Wie die Alten sungen
Von Ane Hebeisen. Aktualisiert am 28.04.2010
Die Assoziationskette, an der die Gruppe Les Yeux Sans Visage baumelt, ist lang. Und sämtliche Verweise zielen zurück in die späten Siebziger- und frühen Achtzigerjahre – in die Zeit, in der die Kinder der Hochkonjunktur die dunklen Romantiker gaben und sich im Weltschmerz und der dazugehörigen Weltschmerzmusik von Bands wie Joy Division, Sisters of Mercy, Red Lorry Yellow Lorry oder Bauhaus suhlten.
Sich dieser musikalischen Epoche zu entsinnen, ist derzeit en vogue. In England werden wöchentlich neue Neo-New-Wave-Bands ins Rampenlicht bugsiert, die Abwarte der Clubs werden angewiesen, die Nebelmaschinen von anno dazumal wieder auf die Bühnen zu schleppen, und an den Schreibtischen der relevanten Meinungsmacher-Magazine sitzen jene Gestalten, die vor dreissig Jahren in dunklem Textil die allgegenwärtigen No-Future-Parolen aufsogen. Das Luzerner Trio Les Yeux Sans Visage war noch mit anderen Dingen beschäftigt, als die Helden der damaligen Zeit ihre Boomjahre erlebten: mit der Aufnahme von Muttermilch etwa oder mit dem Durchleben der Vorpubertät. Schlagzeuger Dominic Deville wandte sich später dem Punk zu, der im Sedel seine Luzerner Brutstätte fand, Gitarrist Ismail Osman war ein Kind der Hip-Hop-Kultur, während Sänger Remo Helfenstein mit der Post-Punk-Institution Sonic Youth kulturell sozialisiert wurde. Im richtigen Leben sind sie heute als «Halbkünstler» tätig, wie es Sänger Remo Helfenstein definiert, als Schriftsteller, Theateraktivisten oder Kultur-Ermöglicher im erweiterten Espace Luzern.
Stilecht schön
2008 fanden die drei Autodidakten zusammen. Kaum hatten sie ein kleines Repertoire eingeübt, wurden sie gleich für eine Kunstperformance in ein Abbruchhaus geladen, wo sie – einzig von einem Stroboskop-Gewitter beleuchtet – in japanischen Ganzkörperanzügen einen Raum bespielten. Ein Auftritt, der dermassen für Furore sorgte, dass bald erste Konzertanfragen eingingen, unter anderem auch aus London und Berlin. Das ist ein beachtlich steiler Einstieg für eine Band, die bis heute erst eine Single und eine EP eingespielt hat.
Gründe für diese prompte Aufmerksamkeit finden sich in den vier neuesten Songs, welche die Band letzte Woche auf dem Label Little Jig veröffentlicht hat: Da treffen stilecht verhallte New-Wave-Gitarren auf ein kerniges Schlagzeug und einen sachdienlichen Bass, darüber singt Remo Helfenstein mit männlich markantem Tenor über Schattiges aus den Themenbereichen Liebe, Tod, Schönheit und Pestilenz. Es ist diese bemerkenswerte Unverkrampftheit und Stilsicherheit, mit der sich Les Yeux Sans Visage in die Posen der Vergangenheit werfen, vornehm darauf verzichtend, diese mit Tanzschritten aus der Neuzeit zu erweitern. Da gibts kein aufgesetztes Pathos, da wird raffiniert mit Emphasen und Entspannung hantiert, und Haltung wird jederzeit vor musikalisches Handwerk gestellt.
Entstanden sind vier schnörkellos produzierte, im besten Sinne wertkonservative Songs von rauer Schönheit, die man bereits kurz nach dem Erscheinen zu den wenigen Klassikern helvetischer New-Wave-Musik gesellen darf. Bereits im Herbst kann mit der nächsten EP-Einspielung gerechnet werden, eine Veröffentlichungsstrategie, die System hat: «Das Album verliert zunehmend an Bedeutung, und Werke, die ohne Füller-Songs auskommen, sind selten», sagt Helfenstein. «Wir sieben lieber vorher aus und veröffentlichen nur das, was uns wirklich am Herzen liegt. Deshalb scheint uns die Form der EP die bestmögliche.» Wo es hingehen soll, ist ebenfalls klar: «Möglichst raus aus Luzern», sagt Helfenstein mit einem Schmunzeln. Die Welt wirds freuen. (Der Bund)
Erstellt: 28.04.2010, 14:37 Uhr
