Dunkel getönte Klangschönheit

Von . Aktualisiert am 10.02.2010

«Es ist nicht mein Job, glückliche Musik zu machen», sagt die kalifornische Sängerin Emily Jane White. Ob sie ihren Job gut macht, kann im Progr überprüft werden.


Kalifornien, das ist in unserer klischeehaften Vorstellung der Ort, wo Palmen und Plastikbrüste spriessen, wo das Leben weniger tief schürft. Dass Musik, die ihre Wurzeln im Sonnenscheinstaat hat, aber auch ganz anders klingen kann, das lehrt uns die Sängerin Emily Jane White, die im kalifornischen Fort Bragg aufgewachsen ist, einem nebligen, waldigen Ort an der Küste, in dem gemäss White eines gewiss ist: dass man lebt und irgendwann sicher stirbt.

So verwundert es nicht, dass Emily Jane White vor allem die dunklen Ecken der Musik erforscht. Und sie in einem Stil findet, den man «Dark Folk» nennt. Amerikanische Liedtraditionen finden sich da, heulende Slide-Gitarren, ein Quäntchen Blues und ganz viel Melancholie, so auch auf Whites zweitem Album «Victorian America».

Dabei musste die Sängerin einst in die Ferne reisen, um zu realisieren, dass ihre Musik auch anderen Menschen gefallen könnte. In Frankreich, wo White nach ihrem Studium einige Zeit verbrachte, fragte man sie, wieso sie noch kein Album veröffentlicht habe. Wieso eigentlich, fragte sich auch White, liess sich in San Francisco nieder und begeisterte das Publikum 2008 mit ihrem Debüt «Dark Undercoat».

Die Sparsamkeit des Erstlings bricht White in «Victorian America» auf, lässt hie und da Streicherarrangements aufbranden, ohne aber ihrer Musik den typischen tiefen Ruhepuls zu nehmen, etwa im zauberhaften Titelstück oder im von Edgar Allan Poe inspirierten «The Ravens». Allerdings sind Whites Lieder alle in derselben dunklen Tönung gehalten, sodass die einzelnen Preziosen in der monotonen Klangschönheit zu verschwinden drohen. Und dennoch stimmt auch, was White einst einem Journalisten diktiert hat: «Wenn man tief im Dunkeln gräbt, stösst man auch auf Gold.» (reg)

Turnhalle Progr, Bern. So, 14. Februar, 20.30 Uhr. (Der Bund)

Erstellt: 10.02.2010, 15:34 Uhr