Immer höher, immer tiefer

Sie wolle berühren und nicht bloss Bewunderung auslösen, sagt Beatrice Berrut. Und sorgt mit ihren Talenten für eine Überraschung, noch bevor sie überhaupt in die Tasten greift.

 Romantische Realistin: Als Pianistin und Pilotin behält Beatrice Berrut den Horizont stets fest im Blick.

Romantische Realistin: Als Pianistin und Pilotin behält Beatrice Berrut den Horizont stets fest im Blick. Bild: Aline Fournier (zvg)

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«Si, c’est moi», sagt sie, angesprochen auf ein Foto, das man im Internet von ihr findet. Es zeigt Beatrice Berrut als Pilotin im Cockpit eines Kleinflugzeugs. Das Bild sei kein Fake: «Fliegen ist meine zweite grosse Leidenschaft – neben dem Klavierspielen.» Spätestens nächsten Sommer möchte sie ihr Motorflugbrevet machen. Ausser Vitus in Fredi Murers Film dürfte die bald 30-Jährige damit die einzige Pianistin sein, die auch ausserhalb der Tasten fliegt. Es gebe etliche Parallelen zwischen den zwei Disziplinen, sagt Berrut: «Als Pilotin kann ich die Zeit nicht stoppen, wenn ich gestartet bin, muss ich die Linie halten und – egal, was passiert – aus jeder Situation das Beste machen. Beim Klavierspielen ist es ähnlich.»

Seit die Walliserin ihr Klavierstudium an der Berliner Hochschule für Musik «Hanns Eisler» abgeschlossen hat, wird sie als Solistin und Kammermusikerin in die Konzertsäle der Welt geholt. Europa, Israel, Nord- und Südamerika sind Stationen ihres pianistischen Höhenflugs, der endlich auch in der (Deutsch-)Schweiz zur Kenntnis genommen wird. Seit sie 2014 mit dem Kulturförderpreis des Kantons Wallis ausgezeichnet wurde, ist sie hier vermehrt zu hören; erstmals auch in Bern, wo sie am Samstag im Rahmen der Reihe der Bernischen Chopin-Gesellschaft auftritt.

Die gebürtige Romande spricht fliessend Deutsch. Fünf Jahre Berlin hätten aber nicht genügt, um aus ihr eine Städterin zu machen. Die Sehnsucht nach Natur und Berg habe sie nach dem Diplom zurück ins Wallis getrieben. Hier schöpfe sie Kraft, um immer wieder aufzubrechen. In die Welt und die Metropolen der Musik. Sie steckt sich hohe Ziele: Eines Tages als Solistin mit den Berliner Philharmonikern aufzutreten, wäre ihr Herzenswunsch.

Gelassenheit, die explodiert

Ihre brennende Liebe zum Piano ist in der Kindheit entflammt, als sie in der elterlichen CD-Sammlung erste Entdeckungen machte. Brahms-Konzerte mit Krystian Zimerman, Schumann-Sonaten mit Maurizio Pollini: «Ich konnte mich nicht satthören.» Später erlebte sie in einem Live-Konzert den Rumänen Radu Lupu als Offenbarung. Die Tiefe seines Spiels bezeichnet sie als Inspiration, ebenso die Art, wie der scheue 69-Jährige sich dem Diktat des Musikzirkus widersetzt. Auch sie ist bestrebt, im Haifischteich der Vermarktung einen eigenen Weg zu finden, selbst auf die Gefahr, dabei gegen die Strömung schwimmen zu müssen. Beatrice Berrut ist eine Realistin. Sie ist sich bewusst, dass Erfolg keine feste Grösse ist, dass das Leben auch mal Haken schlägt. Doch die Romantikerin in ihr behält den weiten Horizont, der in den letzten Jahren vor ihr aufgegangen ist, fest im Blick.

Höher zu kommen im Musikbetrieb, bedeutet für die Pianistin, tiefer einzudringen in die Welt hinter den Noten. Dieses pianistische Credo kann man auf ihrem eben erschienenen vierten Album überprüfen, auf dem sie die Orgel-Choralvorspiele Bachs in der Bearbeitung von Ferruccio Busoni den barocken Etuden des Franzosen Thierry Escaich (geb. 1965) gegenüberstellt. «Lux aeterna – Visions of Bach» ist eine zauberhafte CD voller feiner Farbigkeit und Souplesse. Berruts Spiel lebt von einer inneren Gelassenheit, auch wenn es äusserlich explodiert.

Eine CD sei eine wunderbare Möglichkeit, in einer flüchtigen Kunst etwas Bleibendes zu schaffen. Allerdings erlebe sie den Perfektionismus auch als Druck. Ein Tonträger sei ja nie die Wahrheit, sondern immer zusammengeschnittene «Haute Couture». Im Live-Konzert möchte sie berühren, nicht bloss Bewunderung auslösen. Wie man das schafft? Sie weiss es. Der russisch-ukrainische Pianist Heinrich Neuhaus (1888–1964), nach dessen Schule sie unterrichtet wurde, habe es auf den Punkt gebracht: «Spiele mit warmem Herz und kühlem Kopf, dann spielst du gut.»

Zentrum Paul Klee Sa, 21. März, 17 Uhr. – CD: «Lux aeterna – Visions of Bach» (Aparte 2015). (Der Bund)

Erstellt: 19.03.2015, 08:40 Uhr

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