Mit und ohne Bart

Von Tom Gsteiger. Aktualisiert am 03.02.2011

Frisches Schweizer Jazzschaffen wird im Rahmen von Suisse Diagonales Jazz angeboten.

Urban-archaische Geisterbeschwörer: Quetzal. (zvg)

Urban-archaische Geisterbeschwörer: Quetzal. (zvg)

Alle zwei Jahre findet hierzulande im Rahmen von Suisse Diagonales Jazz (SDJ) eine übers ganze Land verteilte Werkschau des jungen einheimischen Jazzschaffens statt. Es geht also darum, frische Musik zu präsentieren, die noch keinen langen Bart hat, was allerdings nicht bedeutet, dass für die Beteiligten Rasieren Pflicht ist. Heuer reisen zehn Bands kreuz und quer durch die Schweiz, um einzeln, im Multipack oder unterstützt von «local heroes» die Ohren nimmersatter Jazz-Aficionados zum Wackeln zu bringen.

In Bern sind drei Gruppen der SDJ-Sélection 2011 zu Gast, nämlich das Quartett Weird Beard, das Stefan Aeby Trio und das Quintett Quetzal. Dazu kommen Solo-Auftritte des Sängers Andreas Schaerer, der ja kürzlich am Be-Jazz-Winterfestival als Gast von Christy Doran’s New Bag brillierte (und brüllte), des Saxofonisten Till Grünewald und des Vibrafonisten Dominik Alig.

Klangmanipulator

Weird Beard ist die Band des Saxofonisten Florian Egli. Mit dem Gitarristen Dave Gisler, dem Bassisten Valentin Dietrich und dem Schlagzeuger Rico Baumann hat Egli Mitstreiter um sich geschart, die bisher noch nicht mit seltsamen Bärten, wohl aber mit zum Teil recht schrägen Tönen auf sich aufmerksam gemacht haben. Insbesondere Gisler ist einem bereits in mehreren Gruppen als äusserst vielseitiger Klangmanipulator aufgefallen, zum Beispiel im Trio Mat-Down des Trompeters Mats Spillmann, im Sonar Ensemble des Schlagzeugers Alex Huber oder in Markus Lauterburgs Quintett Mumur. Als Grenzgänger zwischen Jazz und Rock ist Gisler, der Kurt Rosenwinkel zu seinen Lehrmeistern zählen durfte, auch in Weird Beard am richtigen Ort.

Bei Quetzal, benannt nach einem einstmals für heilig gehaltenen Vogel aus Südamerika, handelt es sich um die erste Band des Schlagzeugers Lukas Mantel. Mit Nina Gutknecht und Veronika Stadler wirken in Quetzal zwei tollkühne Vokalistinnen mit, was der zwischen urbanen Grooves und archaischer Geisterbeschwörung oszillierenden Musik einen ganz speziellen Touch gibt.

Die Bartträger-Quote ist im Stefan Aeby Trio zwar eindeutig höher als in Weird Beard und Quetzal. Trotzdem käme wohl niemand auf die Idee, den Piano-Trio-Jazz, den Aeby mit André Pousaz (Bass) und Julian Sartorius (Schlagzeug) spielt, als besonders bärtig zu bezeichnen. Im Gegenteil: Aebys Stücke werden oft von einem lyrisch-melancholischen Grundton durchzogen und zeichnen sich in gewissen Passagen durch eine geradezu feminin wirkende Feingliedrigkeit aus. Dass sich die Musik dieses Trios nicht in glattem Wohlklang erschöpft, dafür sorgt nicht zuletzt die improvisatorische Risikofreude aller Beteiligten.(tom) (Der Bund)

Erstellt: 03.02.2011, 14:52 Uhr