Klingende Suchtsubstanz
Von Ane Hebeisen. Aktualisiert am 12.05.2010
Eigentlich ist ja alles schon mal da gewesen. Improvisation trifft auf Computer, Akustik auf Elektrizität, Groove auf Solo, Kopf auf Tanzbein, und schon hat man etwas, was interessant, aber nicht zwingend gut klingt. Denn so oft hat es bisher bei dem Verquicken von Improvisationskunst mit dem binären System noch nicht gefunkt. Viele der Versuche scheiterten, weil sich die Beiträge aus der Welt der Elektronik allzu sehr an den Moden der Zeit orientierten oder weil zu sehr auf den schnellen Erfolg einer solchen Fusion gebaut und die Forschungsarbeit vernachlässigt wurde.
Fehler, die die Gruppe mit dem selbsterklärenden Namen Electronic Acoustic Meeting allesamt nicht begangen hat. «Raft» heisst das zweite Tonwerk des Berner Quartetts, und die Prognose ist nicht verwegen, dass dieses Album die Launen der Zeit überdauern wird. Electronic Acoustic Meeting, das ist die Kollision vier ungleicher musikalischer Temperamente: Aus dem Fachbereich der Elektronik stammt der Laptop-Mann Roger Stucki, der als DJ und Produzent früh in der Technokultur seine musikalische Heimat fand und als Test-User des Musik-Software-Herstellers Native Instruments indirekt an der Entwicklung neuer Instrumente mitbeteiligt ist. Aus der Weltmusik ist der Cellist Martin Müller zur Band gestossen, und der Jazz hält durch den Schlagzeuger Stefan Woodtli Einzug ins Geschehen.
Schiere Schönheit
Dieses Trio schafft den Nährboden für die musikalische Hauptattraktion der Band: Der Berner Violinist Hans Burgener ist so etwas wie das Nervensystem dieser sonderbar vertrauten und doch mit nichts zu vergleichenden Musik. Er findet hier den goldenen Schnitt zwischen Expressivität und schierer Schönheit, zwischen Kontrolle und Freigeistigkeit. Seine Improvisationen spielen sich vornehmlich auf den blauen Tönen der Gefühlsklaviatur ab, nehmen immer wieder den Faden auf, den Roger Stucki mit seinen Klanggeneratoren einwirft, und schlenkert aufregend zwischen Lautmalerei und betörender Melodik.
So entstehen Stücke wie das obskur-melancholische «Raft», in welchem Schlagzeug und Laptop einen obskuren Hochspannungs-Groove weben, der von Martin Müller mit einem repetitiven Basslauf akzentuiert wird – und über alledem spinnt die Geige von Hans Burgener himmeltraurigstschöne Melodiebögen. «Ich will Musik machen, die berührt», sagt Hans Burgener.
Er, der vor allem in der freien Impro-Szene Berns Berühmtheit erlangt hat, habe sich in den letzten Jahren für neue Stile geöffnet und gehe heute weniger dogmatisch an die Musik heran: «Ich habe mit dem EAM ein Kollektiv gefunden, in dem jeder seinen eigenen musikalischen Background einbringen kann. Für das neue Album haben wir zwei Jahre lang an einem eigenständigen Ausdruck gearbeitet, Grenzen des Machbaren ausgelotet und uns gegenseitig kreativ befruchtet», sagt Hans Burgener.
Anheimelnde Seelenruhe
Das entstandene Album, das auf Harald Haerters Unit Label erschienen ist, gewinnt von Stück zu Stück an Intensität und Spannung, setzt nie auf Effekthascherei oder virtuose Akrobatik, sondern strahlt selbst in den eher Club-orientierten Tracks eine anheimelnde Seelenruhe aus. Steckt dieses Album mal im CD-Wechsler, kommt es da so schnell nicht mehr raus – eine Suchtsubstanz.
Kulturhof, Schloss Köniz. Freitag, 14. Mai, 20.30 Uhr. (Der Bund)
Erstellt: 12.05.2010, 10:46 Uhr
