Handeln statt gucken!
Von Alice Henkes. Aktualisiert am 19.07.2010
Im Juli 1845 zog sich der amerikanische Schriftsteller Henry David Thoreau in eine Holzhütte im Wald zurück, um kritisch über die Gesellschaft nachzudenken. Seit Thoreaus Tagen ist die Welt nicht besser geworden. Gedanken wie: «Überflüssiger Reichtum kann nur Überflüssiges erkaufen» wirken erstaunlich aktuell. Die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise generiert wieder ein Interesse an gesellschaftlichen Alternativ- und Gegenentwürfen. Man muss sich aber nicht unbedingt in eine Waldhütte zurückziehen, um über ein modernes Utopia nachzudenken. Auch ein Besuch im Kunstmuseum Thun kann anregend sein.
Die Ausstellung «Utopie und Alltag. Im Spannungsfeld zwischen Kunst und Bildung» setzt sich mit gesellschaftlichen Strukturen und ihrer möglichen Veränderbarkeit auseinander. Die Suche nach alternativen Formen von Wissensvermittlung spielt dabei eine ebenso grosse Rolle wie die Einbindung museumsfremder Personengruppen in die Entstehung der Arbeiten. Das klingt nicht nur sehr theoretisch, zuweilen wirkt die anspruchsvolle und gedankenreiche Schau auch wie eine Bibliothek. Wer von einer Sommerausstellung visuellen Zeitvertreib in klimatisierten Räumen erwartet, wird sich hier nicht wohlfühlen.
Das Grundkonzept stammt vom Centre d’Art Contemporain in Genf, das bis März dieses Jahres eine ähnliche Ausstellung unter dem Titel «Utopie et Quotidienneté» zeigte. Die für Thun von Helen Hirsch adaptierte Schau übernimmt neben der leitenden Idee eine Arbeit von Tilo Steireif. Alle anderen Werke wurden für das Kunstmuseum Thun realisiert.
Ingwer-Gesellschaft
Etwa der monumentale Ingwer aus Dachlatten, Draht und Papiermaché, den Klara Schilliger und Valerian Maly im grossen Speisesaal errichtet haben. Die gigantische Plastik, die den Raum zu sprengen scheint, entzieht sich der visuellen Einordnung, da sie nie im Ganzen, sondern immer nur in etwas verwirrenden Einzelheiten zu sehen ist. Mit dem Format spielen die in Bern lebenden Performance-Künstler auf übergrosse Buddhastatuen in asiatischen Ländern an, die dem Betrachter oft auch nur Einzelheiten preisgeben. Inhaltlich verweist die Ingwerknolle auf die Rhizom-Theorie von Gilles Deleuze und Félix Guattari. Das Rhizom, eine Art Wurzelgeflecht, das in alle Richtungen weiterwachsen kann, wird in der Philosophie der beiden Denker zur Metapher für egalitäre Netzwerkstrukturen, die, zum Beispiel in der Bildungsvermittlung, alte, als Baum dargestellte hierarchische Strukturen ersetzen sollen.
Dem 8 x 17 Meter grossen Ingwer-Rhizom aus Papiermaché ging die Gründung einer Ginger-Society voraus. Das Objekt selbst entstand in einem gemeinschaftlichen Arbeitsprozess, an dem neben den Künstlern ein Dutzend Langzeitarbeitslose beteiligt waren. Ergänzt wird der Riesen-Ingwer durch eine Leseecke, in der man in «Rhizom» von Deleuze und Guattari, aber auch in Schriften von Henry David Thoreau und anderen lesen kann.
Mit Lektüren arbeiten auch Tilo Steireif und Nils Norman. Die beiden haben sich auf die Suche nach alternativen Erziehungs- und Lernkonzepten gemacht und eine Art Spielhäuschen mit pädagogischer Bibliothek und Filmraum errichtet. Dass die Künstler sich im Lauf ihres Projekts mit Kindern, Jugendlichen und Lehrpersonen im Kindergarten Hohmad in Thun und der von Paul Geheeb gegründeten Ecole d’Humanité am Hasliberg ausgetauscht haben, wird vor allem in Film- und Fotodokumenten deutlich. Für die Beteiligten sicher spannend, ist diese Kooperation zwischen Künstlern und Nicht-Künstlern für den Betrachter oft nur vermittelt erfahrbar.
Puppen-Stadt
In der Installation «c/o Ruth Cohn, c/o Marquard Wocher» der Schwestern Christine und Irene Hohenbüchler kommen auch die Museumsbesucher zum Zug. Der Titel der Arbeit bezieht sich auf die Idee des lebendigen Lernens der Psychotherapeutin Ruth Cohn sowie auf Wochers Thun-Panorama, das eine sehr freie Neuinterpretation erfährt. Bewohnerinnen der Altersresidenz Tertianum nähten Puppen, die die Stadtbewohner darstellen. Bunte Fabelwesen, aber auch eine Madame de Meuron mit Hörrohr, Hütchen und aparten Goldknopf-Augen. Die Schwestern Hohenbüchler haben die Puppen in eine «Stadt» aus beweglichen Möbeln gesetzt, die einem grossen Spielzimmer gleicht. Die Besucher sind ausdrücklich eingeladen, die Möbel und Puppen neu zu arrangieren und so ihr eigenes Stadtbild zu schaffen.
Auch andere Künstler regen zum Mitmachen an. Kristina Leko hat die Erinnerungen ehemaliger Bergarbeiter in Kroatien dokumentiert und daneben Tafeln aufgehängt, auf denen Besucher sich zur Geschichte der Arbeit in der Schweiz äussern können. Hanswalter Graf hat bislang nur ein kleines Graffiti in die Schau eingebracht. Er wird ab 17. August mit Schülern Interventionen in der Ausstellung vornehmen, die so womöglich wachsen wird, wie ein Rhizom.
Begleitend läuft im Projektraum Enter Esther Hunzikers Onlinearbeit «DUMP». Sie bezieht sich auf die Krankheit Schizophrenie, die, wie man heute annimmt, auf einer Filterschwäche des Stammhirns basiert. Aus Text- und Bildbausteinen baut Hunziker eine künstliche Reizüberflutung auf, die durchaus auch an normale Medienerfahrungen erinnert.
Die Ausstellung im Kunstmuseum Thun dauert bis 5. September. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag, 10 bis 17, Mittwoch, 10 bis 19 Uhr. Montag geschlossen. (Der Bund)
Erstellt: 19.07.2010, 09:56 Uhr
