Vom Glück im gelben Schlauch
Von Brigitta Niederhauser. Aktualisiert am 09.02.2012
Agenda
Theater im National 14. Februar bis 4. März und 2. bis 7. Oktober.
Durchaus möglich, dass er nächste Woche wieder am Loeb-Egge steht mit einem überdimensionierten Gesicht aus Knetmasse. So wie einst, als er zusammen mit Andres Bossard und Floriana Frassetto im Kleintheater Rampe auftrat und hoffte, mit der Strassenaktion noch ein paar Zuschauer ins Kellertheater in der unteren Altstadt zu locken. Vierzig Jahre ist das her, und jetzt spielt Bernie Schürch zum letzten Mal die Nummer mit dem Knetkopf. Der 67-Jährige hört auf. Nicht nur wegen der körperlichen Gebresten. Auch wegen der vielen Pläne, die er abseits der Bühne noch realisieren möchte.
Wie werde ich Grotesktänzer?
Für die Jubiläumstour Werbung zu machen braucht er eigentlich nicht. Mehr als 100 000 Billette sind seit dem Start im Oktober 2011 bereits verkauft worden, allein für das dreiwöchige Berner Gastspiel mehr als 15 000. «Die Nummer mit der Knetmasse ist unsere Altersversicherung, das haben wir schon damals prophezeit», sagt Schürch zur Paradenummer im aktuellen Programm, das die einzigartige Geschichte der Mummenschanz noch einmal aufleben lässt. «Ich habe mit Mummenschanz ein Riesenglück gehabt», sagt Bernie Schürch.
Sein Glück hat eigentlich mit einem Unglück angefangen, mit einem schweren Ekzem, das ihn als Kleinkind plagte. Damit er sich nicht kratzen konnte, wurden ihm manchmal die Arme fixiert. «Meine Hände waren immer weit weg vom Körper, und ich konnte nicht spielen wie die anderen Kinder», sagt Schürch. Ein ganz eigenes Körpergefühl habe er durch diese Einschränkung entwickelt. «Die Bewegungen wurden immer wichtiger.» Das sei seinem Vater nicht entgangen. Aus ihm werde wohl einmal ein Grotesktänzer, lautete dessen Kommentar. «Das Wort hat mich fasziniert, obwohl ich mir nichts darunter vorstellen konnte», erinnert sich Schürch.
Der Vater, ein Jurist, ist Berner Gemeinderat, der Grossvater ist von 1925–1941 «Bund»-Chefredaktor gewesen. Eine akademische Laufbahn, wie sie von der Familie erwartet wird, interessiert Schürch nicht. Im Berner Stadttheater begegnet er dem französischen Mimen Marcel Marceau, für den 14-Jährigen eine Offenbarung. «Jetzt wusste ich, was ich werden wollte.» Er entscheidet sich für eine KV-Lehre. «So hatte ich mit 18 einen Beruf und war frei.»
Frei für die Berner Schauspielschule, wo Hans Gaugler, Paul Roland und der Ausdruckstänzer Harald Kreutzberg seine Lehrer sind. So sehr ihm der Unterricht gefällt, er bricht nach zwei Jahren die Schule ab, weil er ein neues Glück gefunden hat. In Paris, bei Jacques Lecoq, wo er zu jenem künstlerischen Ausdruck findet, nach dem zu suchen er nie aufgehört hat. «Lecoq hat einen immer an den Rand des Absturzes gebracht, und so etwas Eigenes, Unverkennbares aus einem herausgeholt», sagt Schürch über den legendären Tanzpädagogen und Pantomimen.
Dem Material zum Trotz
Es ist das Paris der 1968er-Jahre, als Schürch bei Lecoq Andres Bossard, den späteren Mummenschanz-Mitbegründer, kennen lernt. Mit Masken experimentieren die beiden und mit ausrangierten Materialien: Schaumgummi, Möbelstoffe, Plastik, Kartons und Hunderte von Meter Klebeband. «Wir haben die Show buchstäblich zusammengeklebt», sagt Schürch, der sich noch heute wundert, dass «das Zeug hält». Ihm gefällt es, hinter den launigen Fabelwesen aus Abfall zu verschwinden und sich als Individuum ganz zurückzunehmen. Ihn fasziniert die Reduktion, und im Lauf der Jahre versuchte er, mit immer weniger Hilfsmitteln auszukommen und die Ausdruckskraft der Figuren zu steigern.
Dem Verfalldatum des Materials zum Trotz entwickelten sich die Nummern mit ihrer Poesie zu Klassikern. Und die Geister, die Mummenschanz rufen, bewegen sich immer freier, entwickeln ein Eigenleben und emanzipieren sich von ihren Schöpfern. Es ist dieser Prozess, der die Fantasie des Publikums beflügelt. «Wegen dieser ansteckenden Verspieltheit schauen uns die Leute so gern zu», erklärt Schürch.
Die quasselnden Chinesen
Und das nicht nur in der Schweiz. Auf der ganzen Welt kommt das archaische Spiel an: das Anziehen und Abstossen, das Aufplustern und Entblössen, das Verwandeln und Verschwinden. Drei Jahre am New Yorker Broadway, Tourneen durch Nord- und Südamerika, Afrika und Asien – überall ist die Begeisterung riesig. Einzig in China war das Trio ein wenig irritiert – weil die Chinesen während der Vorstellungen immer so viel reden.
Über die einmalige Erfolgsgeschichte staunt Bernie Schürch noch heute. Über dieses Showbiz-Märchen, das 1992, nach dem Tod von Bossard, fast ein Ende gefunden hätte. «Erst konnten wir es uns gar nicht vorstellen, ohne ihn weiterzumachen.» Doch Schürch ist wieder in den gelben Schlauch gestiegen, seine Lieblingsfigur, für weitere 20 Jahre. Er weiss, dass sich Mummenschanz anders entwickelt hätten, wenn Bossard länger gelebt hätte. Aber noch immer mag er das Gefühl, in dieser Hülle zu verschwinden, noch immer freut er sich über das Staunen des Publikums, und noch immer zieht er sich gerne im grossen Schlussapplaus die Maske vom Gesicht und zeigt sich dem Publikum: grauhaarig, erschöpft und lächelnd. «Ich habe ein Riesenglück gehabt.» (Der Bund)
Erstellt: 09.02.2012, 08:09 Uhr
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