Eine Blockhütte am Limit
Von Alice Henkes. Aktualisiert am 12.02.2010
Rohe Holzbalken ziehen sich durch die Kunsthalle, durchstossen Wände und richten sich zu massiven Pfeilern auf. Im Hauptsaal verdichtet sich das Balkengefüge zu einem beinahe labyrinthischen Ensemble. Doch wer die Balken durch die Räume hindurch verfolgt und im Kopf nachvollzieht, welchen Weg sie durch Räume und Wände nehmen, der kann das Gewirr zu raumfüllend grossen, aber doch simplen Figuren auf dem Grundriss von Rechtecken auflösen.
Eine einfach Struktur zu finden, die das gesamte Erdgeschoss der Kunsthalle bespielt, das war Oscar Tuazons Grundidee. In seiner ersten Schweizer Einzelausstellung inszeniert der 31-Jährige einen Raum im Raum. Angeregt haben den in Paris lebenden Amerikaner Arbeiten von Sol LeWitt, der in den 1980er-Jahren mit Mitteln der Malerei in die Raumwirkung der Kunsthalle eingegriffen hat. Tuazon, der 2008 bereits als Kurator der Sommerakademie in Bern zu Gast war, greift auch kräftig in die Bausubstanz ein, indem er grosse Löcher in die Wände schlägt und den Fussboden einer Belastungsprobe aussetzt. Hier, sagt Kunsthallen-Leiter Philippe Pirotte im Hauptsaal, sei die Obergrenze der Bodenbelastbarkeit erreicht.
In Thoreaus Hütte
Oscar Tuazons Raumeingriff schafft maximale Wirkung mit minimalistischen Mitteln. Auf einem Grundrissplan der Räume hat er seine rechteckigen Raumobjekte immer wieder hin und her geschoben, bis sie optimal eingepasst waren. Der Lift sollte nicht blockiert, Kaminschächte in den Wänden sollten nicht angebohrt werden. Wenn der aus Seattle stammende Künstler von der Planungsarbeit erzählt, klingt das, als ob er ein verzwicktes Puzzle gelöst, ein Gebäude in ein anderes hineingeschoben hätte. Nun ist die Reihe am Betrachter, zu versuchen, die simple Grundform der Raumobjekte nachzuvollziehen. Als zusätzliche Schikane hat Tuazon hier und da einen Balken weggelassen. Das Gebäude ist lückenhaft.
Ein Gebäude ist es dennoch. Wie die Grundstrukturen von Blockhütten stehen die Balken im Raum. Nicht zufällig wählt der Schüler von Vito Acconci und Matthew Barney die Form- und Materialsprache der Blockhütte, dieser Trutzburg aller Zivilisationsmüden. Tuazon begeistert sich nicht nur für utopische Architekturen, sondern auch für den amerikanischen Autor und Freidenker Henry David Thoreau, der sich 1845 in eine einfache Hütte am Walden-See an der US-Ostküste zurückzog und damit zum Urvater aller Aussteiger wurde.
Tuazons Blockhütte in der Kunsthalle entbehrt konsequent aller Romantik, wie europäische Stadtflüchter und Systemkritiker sie so sehr lieben. Auch stellt sie sich jedem gemütlichen Kunsthallen-Durchschlendern in den Weg und behauptet sich sperrig gegen die beliebte Vorstellung, Kunst sei gut, wenn sie gut verkäuflich sei – und Bilder in handlichen Formaten seien demnach die beste Kunst.
Eingebautes Scheitern
Marktkritisch verhält sich auch Manuel Burgeners Rauminstallation im Untergeschoss der Kunsthalle. Dabei zeigt sich der Berner Künstler noch radikaler als sein amerikanischer Berufskollege. Während Tuazon das Holz für seine luftige Hütte im Baumarkt gekauft hat, verwendet Burgener Teile alter Arbeiten. Alte Werke werden so zum Humus neuer Werke – und es entsteht ein organischer, in sich geschlossener Kreislauf.
Manuel Burgeners Arbeit bildet eine ideale Ergänzung zum Blockhaus im Erdgeschoss. Der 31-jährige Absolvent der Hochschule der Künste Bern variiert das von Tuazon angeschlagene Thema klug. Neben der Treppe hängt ein Foto des Treppenhauses, das vor ein Holzmuster moniert ist.
Auch Manuel Burgener trägt eine Menge Holz in die Kunsthalle, allerdings keine dicken Balken, sondern schmale Latten, die er in den beiden Souterrain-Räumen verteilt. Hier und da ergeben sich architektonische Anklänge: eine Sperrholzplatte steht wie eine einsame Wand im Raum, einige Keramikplatten greifen das Fischgrätmuster des Parketts auf. Es sieht aus, als habe sich hier jemand das Material zusammengelegt, aus dem noch ein Gebäude werden soll – vielleicht ein luftiges Baumhaus. Hier entstehen zerbrechliche Utopien. Die Konstruktionen aus leichten Hölzern und Kachelscherben sind sorgsam austariert und wirken doch sehr fragil. Bei Burgeners ist die Idee des Scheiterns bereits mitgedacht, die in unserer Gesellschaft wenig populär ist.
Philippe Pirotte setzt mit dieser Doppelschau eine Reihe radikaler Interventionen im Ausstellungsraum fort. Die zahlreichen Löcher, die Tuazon in die Wände geschlagen hat, garantieren der Schau viel Aufsehen. Hauptsache, der Lärm, der dabei entsteht, übertönt nicht den klugen Dialog über architektonische und ideelle Räume, der sich zwischen den Etagen entspinnt. (Der Bund)
Erstellt: 12.02.2010, 08:54 Uhr
