Das Echo eines Engels

Für das musikalische Grossprojekt in der Dampfzentrale arbeiten Studenten der HKB mit Helmut Oehring zusammen, einem Komponisten, dessen Biografie noch ungewöhnlicher ist als sein Werk.

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Man fühlt sich wie in einer Dunkelkammer. Der Dirigent hebt die Hand. Es beginnt silbern zu sirren, kommt näher, wird grösser: ein Klang-Goliath. Bevor man unter seiner Klangwucht zusammenzuckt, stürzt er in sich zusammen. Vom Bühnenhimmel hängen Zackenscheiben. In ihren transparenten Scherben bricht sich das Licht der Scheinwerfer, später alte Handschriften, mathematische Formeln. Oder ein Auge, dessen Wimpernkranz wirkt wie ein Büschel krakeliger Spinnenbeine. Dann Wolkenkratzer, Gleise, die endlos durch Landschaften rasen, als sässe man in einem fahrenden Zug. Momentaufnahmen. Woher, wohin, wozu?

«Leiser», sagt Lennart Dohms. Der Dirigent biegt seinen gespannten Körper über die Partitur. Ein Orchesterflüsterer! Ein Wort, eine Geste genügt: Der riesige Orchesterapparat weicht zurück, verblasst zum Schatten seiner selbst. Ein Klangkorpus, wie man ihn sonst nie vor sich hat. Da sitzen Jazzsängerinnen neben Opernsolisten, die aussehen wie fluoreszierende Engel, eine Bassklarinettenbläserin läuft im Kreis, fällt zu Boden, kreiselt, bläst weiter wie eine Kompassnadel. Derweil erhebt eine E-Gitarre ihre Stimme, gerät mit der Laute in eine Diskussion. Obwohl sie nicht die gleichen Sprachen sprechen, sie verstehen sich.

Alles passiert gleichzeitig in einer geheimnisvollen Ordnung. Auf der Galerie gestikulieren Lichtgestalten. Sie tanzen etwas, das aussieht wie Gehörlosensprache. Das babylonische Gewirr aus Körpern und Stimmen macht dünnhäutig und hellhörig. Neben Instrumenten reden hier auch Baudelaire, Goebbels. Und der Philosoph Walter Benjamin: «Der Engel aber ähnelt allem, wovon ich mich habe trennen müssen: den Menschen und zumal den Dingen. In den Dingen, die ich nicht mehr habe, haust er. Er macht sie durchsichtig.»

Melancholische Tonart

Die melancholische Tonart von Benjamins Sonett passt zum sensiblen Prozess, der hier geprobt wird. Es geht darin um soziale Befindlichkeiten und gesellschaftliche Fragen. Der Komponist Helmut Oehring hat sie extrahiert und in das Biotop einer musikalischen Interaktion transponiert, indem er Menschen und Welten zusammenbringt und Grenzen sprengt. «Mich interessieren die Momente der Erschütterung. Wo Erschütterung stattfindet, werden wir zerbrechlich», sagt er. «Nur das Fragile ermöglicht Authentizität. Das kann man nicht üben.» Wie das Leben. Oehrings Leben ist wohl der grösste Inspirationsquell für seine künstlerische Arbeit. Der preisgekrönte Komponist, der rund 300 Werke geschrieben hat, darunter 2011 das Musiktheater «Gunten», das in der Dampfzentrale uraufgeführt wurde, hat eine Biografie, die so aussergewöhnlich ist, dass sie nun auch verfilmt werden soll.

Friedhofsgärtner, Autodidakt

1961 kommt er als jüngster Sohn eines gehörlosen Ehepaares in Ostberlin zur Welt. Lange kennt er nur die gehörlose Welt seiner Eltern. Die Welt draussen ist ihm fremd. Bis vier will er nicht sprechen und wäre fast ertrunken, weil sein Vater ihn nicht hört, als er um Hilfe ruft. Als Coda-Kind (Children of Deaf Adults), ein hörendes Kind von gehörlosen Eltern, wird das Hören von Musik für ihn eine Art Schutzgebiet. Hier können die Eltern nicht rein. Und er kann sich von den Belastungen des Alltags heilen. Die DDR hat für einen wie ihn keine Zukunftsvisionen. Er wird Autobahnbauer, später Friedhofsgärtner und Küsterhilfe, putzt die Orgel, spielt sie: Und erlebt Klang wie einen Urknall. Die Musik hat ihn gefunden. Süchtig nach dieser neuen Welt schwänzt er die Schule, damit er Gitarre üben kann. Als Komponist ist er Autodidakt. Er hat etwas zu sagen: Seine Werke werden in Paris, Basel, Tel Aviv, London und Bern aufgeführt. Jetzt also «Angelus Novus II». Das 80-minütige Grossprojekt ist eine interdisziplinäre Collage auf eine gleichnamige Zeichnung von Paul Klee.

Er habe in seinem Leben einiges über seine Ängste gelernt und über die Möglichkeiten, was Angst verursachen kann. Früher sei er gelähmt gewesen vor Angst, weil nichts funktionierte, «ich inklusive». So ist dieser «Angelus» auch ein Stück über das Scheitern geworden. Und über die Situationen, in denen er gelernt habe, durch die Begegnung mit Menschen eine Fähigkeit zu entwickeln, Angst in Kraft zu verwandeln.

«37 ist pianissimo», sagt Dohms. «Und bei 38 nehmt bitte das Diminuendo wieder rein, das wir gestern herausgenommen haben.» Der Dirigent dreht sich um. «Helmut», ruft er gegen die leere Publikumstribüne, «kannst du den Komponisten mal fragen, ob es besser ist so?» Ein Witzchen unter Freunden. Dieser Helmut ist ja der Komponist. «Besser.» Es klingt wie das Echo eines Engels.

Dampfzentrale Samstag, 24. Januar, 19 Uhr, Sonntag, 25. Januar, 17 Uhr. www.starticket.ch (Der Bund)

Erstellt: 22.01.2015, 09:42 Uhr

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