Wiederholung und Wildwuchs

Der Flötist Andreas Stahel liess bereits mit atemberaubenden Solo-Projekten aufhorchen. Nun haucht er mit dem Quartett Helix der Minimal Music improvisatorische Freiheit ein.

Im Schilf: Helix.

Im Schilf: Helix. Bild: Karin Hofer

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ein Schmetterling fliegt nicht wie ein Vogelschwarm. Ein Musiker, der ganz auf sich alleine gestellt ist, gehorcht anderen Regeln, als wenn er Teil eines Kollektivs ist. Der 46-jährige Flötist Andreas Stahel, dessen Kreativität sich in langsamen Pendelbewegungen zu entfalten scheint, hat das am eigenen Leib erfahren: «Zuerst wollte ich mit einer Band meine Solo-Arbeit weiterführen - doch das ging nicht.»

Die auf den Alben «Helix Felix» und «Circular Hocket» dokumentierte Solomusik von Stahel ist geprägt durch verblüffende Mehrstimmigkeit und rhythmisch akzentuierte, repetitive Klangbänder: Die Pausen fürs Atemschöpfen entfallen dank Zirkularatmung. Mit immer höheren technischen Anforderungen hat sich Stahel selbst unter Druck gesetzt. Mit dem Quartett Helix begibt er sich nun ins «Schilf». So heisst die CD, mit welcher der «Zauberflötist» den Sprung vom «Alleinunterhalter» zum Primus inter Pares vollzieht (auch sie erscheint wieder auf Tonus-Music Records von Don Li).

Brückenbauer

Das Quartett Helix entstand durch simple Addition. Zuerst spielte Stahel im Duo mit dem Pianisten Roger Girod, dann stiess dessen Sohn Jean-Daniel (Perkussion, Gesang) hinzu. Nach dem Konzert zu dritt kam der Wunsch nach einer Verstärkung der Groove-Basis auf - mit dem Schlagzeuger Tobias Hunziker konnte man dafür einen sicheren Wert verpflichten.Obwohl weder der CD-Titel noch die Stücktitel («Dreiblatt-Binse», «Rohrglanzgras», «Späte Goldrute») programmatisch zu verstehen sind - sie entstanden im Nachgang zu einer Fotosession in einem Schwemmgebiet der Thur -, greift Stahel im Gespräch über seine Musik gelegentlich auf Naturassoziationen zurück. Etwa wenn er die Entwicklung und Entfaltung von Pattern in langen Prozessen mit dem Wachstum von Pflanzen vergleicht oder wenn er das Wort Gestrüpp fallen lässt, wenn es um frei improvisierte Teile geht. Tatsächlich zeichnet sich die Musik dieses Quartetts durch ein organisch anmutendes Wechselspiel zwischen Wiederholung und Wildwuchs, zwischen Hypnose und Mysterium aus.

Präzision und Fantasie

Wer bisher angenommen hat, zwischen der streng strukturierten Minimal Music und der freien Improvisation klaffe ein unüberbrückbarer Graben, kann sich durch Helix eines Besseren belehren lassen. Die Improvisation, die im Konzert mehr Platz einnimmt als auf CD, bringe sowohl mehr Ruhe als auch mehr wilde Zuckungen ins Spiel, gibt Stahel zu bedenken. Dass der Band eine äusserst schlüssige Synthese dieser doch sehr unterschiedlichen Ausdrucksformen gelingt, hat sicher mit ihrer Arbeitsweise zu tun. Statt alles von oben zu diktieren, lässt Stahel - nach einem Fehlstart mit viel zu komplizierten Vorgaben - kollektive Lernprozesse zu: «Ich bringe zum Beispiel Skizzen an eine Probe mit, die wir dann gemeinsam entwickeln.»

Für den Spagat zwischen Präzisionsarbeit und spontaner Fantasie sind Stahel & Co. gut vorbereitet. So nahm etwa Roger Girod - mit Jahrgang 1945 ganz klar der Veteran der Band - klassischen Klavierunterricht bei Werner Bärtschi, bevor er sich als Autodidakt verschiedenen Formen der Improvisation näherte. Stahel hat klassische Musik studiert, wurde durch Free-Workshops beim Pianoforte-Fantasten Art Lande nachhaltig beeinflusst und lernte im Zusammenspiel mit spanischen Flamenco-Musikern, was es heisst, sich gegenseitig rhythmisch hochzuschaukeln. Vor seinen verblüffenden Solo-Exerzitien war der Flötist als Improvisationsmusiker auch an multi-medialen Veranstaltungen beteiligt - zum Beispiel mit dem «Sprengmeister» Roman Signer. (Der Bund)

Erstellt: 20.06.2013, 10:38 Uhr

Artikel zum Thema

Und das Geld kommt aus der Wolke

Der Konzertclub, der keinen Eintritt verlangt und Getränke gratis ausschenkt: In Bern gibt es ihn ab diesem Wochenende. Der Orbital Garden des Musik-Astronauten Don Li versucht die Konzert- und Kunst-Flatrate. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Kulturell interessiert?

Bizarre Musikgenres, Blick in Bücherkisten und das ganze Theater. Alles damit Sie am Puls der Zeit bleiben.

Blogs

Zum Runden Leder Loswerden

Mamablog Wie viel Nacktheit darf sein?

Werbung

Urban und trendy?

Mal im Selbstversuch, mal beim Ortstermin. Oft mit Nachgeschmack. Immer allumfassend.

Die Welt in Bildern

Ein kleines Kunstwerk: Webervögel bauen ein Nest auf einem Bambusbaum in Lalitpur, Nepal.
(Bild: Navesh Chitrakar) Mehr...