Einheit aus drei Individualisten
Bis vor kurzem hätte rein gar nichts dagegen gesprochen, das aus Michel Wintsch (Piano), Gerry Hemingway (Schlagzeug) und Bänz Oester (Bass) bestehende WHO Trio als transkontinentale Kreativgemeinschaft zu bezeichnen. Kreativ ist die Gruppe zwar nach wie vor (und wie!), aber nicht mehr transkontinental, lebt doch neuerdings auch der Amerikaner Hemingway in der Schweiz, nämlich in Luzern, wohin ihn der Lockruf der dortigen Jazzschule geführt hat. Dass Hemingway seine Zelte in Übersee abgebrochen hat, mag auch mit den besseren Verdienstmöglichkeiten und Arbeitsbedingungen hierzulande zusammenhängen – aber letztlich wäre er wohl kaum in die Schweiz gekommen, wenn er nicht bereits mehr als eine bloss vage Ahnung vom enormen Potenzial der Jazzszene auf dieser Seite des Atlantiks gehabt hätte.
Jagd auf Dämonen
Der 1955 geborene Hemingway zählt nicht zu derjenigen Spezies amerikanischer Jazzmusiker, die am liebsten im eigenen Saft schmoren: In seinem kaum noch überblickbaren Tonträger-Œuvre stösst man auf etliche gelungene Kooperationen mit eigenwilligen Vertretern des Euro-Jazz. Herausgegriffen sei hier die kürzlich neu aufgelegte Aufnahme «Demon Chaser» (Hat Hut), die ein überaus turbulentes Konzert des Gerry Hemingway Quintet aus dem Jahre 1993 für die Nachwelt festhält; damals gehörten zwei niederländische Nonkonformisten – Walter Wierbos (Posaune) und Ernst Reijseger (Cello) – zur Gruppe des Schlagzeugers. Mit dieser Gruppe schlug Hemingway einen Bogen von der archaischen Quasi-Polyphonie des New-Orleans-Jazz zu komplexen Avantgarde-Konzepten, wobei er von Erfahrungen zehren konnte, die er in so unterschiedlichen bahnbrechenden Gruppen wie dem 1977 gegründeten und nach wie vor existierenden Trio BassDrumBone (mit Ray Anderson und Mark Helias) und dem Anthony Braxton Quartet gesammelt hatte.
Kontrollierte Leidenschaft
Die Zusammenarbeit von Hemingway mit dem Genfer Pianisten Wintsch und dem Berner Bassisten Oester geht aufs Jahr 1998 zurück (zuvor hatten Wintsch und Hemingway bereits im Trio mit dem Cellisten Martin Schütz gespielt). Seither sind vom WHO Trio vier Alben erschienen – zuletzt «Less Is More», auf dem «Instant Compositions» im Vordergrund stehen, also Stücke, die gemeinsam aus dem Moment heraus kreiert werden. Lyrische Abstraktion, klangliche Transparenz, rituelle Repetitionen und mysteriöse Melodien sind prägende Merkmale der Musik dieses Trios, wobei der Detailarbeit ebenso viel Beachtung geschenkt wird wie der Gestaltung langer Spannungsbögen – die zwei längsten Stücke auf «Less Is More» dauern 13 respektive 15 Minuten.
Dass der Bandsound seit der Auseinandersetzung mit diversen französischen Chansons, wie sie auf den CDs 2 und 3 der Gruppe – «Open Songs» und «The Current Underneath» – dokumentiert ist, wärmer und runder geworden ist, ist wohl keine Illusion (auf «The Current Underneath» ist auch noch das traurige Lied «Mir mag halt niemer öppis gunne» aus der Niederdorf-Oper zu hören). Hier haben drei Individualisten, die mit kontrollierter Leidenschaft ans Werk gehen, zu einer unteilbaren und doch vielgestaltigen Einheit zusammengefunden. Wintsch, Hemingway und Oester entwickeln den Piano-Trio-Jazz auf zugleich subtile und subversive Weise weiter. (tom)
Turnhalle im Progr, Bern. Mittwoch, 10. Februar, 20.30 Uhr. (Der Bund)
Erstellt: 04.02.2010, 11:51 Uhr

