«Vergiss deine Sorgen!»
Von Regula Fuchs. Aktualisiert am 02.06.2010
Ist das eine Augenkrankheit? Eine Fehlfunktion des DVD-Players? Ein Werbespot für Buntwaschmittel? Nein, es ist ein indischer Film. In «Dil Bole Hadippa» glänzen und leuchten und knallen die Farben, bis es wehtut. Als wollten die Macher des Streifens, der 2009 in die indischen Kinos kam, dem von Touristikern platt gewalzten Slogan vom Rausch der Farben und vom Fest der Sinne, der immer wieder zur Anwendung kommt, wenn es um Indien geht, noch einen draufsetzen.
Nicht nur die Farben sind in «Dil Bole Hadippa» bigger than life. Sondern auch: die Schönheit der Protagonisten, die Slow-Motions und Grossaufnahmen, das Pathos, die Gefühle, der Patriotismus, die Träume. «Es gibt keine Steuer auf das Glück, vergiss deine Sorgen!», singen alle schon am Anfang, und es ist sonnenklar, dass das unheimlich begabte Mädchen, dessen Herzenswunsch es ist, in der indischen Mannschaft Cricket zu spielen, am Ende seinen Traum verwirklicht und zudem das Herz des exquisiten Trainers erobert haben wird.
Das ist pures Bollywood, so wie man es sich vorstellt: keine Arthouse-Ambitionen, sondern die perfekte Droge, um für zweieinhalb Stunden die Welt jenseits des Kinosaals vergessen zu können. Aber – und das zeigt «Dil Bole Hadippa» ebenso –, auch das kommerzielle Bollywood liefert heutzutage nicht nur filmisches Opium für die Massen. Der Konflikt zwischen Indien und Pakistan etwa schwelt unterschwellig auch in «Dil Bole Hadippa», die ehemalige Kolonialmacht England wird dadurch ausgespielt, dass sich die männliche Hauptfigur, die nach England ausgewandert ist, wieder Indien zuwendet, und am Schluss steht ein flammendes Plädoyer dafür, dass die Frauen ihr Glück selber in die Hände nehmen sollen. Das obligate Happy End, so kitschdurchtränkt und pathosgeschwängert es auch sein mag, bereitet mit der Versöhnung des indischen und des pakistanischen Cricket-Teams eine trotz allem rührende Fiktion, die zu schön ist, um wahr zu sein, und gerade damit deutlich macht, dass die Realitäten wohl andere sind.
Frühwerk von Alain Tanner
Indien ist eines der fruchtbarsten Länder, was die Filmproduktion angeht – gegen 1000 Produktionen strömen pro Jahr auf den Markt. So versteht sich von selbst, dass mit dem Etikett «Bollywood» nur ein sehr heterogenes Konglomerat zwischen leichtgewichtigem Kommerz und bedeutender Filmkunst gemeint sein kann. Ein kleines Fenster zur Vielfalt der indischen Filmproduktion öffnet das erste Bollywood-Festival Thun, das neben hierzulande bekannteren Werken wie «Lagaan» oder «Monsoon Wedding» und Aktuellem aus Bollywood auch den hiesigen Blick auf Indien nicht ausklammert. Neben Ulrich Grossenbachers und Damaris Kellers wunderbarer Dokumentation «Hippie Masala» über hängen gebliebene Aussteiger ist ein früher Auftragsfilm des Regisseurs Alain Tanner programmiert: «Une ville à Chandigarh» aus dem Jahr 1965 porträtiert die, wie sie im Film genannt wird, «bemerkenswerteste Stadt Indiens».
Auf dem ländlichen Flecken Chandigarh liess der schweizerisch-französische Architekt Le Corbusier seine Vision einer modernen Stadt Realität werden. Nachdem ein Teil der Provinz Panjab 1947 an Pakistan gefallen war, errichtete man im indischen Teil eine neue Hauptstadt, für deren Planung Le Corbusier zuständig war. Alain Tanner besichtigt in seinem Film die Stadt, die am Reissbrett entstanden war und in der sich Landleben und Urbanität, Fabrikarbeiter und Akademiker, Tradition und Moderne auf engstem Raum begegnen. Das fängt schon damit an, dass die damals modernste Stadt der Welt von Tagelöhnern mit barer Muskelkraft erbaut wurde: Eindrücklich sind die Bilder, wie Männer und Frauen schwere Zementkörbe auf dem Kopf tragen – und Bauwerke erschaffen, die mit ihren spitzen Winkeln wie futuristische Fremdkörper in der trockenen Landschaft stehen. Das Chaos und die Platznot anderer indischer Städte scheinen aus Chandigarh verbannt, die Stadt ist in rechtwinklige Sektoren aufgeteilt, es gibt grosszügige Freiflächen, und die Bäume blühen gemäss Plan in jedem Sektor in einer anderen Farbe.
Die Stadt verändere das Leben der Bewohner, heisst es einmal im Kommentar zum Film. Doch Tanner deutet an, dass auch Le Corbusier Konzessionen machen musste: Die europäische Idee konnte weder das indische Klima noch das Kastensystem ganz ausser Acht lassen.
Die Tropfen des Monsuns
Europa hatte auch Einfluss auf eines der wichtigsten Werke der indischen Filmgeschichte, das am Bollywood-Festival in einer neuen Kopie mit deutschen Untertiteln gezeigt wird: auf «Pather Panchali» des Regisseurs Satayajit Ray aus dem Jahr 1955. Denn es war Vittorio de Sicas Neorealismus-Klassiker «Ladri di biciclette», der Ray davon überzeugte, dass es möglich ist, einen Film mit Laien zu drehen und eine eigentlich kleine Geschichte mit reichhaltigen sozialen und kulturellen Beobachtungen zu unterfüttern. «Pather Panchali» zeigt das Leben einer mausarmen Familie in epischer Breite und mit poetischer Gemächlichkeit – es ist ein Film, der durch Reisfelder streift, die Stille oder einen Monsunregen bis zum letzten Tropfen auskostet.
«Pather Panchali» hatte viele prominente Befürworter – von John Huston bis Akira Kurosawa – und gewann 1956 in Cannes einen Spezialpreis. Das vielleicht schönste Lob kam allerdings vom Vertreter eines Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen, der schrieb: «In seinem einfühlsamen Porträt der Armut und seiner düsteren, scharfsinnigen und eloquenten Sensibilität kann der Film die Herzen der Menschen eher erreichen als alle unsere Entwicklungsberichte und Armutsstatistiken.» Die Herzen erreichen – wenn es einen gemeinsamen Nenner geben sollte, der das indische Kino verbindet, dann wäre er wohl am ehesten in der Gegend des Herzens zu suchen. Egal, ob es sich um Kitsch oder Kunst handelt. (Der Bund)
Erstellt: 02.06.2010, 14:53 Uhr
