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Colas sind die neuen Zigaretten

Von Philipp Löpfe. Aktualisiert am 28.01.2013 56 Kommentare

Coca-Cola hat mit einer Video-Botschaft zum Thema Kalorien und Fettleibigkeit viel Häme geerntet. Für differenzierte Geister ist klar: In den USA wird eine Wiederholung des Tabakkrieges eingeläutet.

«Jede Kalorie zählt»: So sagt Coca-Cola der Fettleibigkeit den Kampf an. (Quelle: Youtube)


Video

Im Internet kursieren Parodien des Cola-Spots: Hier die «Übersetzung» des Center for Science in the Public Interest (CSPI).

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«Kann zu Amputationen führen»: Schockkampagne des New Yorker Gesundheitsdepartements von 2012. (Bild: PD)

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Im Hintergrund schlürfen schlanke Menschen ein Cola, und Jugendliche absolvieren Fitnessübungen. Eine Stimme im Off gibt Auskunft über die Ursache von Fettleibigkeit. «Wer mit Essen und Trinken mehr Kalorien zu sich nimmt, als er verbraucht, der erhöht sein Gewicht», sagt die Sprecherin, während gleichzeitig eine junge Frau über den Bildschirm joggt. Der zwei Minuten lange TV-Spot (siehe oben) ist professionell gemacht. Er wäre jedoch nicht weiter der Rede wert, hätte er nicht einen speziellen Absender: den Getränkemulti Coca-Cola. Auf Onlinemedien hat er deshalb einen Shitstorm ausgelöst, in der seriösen US-Presse eine breite Diskussion über die neue Volkskrankheit Fettsucht.

Lori Dorfman, Gesundheitsexpertin an der University of California in Berkley, sieht in der neuen Cola-Werbung Parallelen zum Verhalten der Tabakkonzerne in der Nachkriegszeit. Als 1945 der Zusammenhang zwischen Rauchen und Lungenkrebs nicht länger zu leugnen war, schalteten die führenden Zigarettenhersteller in den wichtigsten Tageszeitungen ein Inserat. Darin stritten sie den Zusammenhang nicht mehr kategorisch ab, bestanden aber gleichzeitig darauf, dass es noch keine gesicherten Beweise dafür gäbe. Dieses Teilgeständnis gilt heute als Auftakt des Tabakkrieges, der zum Rauchverbot im öffentlichen Raum und zu einer weitgehenden Werbeeinschränkung für Zigaretten geführt hat.

Bloomberg gegen die Becher

Der New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg ist entschlossen, einen ähnlichen Kampf gegen die Süssgetränke anzuzetteln. «Ich habe rund 600 Millionen Dollar von meinem eigenen Geld im Kampf gegen die Tabak-Plage ausgegeben», erklärte er grimmig. «Jetzt schaue ich mich nach einer neuen Sache um.» Lange suchen musste er nicht: Bloomberg will in seiner Stadt alle Becher, die mehr als einen halben Liter fassen, für den Verkauf von Süssgetränken verbieten. In U-Bahn-Stationen liess er letztes Jahr Plakate aufhängen, die an die Abschreckungskampagnen gegen das Rauchen erinnern. Sie zeigten amputierte Übergewichtige mit übergrossen Süssgetränkebechern.

Fettleibigkeit ist im Begriff, die neue Volkskrankheit zu werden. Altersdiabetes und andere Leiden verkürzen nicht nur die Lebenserwartung der Menschen, sie sind inzwischen auch ein bedeutender Faktor für die Gesundheitskosten geworden. Allein in New York müssen jährlich rund vier Milliarden Dollar im Kampf gegen von Fettsucht verursachte Krankheiten aufgewendet werden. Dass gesüsste Sodagetränke wiederum zu den Hauptverursachern der neuen Fettsucht zählen, gilt unter Ernährungswissenschaftlern als erwiesen, und dass die Hersteller dieser Getränke mit Werbung und grösseren Bechern den Konsum ankurbeln, ist ebenfalls unbestritten.

Getränkeriesen gegen den Kindermädchen-Staat

Der TV-Spot des Getränkekonzerns stiess bei den Experten auf eine Mischung von Gelächter und Zynismus. «Coca-Cola bekämpft Fettleibigkeit, lächerlich!», zitiert die «New York Times» Marion Nestle, eine der bekanntesten Ernährungsspezialistinnen der USA. Im gleichen Blatt stellt der Ernährungskolumnist Mark Bittman fest: «Sodagetränke sind ein Fruchtzucker-Verteilungssystem, so wie Tabak ein Nikotin-Verteilungssystem ist.» Auch die im TV-Spot geäusserte Warnung, jede Kalorie sei gleich, ist unter Ernährungswissenschaftlern heftig umstritten. Viele gehen inzwischen davon aus, dass gerade Zucker besonders schädlich ist, weil er im Körper die Produktion von Insulin anregt und damit den Abbau von Fett verhindert.

Die Süssgetränkehersteller hoffen nun auf die Unterstützung jener Kreise, die im Namen der Freiheit jede Einmischung des Staates in die Ess- und Trinkgewohnheiten der Menschen verhindern wollen. Doch der Nanny State – so wird staatliche Bevormundung bezeichnet – gewinnt angesichts der immer gravierender werdenden Folgen der Fettleibigkeit an Gewicht. Das «New England Journal of Medicine», eine äusserst renommierte Fachzeitschrift, hat unter weltweit 1300 Spezialisten eine Umfrage durchgeführt. Das Resultat: 68 Prozent der Befragten befürworten eine stärkere Regulierung der Süssgetränke durch den Staat. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.01.2013, 17:04 Uhr

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56 Kommentare

Reto Gall

28.01.2013, 17:36 Uhr
Melden 207 Empfehlung 82

Das Problem ist nicht Cola oder andere Süssgetränke, auch nicht Pommes und Burger.... das Problem ist der Mensch...und seine mangelnde Disziplin, er informiert sich ja nicht mal über das was er isst.....er ist bequem und faul geworden....echt tragisch Antworten


Manuel Braun

28.01.2013, 18:39 Uhr
Melden 121 Empfehlung 15

Ich esse viel zu gerne, um das "Kalorienkonto" mit Süssgetränken zu belasten, das wäre mir echt zu schade. Und chemiegetränkte Designer-Drinks mit Süssstoffen sind mir auch zuwieder. Lieber auf ein Cola verzichten und dafür mehr Kapazität haben, um etwas mehr zu essen. Und ab und zu noch ein Bierchen. So hat man mit gleichviel Kalorien viel mehr Genuss. Aber jedem das Seine. Antworten



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