Jazz zwischen Eros und Thanatos

Von Tom Gsteiger. Aktualisiert am 19.01.2011

Zum Auftakt des BeJazz-Winterfestivals wird ein musikalisches Feuerwerk zum 75. Geburtstag von Joe Haider gezündet. Es folgen zahlreiche CD-Taufen, und den Schlusspunkt setzt der Gitarrist Christy Doran.

Lukas Thöni (2. v.r.) will in seinem Amygdala-Projekt Gefühle in Ton und Bild ausdrücken. (zvg)

Lukas Thöni (2. v.r.) will in seinem Amygdala-Projekt Gefühle in Ton und Bild ausdrücken. (zvg)

Das Programm

Donnerstag, 20. Januar: Joe Haider’s Eleven (20 Uhr).

Freitag, 21. Januar: Ania Losinger & Mats Eser: «Shanghai Patterns» (20 Uhr), Moncef Genoud Trio (21.45 Uhr), Jazzparkett (23 Uhr).

Samstag, 22. Januar: Amygdalaproject (20 Uhr), Grégoire Maret Quartet (21.45 Uhr), Martin Dahanukar (23 Uhr)

Sonntag, 23. Januar: Kaspar Ewalds Exorbitantes Kabinett (19 Uhr), Christy Doran’s New Bag (20.45 Uhr)

Ohne das Wirken von Joe Haider, der am 3. Januar seinen 75. Geburtstag feiern konnte, wäre Bern wohl kaum zu einer Jazz-Stadt geworden. So ist es nur folgerichtig, dass der erste Berner Jazz-Grossanlass in diesem Jahr mit einer Hommage an den langjährigen Leiter der Swiss Jazz School beginnt.

Mit dem Programm «Lebenslinien» bündelt der Pianist, Vibrafonist, Komponist und Spiritus Rector Haider wichtige Aspekte seines Schaffens zu einer abendfüllenden Tour d’horizon, an deren Anfang ein Piano-Trio-Set steht und die mit dem Auftritt eines 11-köpfigen Ensembles zu Ende geht. Mit dem Tenorsaxofonisten Andy Scherrer und dem Trompeter Bert Joris sind zwei weitere Swiss-Jazz-School-Koryphäen mit von der Partie.

Der Wahlschweizer Haider übernahm als Gründer eines eigenen Labels eine Pionierrolle – inzwischen sind ihm auf diesem Gebiet viele jüngere Musiker gefolgt. Seit dem Crash der Musikindustrie hat sich der Rhythmus der Neugründungen kleiner Independent-Labels auch hierzulande beschleunigt – man denke etwa an Tonus-Music Records von Don Li, Veto Records von Christoph Erb oder Live Life von Herbie Kopf.

Neues Berner Jazz-Label

Zu den Do-it-yourself-Überzeugungs­tätern, die lieber anpacken statt jammern, gehört auch der Berner Trompeter Lukas Thöni, der gemeinsam mit der Grafikerin Nicole Pfister das Label A Nuk ins Leben gerufen hat. Thönis Vision: Statt Allerwelts-Alben in billiger Plastik-Verpackung auf den übersättigten Markt zu werfen, soll auf A Nuk die Musik in einer Form präsentiert werden, die dem Original-Album einen Mehrwert gegenüber Downloads verleiht. Ein erstes Beispiel für die Ambitionen von A Nuk erschien letztes Jahr mit dem Album «w.o.o.f.» des Modern-Jazz-Quartetts Nodog (zwei Saxofone, Bass und Schlagzeug), bei dem die CD einem vom Grafiker Yan Hirschbühl gestalteten Bildband beigegeben ist.

Das Leitungsteam von A Nuk geht nun mit dem Projekt «Amygdala» noch einen Schritt weiter: Die visuelle Komponente soll hier nämlich auch in der Live-Situation nicht zu kurz kommen. Das Ziel von Thöni und Pfister: Gefühle in Ton und Bild zur Darstellung bringen. Daher bezieht sich der Name ihres Projekts auf diejenige Gehirnregion, die für die emotionale Einfärbung von Informationen zuständig ist. Ohne Amygdala gäbe es weder Liebe noch Angst, und Sex würde höchstens halb so viel Spass machen.

Verlockungen für Voyeure

Fürs CD-Booklet im Buchformat hat Nicole Pfister feingliedrige Zeichnungen geschaffen, die aus der Gegenüberstellung unterschiedlicher ästhetischer Codes eine subtile Spannung erzeugen: Organ-Skizzen, die an Medizin-Lehrbücher gemahnen, Fantasy-Figuren, Party-Girlies, okkulte Symbole, Eros- und Thanatos-Szenen, Fische, Vögel, Blumen und sogar der Jazztrompeter Freddie Hubbard treten in diesem zwischen Sinnlichkeit und Bizarrerie oszillierenden Bildkosmos auf.

Während Pfister für die Verlockungen für Voyeure zuständig ist, kümmert sich Thöni um das Verwöhnen der Ohren. Der Trompeter und Flügelhornist tut dies nicht im Alleingang, sondern in Gesellschaft von Nikolai Karageorgiev (Gitarre), Benjamin Kuelling (Keyboards), André Pousaz (Bass) und Rico Baumann (Schlagzeug). Diese Gruppe kann nicht nur die Groove-Krallen ausfahren, sondern auch den Schmusefaktor nach oben schrauben. Thöni entlockt seinen Hörnern neben viel Glanz und Gloria auch sehnsuchtsvolle Seufzer und verzweifelte Schreie. Seinem facettenreichen Spiel schien nicht nur der bereits erwähnte Herr Hubbard mit seinem virtuosen Draufgängertum Pate gestanden zu haben, sondern auch der elektrifizierte Lakoniker Miles Davis und der Melodienliebhaber Matthieu Michel.

Neue Röhre

Ebenfalls auf A Nuk erschienen ist das erste Album des Guerilla-Jazz-Trios Das Beet, zu dem der einzigartige Stimm­akrobat Andreas Schaerer gehört. Schaerer kommt zum Abschluss des 10. Be-Jazz-Winterfestivals zu einem erst nach Drucklegung des Programmhefts fixierten Auftritt: Beim Comeback-Konzert der vom Gitarristen Christy Doran geleiteten Band New Bag wird er für Bruno Amstad in die Bresche springen.

New Bag kriegt also (temporär) eine neue Röhre. Und Ania Losinger kriegt eine neue Xala: Gemeinsam mit Mats Eser (Perkussion) wird die Tanzperformerin das Programm «Shanghai Patterns» zur Uraufführung bringen. Ebenfalls ein neues Programm («Chymische Hochzeit») hat der Crossover-Exzentriker Kaspar Ewald für sein Exorbitantes Kabinett vorbereitet.

Die Szene der Romandie wird durch zwei Globetrotter vertreten. Während der blinde Pianist Moncef Genoud ein neues Trio-Album taufen kann, wird der Mundharmonika-Virtuose und Wahl-New-Yorker Grégoire Maret erst nach der Europatournee ins Studio gehen, um endlich eine eigene CD aufzunehmen. Nach etlichen Erfolgen in der Champions-Liga des Jazz – Maret spielte u.a. mit Cassandra Wilson, Pat Metheny und Herbie Hancock – ist der Erwartungsdruck sehr, sehr gross. (Der Bund)

Erstellt: 19.01.2011, 15:19 Uhr