«Ich bin keine Wolldecke»

Von Steffen Rüth. Aktualisiert am 15.06.2010

Der New Yorker Querdenker und Songwriter Adam Green klingt auf seiner neuen Platte «Minor Love» ungewohnt ernsthaft. Nun gastiert er in Burgdorf.

«Vielleicht bin ich nächstes Jahr wieder lustig»: Adam Green auf der Strasse der gebrochenen Herzen.

«Vielleicht bin ich nächstes Jahr wieder lustig»: Adam Green auf der Strasse der gebrochenen Herzen.

Adam Green, Sie überraschen mit einem neuen Haarschnitt. Richtig. Die Matte ist ab. Das ist praktisch. Das Haar wird schneller trocken und fettet nicht so schnell.

Wenn Frauen die Frisur so radikal verändern, steckt meistens eine Trennung dahinter. Wenn Adam Green zur Schere greift, dann auch.

Was ist passiert? Ich habe mich von meiner Frau scheiden lassen. Oder besser gesagt, sie hat sich von mir scheiden lassen. Wie rum ist ja auch egal. Jedenfalls bin ich ein geschiedener Mann.

Dabei hatten Sie die Fotografin und Musikerin Loribeth Capella doch erst Anfang 2008 geheiratet. Manchmal geht so etwas sehr schnell, und das Leben verwandelt sich in eine Achterbahnfahrt. Ich sehe die Ehe allerdings nicht als speziellen Abschnitt unserer Beziehung. Wir waren fünf Jahre zusammen, viereinhalb Jahre verbrachten wir in unserer gemeinsamen Wohnung in Manhattans East Village, davon das letzte als Ehepaar. Die Ehe hat letztlich nichts zwischen uns geändert. Ganz sicher hat sie uns nicht näher zueinandergeführt.

Woran hat es gelegen? Loribeth warf mir vor, unter unheilbaren sozialen Phobien zu leiden. Die Tatsache, dass ich ständig versuchte, diese Phobien durch Alkohol zu kurieren, mag auch eine gewisse Rolle gespielt haben.

Welche Phobien meinte sie konkret? Ich fürchte, sie hat mich für schizophren gehalten. Dummerweise konnte sie am Ende keine meiner beiden Persönlichkeiten mehr ertragen.

Welche Persönlichkeiten sind das? Es gibt den Sauf-Adam und den Nüchtern-Adam. Grundsätzlich gilt: Ich habe Angst vor Menschen. Wenn ich nicht angetrunken bin, traue ich mich deshalb weder auf die Bühne noch überhaupt unter Leute. Allerdings ist mir der Sauf-Adam niemals peinlich, ich mag diese Seite von mir, deshalb liegt mir auch nichts daran, ihn abzuschaffen.

Ihre Frau kennt aber auch den Nüchtern-Adam. Ja. Aber den hielt sie erst recht nicht mehr aus. Ich sei ein kalter, sarkastischer Möchtegern-Intellektueller, weder fähig noch willens, romantische Liebesgefühle zuzulassen - Zitat Loribeth. Sie sagte, es sei nie warm oder kuschelig mit mir. Aber ich bin weder eine Wolldecke noch ein Hund.

Ihre Lieder waren bisher tatsächlich oft sarkastisch und steckten voller Wortspiele und kleiner verbaler Sauereien. Auf Ihrem neuen Album «Minor Love» jedoch schlagen Sie nun einen ganz anderen Ton an. Die Lieder klingen ruhig, traurig, weit weniger verspielt und kaum noch böse. «Minor Love» ist mit grossem Abstand das ungrossmäuligste, nachdenklichste und persönlichste Album, das ich je veröffentlicht habe. Die Songs sind richtig, wie soll ich sagen, zerknirscht. Ich habe sie geschrieben, um mich selbst zu beruhigen. Vielleicht bin ich nächstes Jahr wieder lustig, aber diesmal ging das nicht. Fröhliche Lieder kann ich nur schreiben, wenn es mir gut geht.

Auch stilistisch ist «Minor Love» eine Neuorientierung, oder? Auf jeden Fall. Ich will mich ja mit meiner Musik nicht langweilen. Und in den vergangenen Jahren habe ich sehr viel cabaretartige und jazzige Musik gemacht. Deshalb fand ich den Gedanken, ein folkiges und eher klassisches Singer-Songwriter-Album aufzunehmen, sehr reizvoll.

Und Sie verarbeiten Ihre gescheiterte Ehe auf dem Album. Zumindest unbewusst, ja. «Boss Inside» etwa handelt von einem Mädchen mit einem tiefen Verlangen nach einem Freund, der sie unterdrückt. Eines Tages trifft sie einen solchen Macho, der ihr Befehle gibt wie «Koch mir Essen». Sie findet das super, ist glücklich, aber je länger die Beziehung dauert, desto mehr verliert er seinen Boss-Charakter. Die Frau wird immer unzufriedener und fragt sich irgendwann, ob sie nicht mit einem Weichei zusammen ist.

So war das bei Loribeth und Ihnen? Es gab eine gewisse Parallele, ja. Ich frage mich, ob die Frau nicht in Wirklichkeit immer der Chef ist, selbst dann, wenn sie gar nicht der Chef sein möchte. (Zueritipp)

Erstellt: 15.06.2010, 14:11 Uhr