Als unter Tage die Anarchie ausbrach
Von Andreas Valda, Santiago de Chile. Aktualisiert am 20.10.2010 16 Kommentare
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Am Anfang des Dramas um die 33 Mineure in der Unglücksmine von Chile war dieser dumpfe Knall. «Es tönte, als ob eine Ladung Dynamit hochgegangen wäre», erzählt Mario Gomez jetzt nach seiner Rettung. Der 63-Jährige steuerte zu dem Zeitpunkt einen Kleinlaster. An der Minensohle in 790 Meter Tiefe hatte er Gestein geladen und eben die Fahrt nach oben begonnen – sieben Kilometer im Zickzack hinauf wie auf einer Schweizer Passstrasse. Nach 200 gefahrenen Metern war aber bereits Schluss. Schichtchef Luis Urzúa stoppte ihn: «Stell deinen Laster hin und steig in meinen Geländewagen.» Sekunden später, Gomez war noch am Einsteigen, rollte die Staubwalze an. Sie umnebelte den Körper, verklebte die Augen.
Hustend schlug Gomez die Wagentür zu. Am Steuer sass der Stellvertreter des Schichtchefs. Florencio Ávalos drückte aufs Gaspedal und fuhr hinab zur Sohle. Wie er unter diesen Umständen steuern konnte, ist Gomez bis heute unklar: Man habe rein gar nichts gesehen. Das Fahrzeug rammte herunterfallende Gesteinsbrocken und schrammte die Tunnelwand. Der Puls der drei Kumpel raste. Ávalos schaffte es, das Auto in einen Seitenstollen zu retten. Dort sahen sie die anderen Kumpel: Menschen, die um ihr Leben rannten.
Ewige Ungewissheit
Urzúa schrie: «An die Wand! Es wird die Mine verjagen.» Aus der Theorie wusste der Schichtchef, dass die Druckwelle, die sich nach einem Einsturz ausbreitet, tödlich sein kann. Sie schmettert Körper wie Puppen an die Wände.
Körper an Körper harrten die Bergmänner also ihres Schicksals. Urzúa ertastete die Kollegen und zählte. Es fehlte mehr als die Hälfte der Schicht.
Eine unbestimmte Zeit später tauchte dann der Mann auf, der später als Rebell und Anführer einer Fünfergruppe in die Geschichte der Mineure von San José eingehen sollte: Juan Illanes. Auch andere Bergleute stiessen dazu. Niemand aber wusste, ob jemand umgekommen war. Die Ungewissheit dauerte drei Stunden. Bis sich der Staub setzte.
Jeder kämpfte für sich
Die Männer begaben sich zum Notunterschlupf. Dort trafen nach und nach alle 33 Kumpel ein. Der Jüngste, Jimmy Sánchez, und der Bolivianer, Carlos Mamani, weinten an diesem 5. August 2010. Alle hatten sie den Bergsturz überlebt. Doch der Höllenritt hatte erst begonnen.
Die Hitze war unerträglich. 38 Grad und eine Feuchtigkeit am Sättigungspunkt. Schichtleiter Urzúa versuchte, die Männer zu beruhigen und im Chaos Ordnung zu schaffen. Er teilte die Kumpel in drei Gruppen ein. Diese sollten ausschwärmen und Fluchtwege suchen. Eine Gruppe stellte fest, dass nicht die Tunneldecke eingebrochen war. Ein tonnenschwerer Felsbrocken hatte die Zufahrtsrampe begraben. Nun gab es für viele kein Halten mehr.
Gomez, der Dienstälteste, zog den sogenannten «Kamin», einen 500 Meter hohen Lüftungsschacht, als Fluchtweg in Betracht. Omar Reygades, der Zweitälteste, und Schichtchef Urzúa aber waren dagegen. Sie setzten auf eine Rettung von aussen und wollten warten. Der 27-jährige Mechaniker Richard Villarroel wiederum versuchte es mit Signalen. Er packte mehrere Kanister Benzin, fuhr bis unters «Kamin» und setzte Reifen in Brand, in der Hoffnung, dass oben jemand den Rauch entdeckte.
