«Das pure Lustprinzip»

Neben Reprisen wie «Land of the Dead» bringt ein kleiner Zyklus drei Berner Kinopremieren von wunderbar schwarzhumorigen Zombiefilmen.

Zombies oder Dissidenten? Der Horrorfilm «Juan de los muertos» aus Kuba ist eine schräge Parodie auf kommunistische PR-Filme.

Zombies oder Dissidenten? Der Horrorfilm «Juan de los muertos» aus Kuba ist eine schräge Parodie auf kommunistische PR-Filme. Bild: zvg

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Wääh! Nein!! Grauenhaft!! So was schau ich nie!! So tönt es noch immer häufig, wenn die Rede auf Zombiefilme kommt, obschon die lebenden Toten längst im Mainstreamkino angekommen sind und mit «World War Z» erstmals ein Zombiestreifen über eine halbe Milliarde Dollars eingespielt hat.

Die Abneigung gegen diese Art von Filmen hat plausible Gründe. Unter dem Etikett «Zombie-Schocker» wird tatsächlich viel unterirdischer Schrott produziert. Jüngste Beispiele sind «Ozombie» (US-Soldaten jagen Taliban-Zombies und müssen Osama Bin Laden ein zweites Mal umbringen) und «War of the Dead» (Nazis lassen finnische Soldaten zu Zombies mutieren) – beides entsetzlich langweilige Abschlachtwerke, in denen es nur weiss (gute Menschen) und schwarz (böse Zombies) und keine Grautöne gibt.So simple Filme sind in der Reihe «Zombie X-Mas» im Kino in der Reitschule natürlich nicht programmiert. Mit dem Thema Zombies hat sich das Polit- und Kulturzentrum auf Berns Schützenmatte schon im letzten Jahr beschäftigt, als das Stück «Are You Ready for Some Zombification?» gespielt wurde. «Wir sind pro Zombie», sagte Julia Haenni von der Theatergruppe Das Schaubüro beim Podiumsgespräch am Ende der letzten Vorstellung. «Zombies sind vielleicht auch Hoffnungsfiguren», fügte ihre Arbeitskollegin Thea Reifler bei einem persönlichen Gespräch bei. «Sie nehmen alles, was sie wollen, sie sind aktiv, ja, es sind einfach Menschen, die vom puren Lustprinzip getrieben werden.»

«Die andere Hälfte»

Lakonisch knapp ist die Antwort von George A. Romero auf die Frage, für wen die Zombies in seinen Filmen stehen: «Us», sagt der Regisseur, der 1968 mit «Night of the Living Dead» eine neue Zombie-Mythologie begründete. Ähnlich sieht es Riley Denbo, der Protagonist in Romeros viertem Zombiefilm «Land of the Dead»: «Sie suchen nur einen Ort, wo sie hingehen können», kommentiert er den Vormarsch der lebenden Toten, «genau wie wir.»

Der im Jahr 2005 gedrehte Film zeigt die USA als Gesellschaft, in der sich Oben und Unten gnadenlos bekämpfen. Unten, das sind das Land und die Kleinstädte, die den Zombies überlassen worden sind, und oben ist die mit Mauern, Stacheldraht und Burggräben gesicherte Stadt, in die sich die Menschen zurückgezogen haben. In diesem Réduit hat mit Demokratie niemand mehr etwas im Sinn, gesteuert wird die Stadt von einem Mann, der seine Untertanen mit Brot und Spielen unterhält und ansonsten vor allem daran interessiert ist, möglichst viel Profit aus dem Chaos zu ziehen. Dieser Bösewicht heisst Kaufman, doch auf dem Set des Films hat sein Darsteller Dennis Hopper immer von «Rumsfeld» gesprochen. Womit klar ist: Mit der Chefetage ist hier die Bush-Regierung gemeint. Die Zombies in diesem Film sind lernfähig: Unter Anleitung des schwarzen Tankwarts Big Daddy machen sie sich mit Waffen und Bohrmaschinen vertraut und bringen damit die Menschen arg in Bedrängnis. Sodass es nicht wundert, dass einer von Rileys Freunden gegen alle Genretraditionen den Gnadenschuss ablehnt, als er von einem Zombie gebissen wird: «Ich wollte schon immer wissen, wie die andere Hälfte lebt.»

