Glücklich, ohne fröhlich zu sein
Was tut eine dunkelhäutige Frau, die mit einer extraordinären Stimme beschenkt wurde und in London aufwächst? Genau. Sie wird R&B-Sängerin, tut sich mit gefühligen Produzenten zusammen und veröffentlicht CDs, die vornehmlich von goldkettentragenden Barkeepern geschätzt werden.
Maria Topley-Bird hat einen anderen Weg eingeschlagen. «Es gibt genug R&B- und Soulsängerinnen auf der Welt», sagt die Sängerin, «ich habe mich als Engländerin mit afro-amerikanischen und salvadorianischen Wurzeln in dieser Musik nie ganz repräsentiert gefühlt.» Mit ein Grund, dass sie schon bald damit begann, ihre ganz eigene Deutung moderner Soul-Musik zu kreieren. Ihre Karriere startete Martina Topley-Bird an der Seite von Tricky, dessen stilbildendem Debüt «Maxinquaye» sie ihre Stimme lieh. Die Beziehung der beiden ging gar so weit, dass sie kurz nach Erscheinen des Albums im Jahr 1994 eine gemeinsame Tochter auskoppelten. Während Tricky in eine Schaffenskrise schlitterte, begab sich Martina Topley-Bird mit den Grunge-Grenzgängern von Porno For Pyros auf Tournee und arbeitete mit so unterschiedlichen musikalischen Kräften wie den Anti-Poppern von Primus oder dem Soundtrack-Produzenten David Holmes zusammen.
Neckische Störgeräusche
2003 erscheint mit «Quixotic» das erste obskur zwischen Gospel und Trip-Hop schlenkernde Solowerk der Engländerin, und schon hier beweist die Topley-Bird, dass ihr nicht nur ein Faible für ausserordentliche Klänge eigen ist, sondern dass sie es auch stets schafft, sich zur richtigen Zeit mit den richtigen Musikerfreunden zusammenzutun. Auf «Quixotic» sind das neben dem guten alten Tricky Gastmusiker wie Josh Homme und Mark Lanegan von den Queens Of The Stone Age. Auch ihre nächste Einspielung «The Blue God» (Musikvertrieb) ist unter Mithilfe guter Freunde entstanden: Der Stör-Produzent Danger Mouse (Gnarls Barkley) hat das Studio-Zepter übernommen, und so irritieren auf diesem neckischen Werk synthetische Störgeräusche den poppigen Segen, und Martina Topley-Bird singt ihren Part mit einer fast schon lasziv anmutenden Nachlässigkeit.
Eine Nachlässigkeit, die sie auf ihrer aktuellen Einspielung «Some Place Simple» zur Meisterschaft bringt, eine CD, auf der sie alte und neue Lieder in einer musikalisch abgespeckten Version vorträgt. Das Album ist auf dem Label des Indie-Taktgebers Damon Albarn (Gorillaz) erschienen und bezirzt mit hinterhältigem Humor und noch mehr doppelbödiger Verführung. Musik, die glücklich macht, ohne fröhlich zu sein. (Der Bund)
Erstellt: 01.12.2010, 16:02 Uhr
