Ausland
Aus dem Gefängnis in den Präsidentenpalast
Von Sonja Zekri. Aktualisiert am 03.04.2012 15 Kommentare
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Sie nennen ihn den «Ingenieur», aber das ist eine Untertreibung. Der Milliardär Khairat al-Shater ist einer der wohlhabendsten Männer Ägyptens. Er ist Stratege und Financier. Er ist Muslimbruder – und möglicherweise der nächste Präsident des Landes. Es war ausgerechnet Shater, 62-jährig und Vater von zehn Kindern, der nach dem Sturz von Präsident Hosni Mubarak dargelegt hatte, warum Ägyptens mächtigste Islamistenorganisation bei den Präsidentschaftswahlen keinen eigenen Kandidaten aufstellen würde: um das Land nicht zu überfordern mit der vollen Macht der Muslimbrüder, vor allem aber, um den regierenden Militärrat nicht zu provozieren.
Abdel-Moneim Aboul Fotouh, einen moderaten Muslimbruder, der die vergreiste Hierarchie der Bruderschaft im vergangenen Jahr offen herausgefordert und seine eigene Kandidatur erklärt hatte, liess Shater aus der Organisation werfen. Insofern registrieren es die politischen Gegner nicht ohne Häme, dass die Muslimbrüder nun, ein Jahr später, nach entwürdigenden Verhandlungen über verschiedene Kandidaten, das glatte Gegenteil ihrer früheren Position vertreten: Khairat al-Shater, offiziell Stellvertreter des obersten Führers, de facto vielleicht der wichtigste Mann der Organisation, soll für die Islamisten ins Rennen um das höchste Staatsamt steigen.
Wachsende Enttäuschung der Wähler
Hintergrund des Stimmungswandels sind wohl einerseits die wachsende Enttäuschung der Wähler über das von den Islamisten kontrollierte Parlament, andererseits die steigende Gereiztheit zwischen den Generälen und den Islamisten, die inzwischen diverse staatliche Institutionen dominieren.
Er habe niemals gedacht, dass er einen staatlichen Posten annehmen würde, erklärte Shater: Aber wenn die Gruppe so entscheide, müsse er sich fügen. Geboren als Händlersohn in Mansura, einer Stadt im Nildelta, war der junge Khairat unter Präsident Gamal Abdel-Nasser ein Linker, ein Sozialist. Er schloss sich nach der arabischen Niederlage im Sechstagekrieg 1967 den Studentenprotesten an, wurde verhaftet, freigelassen und gründete später eine der ersten Softwarefirmen des Landes, Salsabeel. Schliesslich fand er zu den Muslimbrüdern. Deren Ideologie will – radikaler noch als die marxistische – nicht nur Staat und Gesellschaft, sondern jeden Aspekt des persönlichen Lebens regeln.
Als Vorbestrafter dürfte er nicht kandidieren
Shater organisierte sich nach der ordensartigen Struktur der Bruderschaft, verheiratete seine Töchter mit Islamisten und stellte in seinem Wirtschaftsimperium aus Textil-, Bus- und Möbelfirmen vor allem Gleichgesinnte ein. Parallel dazu stieg Shater selbst auf. Der fromme, hocheffektive Macher kletterte an die Spitze der Religiösen. Dass er als regulär verurteilter Islamist zwölf Jahre im Gefängnis sass, scheint dabei erstaunlich wenig ins Gewicht gefallen zu sein. Shater besass genug Geld, um die Wärter zu bestechen. So konnte er bei Freigängen oder Untersuchungen im Krankenhaus Hof halten, die Finanzströme der Organisation regeln und den Marsch der Islamisten durch die Berufsverbände der Anwälte, Mediziner, Techniker lenken sowie den Wahlkampf der Muslimbrüder managen.
Dass die Generäle nun, nach seiner Freilassung im vergangenen Jahr und seiner Kür zum offiziellen Kandidaten der Muslimbrüder, eine Amnestie für ihn erwirken werden, gilt als sicher. Als Vorbestrafter dürfte er nämlich gar nicht kandidieren. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 02.04.2012, 17:34 Uhr
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15 Kommentare
Jetzt passiert genau das Gegenteil, von dem was die liberalen Kräfte in Ägypten wollten. Vom Regen in die Traufe und vermutlich wirds gar noch schlimmer als unter Mubarak! Obwohl die Muslimbrüder nur die Profiteure der Revolution sind, werden sie jeglichen Neuerungen, Moderne und Reformen den Hahn zu drehen und mit grossen Schritten zurück ins Mittelalter schreiten. Antworten
Langsam sind die Moslemfanatiker am Ziel. Alle westl. zivilisierten Ansichten (nach unserem Empfinden) werden über Bord geworfen. Die Dikdatur der Religion -nicht des Volkes- kommt, so wie der Koran es befiehlt. Alle Westler die Mubarak gefällt haben wollten, ernten jetzt den Prügelstab. Ägypten wird rückwärts fahren in jeder Weise ausser im Verherrlichen einer rückständigen Religion, des Islams. Antworten
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