Der Ton, der durch die Musik wandelt

Patricia Kopatchinskaja hat als Interpretin einer breiten Musikpalette viele Bewunderer. Doch die Violinistin komponiert auch eigene Stücke.

Die verehrte Interpretin komponiert auch selbst: Patricia Kopatchinskaja.

Die verehrte Interpretin komponiert auch selbst: Patricia Kopatchinskaja. Bild: zvg

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Sie treten mit der Camerata Bern gleich in dreifacher Funktion auf, als Dirigentin, als Solistin und als Komponistin - ist das nicht etwas viel auf einmal?
Wieso? Von Vivaldi, Johann Georg Pisendel und Bach bis zu Mozart, Paganini, Liszt oder Louis Spohr war es der Normalzustand, dass Komponisten eigene Werke interpretieren und dirigieren. Dirigenten sind nur für grosse Besetzungen unerlässlich.

Das Programm ist überschrieben mit «Seelische Landschaften - . . . und die Freude an Wandlungen». Was bedeutet Ihnen dieser Titel?
Er beschreibt das Programm sehr zutreffend, auch mein Violinkonzert passt hinein - es heisst «Hortus Animae», Seelengarten also. Das Stück besteht aus Zuständen, die dem Boden dieses Gartens entwachsen, und es wandelt diese Zustände um in akustische Träume. Unbeabsichtigt ist es auch ein Abschied von Mihaela Ursuleasa geworden, meiner verstorbenen langjährigen Klavierpartnerin und Freundin. Ein anderer Satz handelt von einem verlorenen Ton, den der finnische Geiger Pekka Kuusisto einmal in einer Quartett-Probe zufällig gezupft hat. Dieser Ton hat die grösste Freude, jetzt durch meine Musik zu wandeln.

Es wird eine Komposition von Ihnen selber gespielt. Dazu die Orchesterfassung zweier verwandter Werke, Beethovens «Kreutzersonate» und dann das Janacek-Streichquartett nach Leo Tolstois gleichnamiger Novelle. In Tolstois «Kreutzersonate» wird eine Pianistin umgebracht - schwierige Werke?
Warum denn schwierig? Zunächst einmal: Beethoven hat seine Sonate für einen exotisch-bizarren Geiger geschrieben; sie wurde von Zeitgenossen als «voll grotesker Excesse», ja als «ästhetischer Terrorismus» empfunden. Tolstois Novelle beschreibt, wie eine verheiratete Pianistin mit einem leidenschaftlichen Geiger genau dieses extreme Stück spielt, worauf ihr eifersüchtiger Ehemann in Raserei verfällt und sie umbringt - der reine Opernstoff. Janacek vertont Tolstois Novelle mit extremer, gestischer und geräuschhafter Musik, wobei er Beethoven sogar mehrfach zitiert, teils lyrisch, teils grotesk verzerrt. Alle drei Werke gehen an Grenzen künstlerischer und menschlicher Existenz. Wir als Interpreten müssen an diese Grenzen gehen, ja sie überschreiten, um auch das Publikum in den Wahnsinn zu treiben.

Der vierte Komponist im Konzert ist der Armenier Tigran Mansurian, gerade 75 Jahre alt geworden. Sie mögen und schätzen ihn - was macht ihn so besonders?
Mansurians Musik ist gleichzeitig eigenständig und neuartig, wohlklingend und leicht verständlich, immer tief spirituell. Sie basiert auf Folklore und Christentum, Hoffnung aufs Paradies. Diese Musik bekannt zu machen, ist eine meiner Lebensaufgaben.

Was sind Ihre nächsten Pläne in Bern und in der Schweiz, werden Sie wieder an Sommerfestivals in der Nähe auftreten?
Dieses Jahr freue ich mich auf das Menuhin Festival Gstaad, wo ich mehrere Konzerte spielen darf. Nächstes Jahr folgt eine Tournee durch Schweizer Städte (auch Bern) mit der Stockholmer Philharmonie unter Sakari Oramo, einem der besten Dirigenten unserer Zeit. Wir spielen das Violinkonzert von Tschaikowski. (Der Bund)

Erstellt: 20.03.2014, 08:56 Uhr

Zur Person

Die in Bern lebende Patricia Kopatchinskaja wird weltweit bewundert für ihre Kunst, die vom Barock bis in die Gegenwart reicht. Weniger bekannt ist, dass die Geigerin selber komponiert. Ihr Violinkonzert «Hortus Animae» ist am Sonntag, 23. März, um 17 Uhr im Zentrum Paul Klee zu hören (gleichentags um 11 Uhr Matinée 2, mit einer Lesung von Michail Schischkin), wo sie mit der Camerata Bern gastiert, einem Ensemble, das nach ihrer Ansicht «offene Ohren, Herz und Verstand» hat. Weiter erklingen Werke von Beethoven, Janacek und dem Armenier Tigran Mansurian.

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