Jeder kämpfte für sich. Die Anarchie brach aus. Der 45-jährige Sprengexperte Pablo Rojas schnappte sich das verbleibende Dynamit. Sein Plan: Mit kontrollierten Explosionen Erschütterungen hervorrufen, die man oben merken könnte. Doch die Ladungen verpufften, als wären es Knallfrösche.
Verzweifelte Kletterversuche
In seiner Verzweiflung fuhr der alte Gomez nochmals zum «Kamin». Zusammen mit zwei Kollegen versuchte er, an den Kabeln hochzuklettern. Sie schafften 180 Meter, bis sie am gleichen Fels anstanden, der den Tunnel blockierte. Verletzt an Händen und Füssen seilten sie sich wieder ab. Ein Stein schlug einem der Männer den Kiefer blutig.
Doch sie gaben nicht auf. Mario Sepúlveda, der spätere «Journalist» der Truppe, unternahm allein den Versuch, einen anderen Lüftungsschacht zu erklimmen. «Es war stockdunkel. Nur meine Stirnlampe spendete Licht», erzählt er nach der Rettung. «Die vorhandene Stickleiter war in einem fürchterlichen Zustand. Mir fielen Brocken ins Gesicht. Mit blutenden Lippen kletterte ich weiter. Nach 45 Meter Höhe endete die Leiter.» Weiter oben sah er den Felsen, der den Schacht versperrte. «Dies zu entdecken, war fürchterlich.» Er kehrte ins Lager zurück und schilderte das Gesehene. Urzúa beschloss, dass keine weiteren Versuche unternommen würden.
Spaltung in zwei Gruppen
Hoffnungslosigkeit machte sich breit. Der Schichtchef liess die Vorräte zählen. Wie viel Milch, wie viele Kekse, Pfirsiche und Thunfisch waren noch vorhanden? In den ersten drei Tagen ass und trank jeder, was er besass. Am vierten Tag beschlossen sie, die Vorräte zu rationieren: ein Löffelchen Thun und ein halbes Stück Guetsli alle 2 Tage.
Doch einer wehrte sich: Ex-Militär Illanes wurde zu Urzúas härtestem Widersacher. Illanes gehörte zu einer Gruppe von Temporärarbeitern einer Drittfirma. Er war mit seinen eigenen vier Leuten unterwegs, darunter Sprengmeister Villarroel. Die fünf besassen eigene Fahrzeuge und Frontlader. Dort schliefen sie jede Nacht – abgesondert von den übrigen 28. Die Gruppe war gespalten, die Situation prekär. Der Luxus, auf den Sitzen eines Autos zu schlafen, war riesig. Überall in der Grube war es feucht. Trocken war es nur in den Autos sowie im Notunterschlupf. Als Liege dienten dort Holzroste, Lumpen, Kartons. Doch die Lüftung im Schutzraum funktionierte nicht, sodass die 28 Kumpel ihre Schlafplätze in den Tunnel verlegen mussten. Das schwächte Urzúa.
Quälender Hunger
Nun bildeten sich neben der Fünfergruppe der Temporären unter Ex-Militär Illanes Untergrüppchen – etwa die Familienbande der Ávalos und Araya. Oder ein Viererblock von Cousins. Die konstruktivsten Rollen spielten aber der «Pfarrer» José Henriques und der «Journalist» Sepúlveda. Ersterer drängte darauf, alle Probleme im Dialog zu lösen. Letzterer formulierte alle Abstimmungsfragen. So liess er auch darüber abstimmen, ob die Gruppe der Temporären das Recht haben sollte, in ihren Autos zu schlafen. Das Resultat war eindeutig. Ex-Militär Illanes musste klein beigeben.
Zwar stärkte dies Urzúas Position. Im Nachhinein wird der «Journalist» Sepúlveda von mehreren Kumpel aber als der wahre Führer bezeichnet. Sepúlveda versuchte, die Leute mit Spässchen aufzumuntern. Am Tiefpunkt der Stimmung legte er sich hin, schloss die Augen und sagte: «Freunde, bitte richtet meiner Familie aus, dass ich sie liebe und dass das Geld unterw…». Er verstummte. Seine Kumpel schauten schockiert. Nach einer Minute brach er in schallendes Gelächter aus.
