Ausland
Das jüdische Lobbying in den USA
Von Philipp Löpfe. Aktualisiert am 22.09.2011
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Der neunte Kongressdistrikt in New York ist eine klassische Hochburg der Demokraten. Seit 1923 entsandten sie den Abgeordneten (vergleichbar mit einem Nationalrat) nach Washington. Nun sind aber die Republikaner am Zug. Der überraschende Wechsel hat zunächst persönliche Gründe. Anthony Weiner, ein Politiker mit scheinbar grosser Zukunft, musste nach einem peinlichen Skandal zurücktreten. Er hatte via Twitter jungen Frauen obszöne Fotos zukommen lassen.
Doch vielleicht steckt auch mehr dahinter: Präsident Barack Obama ist bei den Juden nur mässig beliebt. Seine persönliche Abneigung gegen Israels Premierminister Benjamin Netanyahu hat sich herumgesprochen. Deshalb wittern die Republikaner eine Chance, in die traditionell jüdischen Hochburgen einbrechen zu können. Rick Perry, der republikanische Herausforderer mit den aktuell besten Chancen, hat Obamas Haltung gegenüber Israel am Dienstag als «naiv, arrogant, verfehlt und gefährlich» bezeichnet.
Weltweit viel Staub aufgewirbelt
Der Zeitpunkt für solche Attacken scheint günstig. Mit ihrer Forderung nach einem eigenen Staat vor der UNO haben die Palästinenser den Präsidenten in eine sehr heikle Lage gebracht. Amerika kann Israel nicht fallen lassen. Das ist eine fixe Grösse der US-Politik. Die Vereinigten Staaten waren die ersten, die den Staat Israel 1948 anerkannt haben, und sie haben seither sein Überleben gesichert. Immer wieder haben sie Israel feindliche UNO-Resolutionen mit ihrem Veto abgeschlagen und grosszügig finanzielle und militärische Unterstützung gewährt. Warum eigentlich?
Die beiden Politologen John Mearsheimer und Stephan Walt haben 2006 in der «London Review of Books» ein Essay unter dem Titel «The Israel Lobby» veröffentlicht. Darin vertreten sie die These, dass die Israel-Freundlichkeit der Amerikaner das Resultat einer äusserst effektiven Lobby-Arbeit ist. Mearsheimer/Walt zitieren einen Artikel des Wirtschaftsmagazin «Fortune» aus dem Jahr 1997. Er kommt zum Schluss, dass das American Israel Public Affairs Committee (AIPAC) nach dem Verband der Senioren die einflussreichste Lobby der USA sei, mächtiger noch als die viel zitierte National Rifle Association. Der Artikel hat weltweit viel Staub aufgewirbelt und ist bis heute umstritten. Die Frage, ob es überhaupt eine Israel-Lobby in den USA gibt und über wie viel Einfluss sie verfügt, kann deshalb nicht seriös beantwortet werden.
Zerfall der klassisch-steifen Wasp-Kultur
Bis zum Zweiten Weltkrieg hatten die Juden in Nordamerika einen schweren Stand. Die damalige Oberschicht, die sogenannten White Anglo-Saxon Protestants (Wasp), war teilweise offen antisemitisch. An Elite-Universitäten waren Juden wie Schwarze nicht zugelassen – Harvard beispielsweise öffnete seine Türen erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Bekannte Grössen der Wirtschaft wie Henry Ford machten aus ihrer Abneigung gegen Juden keinen Hehl. J. P. Morgan, der mächtigste Bankier der Welt, und später sein Sohn James stellten lange keine Juden in ihrer Bank an und äussersten sich äusserst verächtlich über sie. Der Volksheld und Atlantikflieger Charles Lindbergh war ein bekennender Fan der Nazis. 2004 hat der jüdische Schriftsteller Philip Roth den Roman «Verschwörung gegen Amerika» veröffentlicht. Er schildert fiktiv, dass Lindbergh in den Dreissigerjahren zum Präsidenten gekürt worden sei und was für Folgen das für die Juden gehabt hätte.
In der realen Welt wurde Franklin D. Roosevelt Präsident der Vereinigten Staaten. Bei den Juden geniesst er bis heute den Status eines Halbgottes und ist zu einem guten Teil dafür verantwortlich, dass sie ihre Stimme mehrheitlich den Demokraten geben. Mit dem Zerfall der klassisch-steifen Wasp-Kultur nahm der jüdische Einfluss generell zu. Hollywood wurde von Juden gegründet und ist eine linksliberale, jüdische Hochburg. Die wichtigsten Zeitungen des Landes, die «New York Times» und die «Washington Post», gehören jüdischen Familien.
Fundamentalisten sind aus Überzeugung Israel-freundlich
An den Elite-Universitäten, an denen sie lange nicht einmal studieren durften, sind heute jüdische Professoren sehr präsent. Ebenso an der Wallstreet: Goldman Sachs, Citigroup, aber auch die beiden Opfer der Finanzkrise, Lehman Brothers und Bear Stearns, waren ursprünglich jüdische Banken.
Nicht nur im linksliberalen, sondern auch im konservativen Lager habe die Juden heute ihren festen Platz. Das hat verschiedene Gründe. Die religiösen Fundamentalisten sind aus Überzeugung Israel-freundlich. Weil sie die Bibel wörtlich interpretieren, kommt Jesus nur dann zum zweiten Mal als Erlöser auf die Erde zurück, wenn Israel in jüdischer Hand ist.
Paul Wolfowitz und Richard Perle
Auch auf der intellektuellen Bühne haben sich konservative Juden durchgesetzt. Die sogenannten Neo-Cons sind ursprünglich an der New York University unter Juden entstanden, denen der Zugang zu den Elite-Universitäten verwehrt war. Zu den bekanntesten von ihnen gehören Irving Kristol und sein Sohn William. Er ist heute Chefredaktor des konservativen Sprachrohrs «Weekly Standard» (eine Art amerikanische «Weltwoche»). Die Neo-Cons hatten lange grossen Einfluss auf die Regierung von George W. Bush. Sie werden unter anderem für den Irak-Krieg verantwortlich gemacht. In diesem Zusammenhang fallen vor allem die Namen von Paul Wolfowitz, Richard Perle und John Bolton.
Es ist unbestritten, dass Juden in der US-Politik, Wirtschaft und dem intellektuellen Leben eine bedeutende Rolle spielen. Sie tun dies jedoch in allen Parteien und auf allen Ebenen. Deshalb ist es unmöglich, sie in ein bestimmtes Schema oder eine bestimmte Lobby einzuordnen. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 22.09.2011, 14:11 Uhr
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