Mit dem sozialsatirischen Ton, der Romeros Filme seit jeher unterscheidet von «Redneck Zombies» und anderen Genre-Gurken, passt «Land of the Dead» perfekt ins politisch akzentuierte Profil des Reitschulkinos. Das gilt auch für den heute als Berner Premiere präsentierten «Juan de los muertos», den ersten Horrorschocker aus Kuba. Wie alle dort gedrehten Werke musste auch der Film von Alejandro Burgués den Zensurvorschriften des Castro-Regimes genügen. Mit dem Fischer Juan hat er einen Protagonisten, der loyal zu seiner Heimat steht, mit Politik aber nichts im Sinn hat – wenn er anders als seine Freunde nicht davon träumt, nach Miami zu emigrieren, hat das einen pragmatischen Grund: «Da müsste ich ja arbeiten gehen.» Als in Havanna Zombies aufkreuzen, räumt das Staatsfernsehen zwar «Probleme zwischen sozialen Gruppierungen» ein, schiebt den Schwarzen Peter aber sogleich dem Polit-Erzfeind Nummer 1 zu: «Die Untersuchungen der Polizei ergaben, dass Dissidenten, finanziert durch die US-Regierung, verantwortlich sind für die Unruhen.» Für den Zustand von Kubas Wirtschaft steht der Lift, der immer zwischen den Stockwerken stehenbleibt, und wie effizient Marktwirtschaft funktioniert, zeigt ein amerikanischer Zombiejäger, der mit einer einzigen Harpune mehr anzurichten weiss als andere mit Maschinengewehren. Kein sozialistischer Held der Arbeit weit und breit und stattdessen auch Seitenhiebe gegen die Polizei – «Juan de los muertos» ist eine wunderbar schräge Parodie auf kommunistische PR-Filme.

Die totale Apokalypse

In «Shaun of the Dead» (2004) hat der Titelheld (Simon Pegg) Probleme mit der Freundin und seinen Eltern und schlurft eines Morgens in einen Laden; er sieht weder die blutigen Handabdrücke auf dem Kühlschrank noch die vielen Zombies, die sich längst in Londons Strassen herumtreiben. So genau bringt nur selten ein Film das Dilemma der Zeit auf den Punkt: Jede und jeder ist derart mit sich selbst beschäftigt, dass niemanden auffällt, dass die Apokalypse längst begonnen hat. Schön, dass dieser von rabenschwarzem Humor in bester angelsächsischer Tradition durchtränkte Film von Edgar Wright nach neun Jahren endlich auch den Weg ins Kino findet.

Vergleichsweise schlicht sind daneben die Scherze in der dritten Premiere: Im norwegischen «Dead Snow» legt sich eine Gruppe von nicht überwältigend intelligenten Studenten mit Nazi-Zombies an – Körper, Köpfe und Innereien werden dabei à discrétion zermanscht. Wer nach diesem liebevoll choreografierten Blutbad nicht genug hat, kann sich noch die Trash-Bombe «Planet Terror» ansehen, wo Kultregisseur Quentin Tarantino den männlichsten aller männlichen Körperteile verliert. Merry X-Mas! (Der Bund)

(Erstellt: 12.12.2013, 12:57 Uhr)

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«Zombie X-Mas»: Das Programm

Donnerstag, 12. 12., 20.30 Uhr: Juan de los muertos (Cuba 2011), Regie: Alejandro Brugués
Freitag, 13. 12., 21 Uhr: 28 Days Later (UK 2002), Regie: Danny Boyle
Samstag, 14. 12., 21 Uhr: 28 Weeks Later (UK/SP 2007), Regie: Juan Carlos Fresnadillo
Freitag, 20. 12., 21 Uhr: Land of the Dead (USA 2005), Regie: George A. Romero
Samstag, 21. 12., 21 Uhr: Død Snø (No 2009), Regie: Tommy Wirkola, ab 23 UhZombie X-Mas Surprise Shopping
Freitag, 27.1 2., 21 Uhr: Planet Terror (USA 2007), Regie: Robert Rodriguez
Samstag, 28. 12. 2013, 21 Uhr: Shaun of the Dead (UK 2004), Regie: Edgar Wright (xen)

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