Der Hunger quälte die Bergmänner so sehr, dass einige mit der Rationierung aufhören wollten. «Warum sollten wir uns zwingen, wenn wir sowieso sterben?», sagte einer.
Schichtchef mit Privilegien
Je länger der Aufenthalt unter Tage aber dauerte, desto eher setzte sich Urzúa durch. Er führte Tag- und Nachtschichten ein und sparte niemanden aus, nicht Illanes, nicht dessen vier Untergebenen und selbst jene nicht, die unter Bluthochdruck oder Diabetes litten. Sie räumten Schutt auf und bauten Erz ab. Am Nachmittag spielten sie Domino, das ein Mineur gebastelt hatte. Schichtchef Urzúa markierte seine Stellung: Als Einziger arbeitete er «im Büro» – in seinem Wagen – und schlief dort auch.
Inzwischen hörten die Mineure die Sonden. In einer Abstimmung legten sie fest, was passieren würde, wenn eine durchbrechen sollte. Am 14. Tag kam ein Bohrkopf so nahe, dass die Ohren der Bergmänner schmerzten. Einige beteten, andere umarmten sich vor Ungeduld. Dann entfernten sich die Geräusche wieder. Die Sonde hatte den Stollen verpasst. «Jetzt glauben sie, dass die Mine ganz eingestürzt ist und wir tot sind», sagte einer.
«Pfarrer» Henríquez betete von da an unablässig mit einer Gruppe Reformierter. Der Katholik Mario Gomez machte dasselbe mit Gleichgesinnten. Die Hoffnung stirbt zuletzt, doch Hunger und Durst quälten die Kumpel. Einige hielten die Rationierung von Trinkwasser nicht mehr aus, öffneten die Kühler des Autos und begannen daraus zu trinken. Darminfektionen waren die Folge.
Hierarchie entscheidend
Am fünfzehnten Tag hörten sie wieder eine Sonde. Am 17. Tag war das Geräusch so nah, dass sie nicht wussten, ob die Sonde über oder unter ihnen bohrt. Urzúa verlangte Arbeitsdisziplin, doch die Männer waren aus dem Häuschen. Dann hörten sie ein trockenes Zipp. Alle rannten in Richtung des Geräusches oberhalb des Unterschlupfs, bis sie den Sondenkopf fanden. Sie umarmten ihn wild. Statt wie abgemacht, Steine mit Lederstreifen dranzuhängen, befestigten sie Zettel. Einige Meldungen waren trivial, andere bedeutend. Nur zwei kamen oben an: Der Liebesbrief von Gomez an seine Frau Lili und die berühmte Meldung «Wir 33 sind wohlauf im Unterschlupf», verfasst vom Diabetiker Ojéda. Die Bergung konnte beginnen.
Die Spaltung in zwei Gruppen aber blieb. Am 22. Tag, fünf Tage nach der Entdeckung der Verschütteten, musste ein Verantwortlicher der Temporärfirma dem Ex-Militär Illanes am Telefon durchgeben, dass die Befehlsgewalt über seine Gruppe an Urzúa übergegangen war. Endlich entspannte sich die Stimmung, alle arbeiteten nach Befehl und überlebten 69 Tage unter Tage. Die Rettungsequipe kommunizierte alle Aufträge nur über Urzúa. Am 13. Oktober, als Urzúa als Letzter oben ankam, stellte er sich vor den chilenischen Staatspräsidenten und sagte: «Ich übergebe die Schicht.» Die Hierarchie war entscheidend für das Überleben der 33 Mineure. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 19.10.2010, 22:48 Uhr
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16 Kommentare
Wirklich schade dass man alles öffentlich ausschlachten muss, denn was die Kumpel doch tatsächlich erlebt haben, soll doch ihnen vorbehalten werden, oder wer hilft nun den Kumpeln nachdem sie geretet worden sind. wer ist eigentlich an der ganzen Misere verantwortlich. Solche Fragen müssten öffentlich aufgedeckt und aufgezeigt werden. Antworten
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