, um nach Toribío zu gelangen.»

Und es kam noch schlimmer für Santos – viel schlimmer. Um vier Uhr nachmittags murmelte General Alejandro Navas dem Verteidigungsminister Juan Carlos Pinzón ins Ohr: «Herr Minister, wir haben seit einer halben Stunde den Kontakt zu einem Super Tucano verloren.» Das brasilianische Kampfflugzeug wird häufig zur Bekämpfung von Guerillatruppen eingesetzt. Den präzisen Bombardements aus dem Super Tucano sind während der vergangenen Jahre die wichtigsten Anführer der Farc zum Opfer gefallen.

Noch nie hatte es mit einer der 25 Maschinen einen Unfall gegeben, doch nun war ein Super Tucano abgestürzt. Die beiden Piloten starben. Die Farc behaupteten, sie hätten das Flugzeug abgeschossen – was unwahrscheinlich ist, weil die Guerilleros nicht über die nötigen Boden-Luft-Raketen verfügen. Aber es waren Aufständische, welche die Presseleute zur Absturzstelle geleiteten.

Eingeborene wollten den Präsidenten nicht empfangen

Die Nasa bestehen seit langem darauf, dass sie nichts mit dem Krieg zwischen Staat und Guerilla zu tun haben. Ihre Anführer weigerten sich, Santos überhaupt zu empfangen – man habe ihn schliesslich nicht eingeladen. Sie zwangen aber auch die Farc-Rebellen dazu, ihre Strassensperren abzubauen und sich zurückzuziehen. Vor zwei Tagen kam es auf einem von der Armee befestigten Hügel in der Nähe von Toribío zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Soldaten und Eingeborenen. 26 Nasa wurden verletzt. Tags zuvor hatten Indigénas die Armeeangehörigen vorübergehend zurückgedrängt und damit begonnen, den Stützpunkt abzubauen. Er befinde sich auf heiligem Gebiet. Bei einer Strassensperre der Armee wurde ein junger Angehöriger der Nasa erschossen, angeblich, weil er nicht angehalten hatte.

Präsident Santos steht wegen der sich häufenden militärischen Angriffe der Farc ohnehin unter Druck – auch von seinem Vorgänger und einstigen Förderer Álvaro Uribe, der ihm vorwirft, gegenüber den Rebellen zu nachsichtig zu sein. Die Provinz Cauca blieb allerdings auch unter Uribe eine Hochburg der linken Rebellen.

In einem Communiqué der Eingeborenen heisst es: «Bis heute haben uns weder die Polizei, noch die Armee, noch die Guerilla beschützt. Im Gegenteil, sie haben uns bedroht, ermordet und vertrieben. Wir bitten alle bewaffneten Akteure, die Region zu verlassen, damit die Wachpatrouillen der Eingeborenen den Frieden sichern können.» Die Antwort des Präsidenten kam sofort: Er sei nicht bereit, auch nur einen einzigen Zentimeter des Cauca zu entmilitarisieren, betonte Santos.

Indígenas verhaften vier Guerilleros

Indessen haben die Ureinwohner bereits damit begonnen, das Recht in die eigenen Hände zu nehmen: Sie verhafteten am Mittwoch vier Farc-Guerilleros, die gerade versuchten, einen Armeehelikopter abzuschiessen. Ein Vertreter der Nasa kündigte an, die Rebellen würden «nach indigenem Recht» verurteilt. Auf die Frage eines Journalisten, weshalb er sie nicht den staatlichen Behörden übergeben wolle, lautete die Antwort: «Die Ordnungskräfte waren ja nicht einmal imstande, sie zu verhaften.» (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.07.2012, 19:15 Uhr

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25 Kommentare

Andreas Winter

20.07.2012, 19:45 Uhr
Melden 119 Empfehlung 0

Da kann man den Indios nur gratulieren - das Zepter selbst in die Hand nehmen und die Eigenständigkeit um jeden Preis verteidigen, sind das einzige Erfolgsrezept welches das Überleben eines Volkes sichert! Daran sollten wir uns Eidgenossen wieder mal erinnern, wenn die EU uns ständig mehr in den Würgegriff nehmen will! Nur ein unabhängiges und freies Volk bestimmt selbst über seine Zukunft! Antworten


Urs Marthaler

20.07.2012, 20:05 Uhr
Melden 94 Empfehlung 0

Super - Ich bin begeistert was die Indios überall in Südamerika leisten und wie sie sich gegenüber den Staatsdienern spanischer Abkömmlinge auflehnen. Sie wollen begreiflicherweise einfach in Frieden leben. Vielleicht sollten wir uns genauso gebenüber der EUSSR wehren.
Es gibt ausser polizeilichen- , militärischen- auch noch wirtschaftlichen Druck dem wir durch die
EU ausgesetzt sind.
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