Expressiver Romantiker

Der Berner Schlagzeuger und Komponist Michael Wertmüller bestreitet dieses Wochenende in derDampfzentrale den letzten Teil seiner Carte-blanche-Serie «Wertmüllers Fest».

Expressiver Romantiker: Michael Wertmüller. (zvg)

Expressiver Romantiker: Michael Wertmüller. (zvg)

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Ich erreiche Sie unter einer ukrainischen Nummer über eine charmante, russisch sprechende Empfangsdame. Wohin hat Sie das Musikerleben verschlagen?

Ich bin gerade in Ternopil, tief in der Ukraine, wo ich mit meinem Trio Wertmüller/Brötzmann/Pliakas spielen werde. Vorher waren wir in Polen, morgen sind wir in Kiew, dann gehts langsam wieder Richtung Bern zurück. Ich habe aufgehört, daran zu glauben, mal ein etwas weniger kilometerintensives Routing bewerkstelligen zu können.

Sie haben einige Zeit im BSO gespielt, gleichzeitig machten Sie mit der Avant-Metal-Band Alboth die Welt unsicher: Immer ist da dieses Spannungsfeld zwischen Kontrolle und Ekstase. Womit sind Sie mehr beschäftigt: mit dem Zähmen des Tieres in Ihnen oder mit dem Bodigen des minutiösen Komponisten?

Für einen expressiven Romantiker wie mich stellt sich diese Frage gar nicht. In mir wütet Puschkin neben Beethoven. Ich habe auch nie das Gefühl, etwas kompensieren zu müssen, ich kann dieselbe Fiebrigkeit spüren, ob ich nun neben dem wilden alten Peter Brötzmann spiele oder am Laptop sitze und ein Kammermusikstück komponiere. Es geht stets ums Gleiche.

Nämlich?

Grenzen auszuloten, nach neuen Wegen zu suchen und am Schluss irgendwo herauszukommen, wo ich noch nie zuvor gewesen bin. Um das Gestalten meiner eigenen kleinen Welt.

Sie sind weit über den Stand des blossen Taktgebers hinausgewachsen. Wann hat Sie der Viervierteltakt zu langweilen begonnen?

Als wir 1991 die Gruppe Alboth gründeten, hatten wir die pubertäre Idee, eine erfolgreiche Monster-Metal-Band zu werden. Doch bereits bei der ersten Probe stellte sich heraus, dass wir allesamt den Viervierteltakt nicht beherrschten. Das heisst, rein motorisch wäre er schon zu schaffen gewesen, allein uns fehlte die Überzeugung. Und etwas ohne Überzeugung zu spielen, funktioniert nicht. Gleich verhält es sich mit dem Bebop. Meine Jazzhelden haben ihn gespielt, und ich würde ihn technisch wohl auch hinbekommen, doch das Lebensgefühl dieser Musik lässt sich nicht einfach heraufbeschwören. Wenn ich es nicht spüre, spiel ich es nicht.

Für die Basel Sinfonietta war Ihr Stück zu laut, für herkömmliche Musiker sind die Skalen Ihrer Kompositionen zu kompliziert. Finden Sie überhaupt noch Musiker, die mit Ihnen die Bühne teilen mögen?

Es gibt zum Glück noch genug Verrückte, die sich mit dem Unwahrscheinlichen, mit einer Utopie auseinandersetzen wollen. Leute von Steamboat Switzerland etwa, mit denen ich am Freitag in der Dampfzentrale auftrete. Aber natürlich spaltet meine Musik sowohl die Musiker wie auch das Publikum. Am meisten Probleme gibts – wie der Fall Basel Sinfonietta zeigt –, wenn musikalische Institutionen im Spiel sind, für die bereits Strawinsky unheimlich modern ist. Kein Wunder, dass sie sich durch meine Musik physisch und psychisch gefährdet sahen, wie sie vor der Generalprobe geltend machten.

Am Wochenende findet der letzte Akt Ihrer Carte-blanche-Serie statt. Was gibts zu entdecken?

Ich freu mich auf die Zusammenarbeit mit dem Dresdner Ensemble Courage. Von der Affiche her ist das Kammermusik, jedoch gespickt mit aberwitzigen Tempomodulationen, bei denen der Dirigent gleichzeitig mit jeder Hand eine differente Linie dirigieren muss. Und am Samstag gibts den eigentlichen Gassenhauer, ein Stück für sechs Schlagzeuger. (Der Bund)

Erstellt: 09.12.2010, 09:02 Uhr

«Wertmüllers Fest»

Am Freitag, 20 Uhr, tritt Michael Wertmüller mit dem Ensemble Courage und Steamboat Switzerland auf, Gast ist der Wortkünstler Kutti MC. Am Samstag, 21 Uhr, kommt das Stück «Nottwil» für sechs Schlagzeuger zur Aufführung, mit Lucas Niggli, Peter Conradin Zumthor, Ändu Hug, Julian Sartorius, Chrigel Bosshard, Arno Troxler. Michael Wertmüller wird hier als Dirigent fungieren.

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