Die ungeschminkte Schönheit
Von Ane Hebeisen. Aktualisiert am 05.05.2011
Nietzsche hat einst festgestellt, dass es nichts Anmassenderes gibt, als mit der Erwartung durchs Leben zu gehen, geliebt zu werden. Und nun erscheint da eine gewisse Pamela Méndez aus dem Nichts und tauft ihr Debüt-Album auf den Titel «I Will Be Loved». Was ist das? Eine Prophezeiung? Ausdruck eines sehr gesunden Selbstvertrauens? Anmassung? «Es ist eine Feststellung», sagt die 23-Jährige Bernerin und lächelt verlegen.
Sie hat ziemlich sicher recht. Ihr Debüt wird niemanden ungerührt lassen. Weil es ganz einfach brillant ist, weil Folk-Pop mit schönen Frauenstimmen mittlerweile zu einem florierenden Musikzweig angewachsen ist und weil da so rein gar keine Berechnung auszumachen ist im Tun dieser bemerkenswerten, ungeschminkten jungen Frau. Man wird sie lieben, die Pamela Méndez, so viel steht fest.
In ihren besten Momenten schafft die Musik eine Qualität der Schönheit, in die kein Zweifel vorstösst. Eine Schönheit, die so ungekünstelt wirkt, als würde sie einem naturhaften Determinismus folgen. Pamela Méndez hat auf ihrem Erstling derartige Momente geschaffen. Sanft gezupft und geschlagene Balladen mit Folk-Appeal und bluesigem Timbre, voller Refrains, die sich einem locker in die Ohren wurmen und doch nie harmlos wirken. Ausbrüche sind rar, aber jederzeit möglich, es oszilliert unterschwellig ein subversives Tremolo in dieser Herrlichkeit. Bezaubernd unprätentiös und ungeziert klingt das, selbst wenn da ungünstige Liebeleien oder schlecht riechende Füsse thematisiert werden.
Aktion Sorgenkind
Es sind ja auffällige Analogien auszumachen in den Vitas der momentan inflationär ins Rampenlicht nachrückenden Sängerinnen mit Holzgitarre unter dem Arm: Man wurde von Freunden auf Feist und auf Sophie Hunger aufmerksam gemacht, begann eigene Stücke zu schreiben und habe damit offenbar eine Befindlichkeit getroffen. Der Weg von Pamela Méndez war etwas verschlungener. Ein Sorgenkind sei sie gewesen, «meine Mutter behauptet, ich hätte bereits mit vier zu Pubertieren begonnen», erzählt sie. Und so kam es, wie es kommen musste: Weil sie ihre Rebellion bis ins Schulzimmer trug, wurde sie vom heimischen Brugg ins Internat Ecole de l’Humanité auf dem Berner Hasliberg geschickt. Mit 12 bekam sie von ihrem mexikanischstämmigen Vater eine Gitarre geschenkt. «Ich habe sie gehasst», sagt Pamela Méndez, «das Geschenk war mit der Erwartung verbunden, dass ich auch schön brav lernen soll, darauf zu spielen. Ich tat es dann irgendwann aus Langeweile doch.» Sie begann eigene Songs zu basteln, den «Sistersong», der auf der Debüt-CD zu finden ist, schrieb sie mit 15.
In dieser Zeit beschloss sie, ein Demo aufzunehmen, das Jahre später dem Produzenten Luk Zimmermann (Lunik, MiNa) zugespielt wurde. «Diese Aufnahmen waren eine kleine Offenbarung», erinnert sich Berns derzeit wohl gefragtester Studiomann. «Als man mir sagte, wie jung die Sängerin war und dass in der Zwischenzeit noch nichts von ihr erschienen sei, beschloss ich, die Sache in die Hand zu nehmen.» Man traf sich in seinem Studio und suchte nach Wegen, wie man diese Lieder zum Strahlen bringen könnte. Pamela Méndez liebäugelte mit einer elektronischen Umsetzung, letztlich einigte man sich darauf, die Sache ganz unverkrampft ohne grössere Effekthaschereien anzugehen und in Sachen Sound-Ästhetik möglichst nahe an den Demos zu bleiben. Luk Zimmermann: «Die meisten Songs haben wir in einer Wohnung in Berlin aufgenommen, meist stand das Fenster offen, man hört Strassenlärm, und es rumpeln Küchengeräte im Hintergrund.»
Prominente Helfer
Und es rumpelt noch etwas ganz anderes im Hintergrund: Julian Sartorius, der ehemalige Schlagzeuger von Sophie Hunger und ein persönlicher Freund von Pamela Méndez, staffiert die sparsam, aber mit Liebe zu hübschen Details instrumentierten Lieder mit lautmalerischer Perkussion und erlesenen Störgeräuschen aus. Die Bernerin gerät denn auch ins Schwärmen, wenn sie auf die eineinhalb Jahre zurückblickt, in denen an diesem Album gearbeitet wurde: «Ich war oft ein stures Mädchen, hatte die Veranlagung, in meinem Leben stets alles selber zu machen», sagt sie.
Auf der anderen Seite waren da die Selbstzweifel, das Erkennen von Grenzen, was auch dadurch verstärkt wurde, dass Pamela Méndez an der Berner Jazzschule, an der sie nach dem Gymnasium ein Jahr lang studierte, nicht den Eindruck hatte, zu den Modellathletinnen und Musterschülerinnen zu zählen. Doch Luk Zimmermann und Julian Sartorius hätten sie mit all ihren Schwächen akzeptiert und gefördert. «Ich konnte erstmals Verantwortung abgeben, das war ein prima Gefühl.»
Aus der heilen Musikwelt
Dass ihr Karrierestart just in die Schweizer Singer-Songwriterinnen-Hochkonjunktur fällt, erachtet sie als Zufall: «Als Musikkonsumentin wäre ich wohl auch auf dem Standpunkt, dass es langsam reicht mit den wöchentlich neu zu entdeckenden Sängerinnen-Sensationen», sagt Pamela Méndez. «Aber letztlich geht es in der Musik doch ganz einfach darum, ob das Gefühl stimmt oder nicht. Als ich meine ersten Songs schrieb, wusste ich nicht, was gerade als chic galt. Ich wurde im Internat fast gänzlich von den Medien abgeschottet», erzählt sie. Pamela Méndez lebte in ihrer heilen Musikwelt, in der es keine Festival-Werbebanner, keine Trend-Victims oder Image-Beratung gab. «Ich musste zuerst zwölfjährigen Kids mit modischen Che-Guevara-T-Shirts begegnen, um zu begreifen, wie oberflächlich mit Inhalten umgegangen wird. Vielleicht ist es naiv, aber mir schwebt noch immer vor, dass man mit Musik etwas zu verbreiten imstande ist, woran man glauben kann. Wenn ich also einen Anspruch habe, dann den, dass mit meiner Musik auch meine Haltung, meine Persönlichkeit und meine Werte erkennbar werden.»
Diesen Anspruch erfüllt Pamela Méndez auf ihrem Erstling. Es ist ein fast schon rebellisch-uneitles, im besten Sinne unmodisches Stück Popmusik, für welches in der Art der Verführung in etwa das Gleiche gilt, was der Poet Vinicius de Moraes einst über die Bossa Nova sagte: eher ein Blick als ein Kuss. Eher Zärtlichkeit als Leidenschaft. Und doch kann das Ganze jederzeit ganz unvermittelt aufwallen und in verstörenden Furor kippen.
Pamela Méndez wird dafür geliebt werden, ohne es darauf angelegt zu haben. (Der Bund)
Erstellt: 26.02.2011, 13:01 Uhr
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