Ausland

Martin Kilian
Korrespondent


Das Enfant terrible nimmt den Hut

Aktualisiert am 02.05.2012

Heute verabschiedet sich Newt Gingrich offiziell aus dem Vorwahlkampf der Republikaner – zur Erleichterung des Parteiestablishments. Der langsame Abschied eines rabiaten Handgranatenwerfers.

1/5 Sorgte mit seinen Kommentaren bisweilen für Verwunderung oder Erheiterung: Newt Gingrich.
Bild: Reuters

   

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Der Mann tritt endlich ab. Und wenn Newt Gingrich, vormals Sprecher des Repräsentantenhauses, Hansdampf in allen Einbahnstrassen und dazu republikanischer Präsidentschaftskandidat, heute offiziell das Ende seiner quijoteschen Bewerbung für die republikanische Kandidatur verkünden wird, dürfte nicht nur ein Stossseufzer der Erleichterung aus den republikanischen Reihen aufsteigen.

Auch eine Träne des Bedauerns wird fliessen, unterhielt Newt doch wie kein Zweiter als Enfant terrible des republikanischen Vorwahlkampfs und als Demagoge, der die Euro-Rechtspopulisten wie Anfänger und Amateure aussehen lässt. Obendrein fungierte er als universeller Historiker und profunder Denker, dessen Ergüsse je nach dem eigenen Standort Zustimmung, Verwunderung oder Erheiterung auslösten. Grandios und überheblich, bombastisch und aggressiv marschierte Newt durch den Wahlkampf, nie um ein Wort verlegen und gleichermassen bereit zur Hatz auf den ungeliebten Mitt Romney («fundamental unehrlich!») wie auf das demokratische Gesocks («korrupt, gottlos!»).

Polarisierung seit 1980

Dass Gingrich, der bei den republikanischen Urwahlen lediglich seinen Heimatstaat Georgia sowie das benachbarte South Carolina gewann, dem Präsidentschaftskandidaten Romney so lange auf der Nase herumtanzte, zeigt den zeppelinhaften Umfang seines Egos an. Da er bekanntlich schon vor Monaten vollmundig versichert hatte, er, Newton Leroy Gingrich, werde der republikanische Kandidat sein, konnte er überdies nur schwerlich zugeben, was längst offenkundig geworden war: Er war ein Loser.

Jetzt also ist Schluss. Und damit verabschiedet sich eine erstaunliche Figur, die seit 1980 mehr als jeder andere amerikanischen Politiker zur Polarisierung in Washington beigetragen hat. Denn Gefangene machte Newt keine. Als Sprecher des Repräsentantenhauses keilte und brandmarkte er. Und er klebte seinen politischen Gegnern ungeheuerliche Etiketten an, er verleumdete sie und machte sie nieder. Die politische Blockade in Washington ist nicht zuletzt sein Werk.

Am Ende – man schrieb das Jahr 1998 – versagte ihm die eigene Partei die Gefolgschaft, weil er zur Zumutung geworden war. Seine Tiraden, seine Paranoia, seine Affären ermüdeten, worauf Newt aus dem Amt des Sprechers gekegelt wurde, sich gleichwohl aber neu erfand als Vordenker und Bonvivant, der mit Gattin Callista teure Restaurants aufsuchte und teure Weine trank. Die Rechnung beglich der Vordenker mit diversen Lobbytätigkeiten, was er freilich nicht als Lobbyieren verstand – er dachte gegen Bezahlung vor. Und insgeheim war er überzeugt, seine Zeit käme erst noch – 2012!

Mondkolonie und Kinderarbeit

So eilte er seit dem Sommer 2011 durch den Vorwahlkampf als Verbreiter famoser Ideen, der gleichermassen im viktorianischen England wie in der Welt der Sciencefiction beheimatet war. Das Verbot der Kinderarbeit geisselte er als «wahrhaft dumm», dümmer jedenfalls als sein Vorschlag, den Mond bis 2020 zu kolonialisieren. Deswegen verlacht, zog er sich zurück in den Bombast: «Ich nehme den Vorwurf an, dass ich und die Amerikaner grandios sind», sprach er, dem die Zukunft so vertraut war, dass er sich darin tummelte wie andere in ihren Wohnzimmern.

Schliesslich hatte Newt einst vorgeschlagen, im Weltraum riesige Spiegel anzubringen, damit nächtens keine Strassenbeleuchtung mehr vonnöten sei. Er sei «einer der grossen politischen Denker in Amerika», bescheinigte ihm sein Parteifreund, der republikanische Abgeordnete Paul Broun. Andere, darunter Mitt Romney, hielten sich die Ohren zu, wenn Newt mal wieder zur Hochform auflief und dozierte und schimpfte und tönte. Denn Newt, stets auf der Suche nach einem verbalen Handkantenschlag und ausserdem ein Meister des politischen Jiu-Jitsu, hielt nicht hinterm Berg: Beherzt verschrien er und seine Truppe den Spitzenreiter Romney als herzlosen Kapitalisten, der die Arbeitsplätze kleiner Leute vernichtet habe.

Am Schluss fehlte das Geld

Allein es fehlte Newt am Zaster, um ähnlich wie der weitaus betuchtere Romney den täglichen TV-Hammer zu schwingen und mit Tausenden Werbespots negativen Wahlkampf zu betreiben. Kaum auszudenken, was geschehen wäre, wenn Gingrich mehr Geld in der Bank gehabt hätte. Vor sich hergetrieben hätte er Romney und das republikanische Establishment, ohne Rücksicht auf Verluste. Nun also, nach langem Zaudern und Zögern – wer räumt schon gern den Platz im Rampenlicht? – , heisst es also bye-bye.

Vielleicht auch nicht: Newt gäbe in einer Romney-Administration einen feinen Aussenminister her, flötete unlängst der republikanische Abgeordnete Phil Gingrey. Gott stehe einem Präsidenten Romney bei, wenn Newt im Aussenamt sässe! Mitt wird schon deshalb auf Newts Dienste verzichten, weil er die Geduld des Allerhöchsten nicht allzu sehr strapazieren möchte. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 01.05.2012, 10:03 Uhr

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