Computer in der Botanik
Von Ane Hebeisen. Aktualisiert am 26.08.2010
Aus der Ferne betrachtet könnte der Verdacht aufkommen, die Freunde der elektronischen Musik seien ein bisschen müde geworden. Auf der Bühne steht ein Laptop-Musikant und fingert sich durch seine Programme, doch das Publikum hüpft und turnt nicht strassenparadenmässig vor den Bassboxen herum, es macht es sich auf komfortablen Liegestühlen bequem und horcht den Dingen, die da geschehen mögen.
Schwarzer Cowboy
Wir sind am Festival Les Digitales, und nicht nur das Erscheinungsbild dieses seit 2005 in verschiedenen Parkanlagen der Schweiz durchgeführten Festes mutet etwas sonderbar an, auch die Musik, die hier unterbreitet wird, widersetzt sich grösstenteils den Klischees gängiger Freiluft-Technopartys. Die Tanzpflicht ist sowohl für die Künstler wie für den Zuschauer aufgehoben, der Ehrgeiz der Veranstalter besteht darin, aufzuzeigen, welch hypnotische Kraft die elektronische Musik auch ohne den geraden Viervierteltakt entfalten kann. So wird im Botanischen Garten eine Art Zuhör-Elektro serviert, neben den erwähnten Liegestühlen ist für Nahrungsaufnahme und für den Flüssigkeitshaushalt gesorgt.
Die auftretenden Künstler spielen ein Set von je einer halben Stunde, unter den Geladenen finden sich einige hochspannende Vertreter der zeitgenössischen Computermusik. Hinter dem Projektnamen Alphatronic verbirgt sich beispielsweise eine Urgestalt der bernischen Elektroszene: Daniel Wihler mischte in den Achtzigerjahren in den aufregendsten Elektroprojekten der Stadt mit, wie etwa den obskuren Red Catholic Orthodox Jewish Chors, mit denen er einige Singles für das damals stilbildende Londoner Label Rough Trade produzierte. Aber auch mit Bands wie Black Order Cowboys oder I Suonatori gehörte Wihler zu den Speerspitzen des helvetischen Elektro-Untergrunds und der damals florierenden Performance-Szene. Unter Alphatronic schürft er nicht mehr so sehr im Finsteren und Subversiven, seine Tracks sind aber noch immer voller raffinierter Details und keinem real existierenden Genre zuzuordnen. Eher auf dem Gebiet der Klangforschung ist das Projekt Electroscape der Zürcher Robert Alexander und Robert Korizek anzusiedeln. Ihnen geht es um die hypnotische Macht elektronisch erzeugter, sich kunstvoll aneinander aufreibender Frequenzen – ein Auftritt, für welchen sich das frühe Reservieren der Liegestühle lohnen dürfte. Ebenso beim heimlichen Star der experimentellen elektronischen Musik, dem Freiburger Feldermelder, der es auch in der Eigeneinschätzung seines Tuns zu einer kleinen Meisterschaft gebracht hat: «Ich schaffe zerfahrene Analog-Linien mit Anlehnung an ältere schon fast runzlig gewordene Genres, mit einem Hauch komplexer polyrhythmischer Einfachheiten.» Schöner ist das kaum in Worte zu fassen.
Düstere Berg- und Talmusik
Eindeutig aus der Gattung der Tanzbeinler stammt das Trio Jagged, bestehend aus den Berner Nightlife-All-Stars Benfay, Zukie 173 und Jay Sanders. Am Ende der Verwertungskette winkt zärtelnde, zuweilen auch ein bisschen mit dem Trance flirtende Tanzbodenmusik. Mächtige, bedrohliche Klangwände schichtet dahingegen das Berner Trio Mathon auf, benannt nach einem kleinen Bündner Dörfchen, das aus nicht viel mehr besteht als aus einer Kirche und ein paar wenigen Behausungen. Hier richtet das Kollektiv einmal im Jahr ein digitales Studio ein und schafft unter Einbezug von Gastmusikern Tonskulpturen, die in ihrer unheilschwangeren Schwere in jeder Minute betören und bedrücken. Ebenfalls viele Berge um sich hat der Walliser Nemoy. Seine kreative Basis hat er – zwischen Turtig und Turtmann – in Steg aufgeschlagen. Doch auf seine Musik drückt nicht 100 000 Tonnen Alpenmassiv, sie handelt von der Leichtigkeit gebrochener Beats, von urigem Soul- und Acid-Jazz. Zum Höhepunkt des Festivals dürfte der Auftritt des Plattenteller-Künstlers Strotter Inst. werden, der mit seinen fünf manipulierten Lenco-Plattenspielern abenteuerlichste Loops und Atmosphären kreiert.
Botanischer Garten, Bern. Samstag, 28. August 2010, 16–22 Uhr. (Der Bund)
Erstellt: 26.08.2010, 15:35 Uhr
