Ausland

«Das Selbstverständnis der Amerikaner ist zutiefst erschüttert»

Interview: Amir Ali. Aktualisiert am 07.08.2011 64 Kommentare

Die Herabstufung der Kreditwürdigkeit ist vor allem ein Zeichen an die US-Politik. Korrespondent Martin Kilian über ein entsetztes Volk, einen geschwächten Präsidenten und eine Weltmacht im Niedergang.

«Obama hat im Schuldenstreit demokratische Kronjuwelen aufs Spiel gesetzt, und das verzeiht man ihm nicht», sagt TA-Korrespondent Martin Kilian.

«Obama hat im Schuldenstreit demokratische Kronjuwelen aufs Spiel gesetzt, und das verzeiht man ihm nicht», sagt TA-Korrespondent Martin Kilian.
Bild: Reuters

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TA-Korrespondent Martin Kilian.

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Zum ersten Mal in der Geschichte wurde die Kreditwürdigkeit der USA herabgestuft. Was heisst das konkret für die grösste Volkswirtschaft der Welt?
Ich glaube nicht, dass der Entscheid der Ratingagentur Standard & Poors viel ändern wird. Ich glaube nicht einmal, dass die Zinsen für die Kreditaufnahme im grossen Stil ansteigen werden. Das war kein wirtschaftlicher, sondern ein politischer Entscheid. Und er hat das Selbstverständnis der Amerikaner zutiefst erschüttert. Es ist ein weiterer Hinweis, dass ihre Hegemonie auf das Ende zugeht und sich wieder eine Multipolare Weltordnung einstellt.

Standard & Poors begründet die Herabstufung mit Zweifeln an der Handlungsfähigkeit der US-Politik. Ist der Verlust der höchsten Bonität also die Schuld der Republikaner und der Tea Party?
Nein. Man kann ihnen sicher mangelnde Kompromissbereitschaft vorwerfen. Aber in Washington geht im Moment einfach gar nichts mehr, es herrscht eine vollkommene Paralysierung des Systems. Die Analysten der Ratingagentur erwarten von dieser Situation völlig zu Recht keine Lösung der wirtschaftlichen Probleme des Landes.

Geht diese Blockade nicht auf die Politiker der Tea Party zurück, die im Wahlkampf versprochen haben, keinesfalls Steuererhöhungen zuzulassen und sich damit ihrer eigenen Handlungsfähigkeit beraubt haben?
Bezeichnenderweise heisst es in dem Bericht von Standard & Poors, man rechne nicht damit, dass die Steuersenkungen von George W. Bush rückgängig gemacht würden. Genau das wäre jedoch nötig gewesen bei dem Schulden-Deal zwischen Demokraten und Republikanern. Für eine nachhaltige Lösung hätten beide Seiten etwas nachgeben müssen, es braucht Kürzungen im Sozialbereich genauso wie leichte Steuererhöhungen beim wohlhabendsten Prozent der Bevölkerung. Dass dies nicht geschehen ist, muss man bestimmt der Tea Party anlasten.

Hat die Bevölkerung Verständnis für das was in den letzten Wochen geschehen ist?
Absolut nicht, die Leute sind völlig abgelöscht. In meinem persönlicher Bekanntenkreis gibt es alles, vom Musiker über die Lehrerin bis zum Anwalt. Alle sind entsetzt über die Vorstellung ihrer Politiker. Andererseits müssen die Menschen akzeptieren, dass sie es waren, die mit der Tea Party Konfrontationspolitiker in den Kongress gebracht haben.

Wer wird verantwortlich gemacht: Präsident Obama oder die Tea-Party-Leute?
Beide. Wie gesagt, der Tea Party kann und wird ihre Radikalität und fehlende Kompromissbereitschaft vorgeworfen. Gleichzeitig wird Obamas Führungsschwäche kritisiert. Die historische Herabstufung ist nun mal während seiner Amtszeit erfolgt. Und diese Regierung ist momentan kaum mehr Handlungsfähig. Es heisst immer, man wolle Jobs schaffen. Aber mit welchem Geld denn, es ist ja keins mehr da! Zudem hat Obama demokratische Kronjuwelen aufs Spiel gesetzt, als er im Schuldenstreit Renten und die staatliche Krankenversicherung Medicare zur Debatte gestellt hat. Dieser Präsident geht definitiv geschwächt in den Wahlkampf, der ja im Grunde bereits begonnen hat.

Wie blickt man in den USA auf den kommenden Montag, wenn die Börsen wieder eröffnen?
Mit einiger Beklemmung. Es ist zwar nicht zwingend, dass die Kurse wieder purzeln. Es kann sein, dass das Ganze mit den Kursstürzen der letzten Tage bereits verdaut ist. Aber es besteht die Möglichkeit, gerade auch vor dem Hintergrund der sich verschärfenden Schuldenkrise in Europa, dass die Märkte weiter taumeln. Die Aussichten sind ja auch sonst nicht rosig, der Konsum in den USA etwa steht komplett still. Und man fürchtet den Double Dip, den zweiten Abtaucher der Konjunktur in kurzer Zeit. Die Herabstufung ist so gesehen Öl in ein Feuer, das man ohnehin kaum mehr kontrollieren kann.

Gibt es Stimmen, die jetzt eine Beschneidung der Macht der Ratingagenturen fordern?
Die gibt es. Der Ökonom Paul Krugman hat sich unglaublich aufgeregt über die Ratingagenturen, die ja zum Beispiel die fatale Immobilienkrise vollkommen verschlafen haben. Es gibt durchaus liberale Stimmen, die jetzt eine stärkere Kontrolle fordern. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.08.2011, 00:08 Uhr

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64 Kommentare

Karin Müller

07.08.2011, 08:47 Uhr
Melden 193 Empfehlung

am system rumschrauben, totsparen, geld drucken, kriege führen - um des endlosen wirtschaftswachstums willen - ist absoluter blödsinn. auf einer begrenzten erde mit begrenzten ressourcen und menschen, deren kraft und lebenszeit begrenzt ist, ist wachstum ins endlose nicht möglich. ändert endlich das system, denn es ist nicht nachhaltig und zudem ungerecht. Antworten


Zelokan Zel

06.08.2011, 23:20 Uhr
Melden 164 Empfehlung

Vorbei die zeit wo grosskotzig gesagt wurde "der Dollar ist die US Währung, aber das Problem der anderen (RoW)*....
jetzt ist der Dollar zum Problem der USA geworden...schlicht und einfach gesagt, eine Währung wie jede andere, mit alle Vorteile und Nachteile...und das ist gut so!
Milliarden könnten gespart werdfen beim übergrossen "Verteidigungsbudget"....
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