Monster, Salsatänzer und Superhelden

Wohin an Silvester? Und wohin eher nicht? Ein unvollständiger Überblick über das Angebot, das Sie vor dem Fernsehprogramm rettet.

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Die Rituale, um das Glück an Silvester auf seine Seite zu zwingen, sind mannigfaltig: Die Brasilianer pflegen wie die Verrückten im Kreis um einen Koffer zu rennen, was eine erhöhte Reisetätigkeit im neuen Jahr bewirken soll. In Italien tragen die Damen rote Unterwäsche, um den Gott der Liebe gnädig zu stimmen, und ganz Mitteleuropa schaut sich gerne den Sketch «Dinner for One» an, weil der allgemein als lustig gilt, weiterreichende Side-Effects sind für dieses Ritual indes nicht überliefert.

Welche Nebeneffekte für diejenigen zu befürchten sind, die sich entschliessen, den letzten Tag des Jahres lieber im trauten Heim anstatt in aufgekratzter Geselligkeit zu verbringen, kann schon jetzt abgeschätzt werden. Man wird das neue Jahr in bedauerlichem Zustand begrüssen. Das Fernsehprogramm ist von beklemmender Trostlosigkeit, es reicht vom «Silvesterstadl» mit Andy Borg und dem Deutschen Fernsehballett (SF 1) über «Die grössten Après-Ski-Hits» (RTL) bis zur Schreckenskombination «Liza Minnelli at Avo Sessions» (Arte).

Natürlich gibts auch «Dinner for One» (in der «Schweizer Version» auf dem WDR), doch könnte bei den Daheimgebliebenen vor dem Zubettgehen nach dem silvesterlichen Fernsehabend doch die eine oder andere unangenehme Frage ins Gemüt züngeln: War es das, mit meinem Leben als soziales Wesen? War es gescheit, meine Zeit in die Verantwortung von Fernsehstationen zu geben, denen gegen Ende Jahr vor lauter «Benissimo»- und «Traders»-Formaten offenbar die Fernsehgebühren ausgegangen sind? Wer sich das Nagen solcher Fragen ersparen will, dem seien hier ein paar Alternativen für den Fernseh-Silvester aufgezeigt. Eine Zusammenstellung ohne Vollständigkeitsgewähr.

Risiko-Silvester:

Es gibt selbstredend auch im Angebot der Kulturveranstalter Anlässe, die eher in einem schmaleren Nischen-Publikumssegment grasen:

• Das Barfuss-Disco-Silvester-Special im Prisma bietet sich ganz besonders für Hippies und Fuss-Fetischisten an, ein apartes Publikumskonglomerat, dem die DJs Hebu, Reinheart und Tom Li einzuheizen trachten.

• Dass auch die Gefühlsduseler von I Quattro eher ein Nischenprodukt sind, wissen wir spätestens seit der Schweizer Ausscheidung für den Eurovision Song Contest, wo auf die Pathos-Tenöre nur 10 Prozent der Stimmen fielen. Die vier laden in Das Zelt zur Silvester-Party.

Von Herzen empfohlen:

– Die Silvesterparty «Spiel mit uns» in den Vidmarhallen hat sich in den letzten Jahren zum verlässlichen Fest gemausert, an welchem das kulturaffine Berner Volk mit der Partyszene verschmilzt. Zuerst kann man sich in der Vidmar 1 das Stück «Triumph der Liebe» zu Gemüte führen, später im Le Beizli ein 5-Gang-Menü verschlingen, danach gibts an verschiedenen Stätten der Hallen mannigfaltig geartete, aber stets geschmackvolle Tanzmusik (etwa von DJ Comixxx von Compost Records), die Gruppe Copy & Paste spielt ein Live-Set (siehe Text unten), und sogar zum Pingpong- oder zum Poker-Spiel bietet sich Gelegenheit.

• Eine ähnliche Verquickung von Hochkultur und Tanzmusik gibt es in der Dampfzentrale: Zuerst wird die Dernière des Theaterstücks «Miss Monster» gezeigt, dicht gefolgt von «Popeye’s godda Blues» vom Club 111, unter anderem mit Beat-Man und Mike Reber. Danach wird getanzt am Monsters Ball mit den DJs Sister Knister, KamiKatze und Ronello Fret.

• Nochmals Theater mit Party bietet das Schlachthaus-Theater. Nach dem Stück «Balkanmusik» spielt die Balkanmusikkapelle Molotow Brass Orkestar auf.

• Unter anderem ein Mitternachtsfeuerwerk stellt das Café Mokka in Thun in Aussicht. Zuvor gibts eine Special-Akustik-Show der Edel-Glam-Pop-Band My Heart Belongs to Cecilia Winter. Dieselbe Gruppe bittet um 1 Uhr in der Früh zur Silvester-Weltschmerz-Gala. Drumherum: Disco bis zum Abwinken.

• Zu den lieb gewonnenen Jahresüberbrückern gehört auch die Playground-Silvester-Sause im Kornhausforum. Hier wird heuer der melodiös eher dürftig ausgestalteten elektronischen Musik gefrönt, hauptverantwortlich dafür sind die DJs Dinky und Shonky aus Chile und Frankreich. Tipp: tanzen, als wärs das letzte Mal. Den Playground plagen Standort-Sorgen.

Die Brechstangen Partys:

• Wenn sich das Liquid, der Wankdorf-Club, Le Ciel und Club Touch zusammentun, um ihrem Zielpublikum einen fröhlichen Silvester zu bescheren, muss fast zwingend etwas Protziges resultieren: «Silvester Deluxe» heisst das Fest. Im Aufgebot stehen in der angemieteten Festhalle Bern Sido & Harris, Kool Savas und Stress aus der Sprechgesangsabteilung. Gefolgt von den Grossspur-Musikabspielern DJ Antoine, Sir Colin und vielen anderen mehr. In den erwähnten Stammclubs findet zeitgleich das Rahmenprogramm statt.

• Ähnlich gesellig geht es an der «Silvester Party Thun» in der MUR-Halle und am «Magic Silvester» in Huttwil zu und her. An Letzterem treten die Urheber des leidigen Sommerhits «Danza Kuduro» auf, an Ersterer gibts eine Breitband-Disco und – Zitat Pressetext: einen «bombastischen Mitternachts-Countdown». Wenn das nichts ist.

Die Aparten:

• Für die Romantiker bietet sich Silvester auf dem Thunersee an. Die MS Berner Oberland läuft um 21.30 Uhr in Thun aus, es gibt einen Welcome-Drink und ein Nachtessen. Und die Romantik wird von der Schlagergruppe Schnulze & Schnultze ramponiert.

• Wer das Bedürfnis hat, sich als Superheld oder -heldin zu verkleiden, der kann in der Progr-Turnhalle auf einen Eintrittspreisabschlag hoffen. Drinnen begegnet er Musik unter anderem vom Elektro-Kollektiv We Love Machines.

Der gute Rest:

• Die Gaudiburschen Tomazobi toben sich in der La Cappella silvesterlich aus.

• Das Wasserwerk feiert seinen Untergang unter anderem mit dem Genfer Disco-Bevölkerer Crowdpleaser.

• Das National wird mitsamt seinem Unterclub Shakira zum Tanzboden für alle Salsatänzer der Stadt.

• Im Bierhübeli soll man sich laut Veranstalteranweisung fühlen wie ein Hollywood-Star. Dazu gibts eine Breitband-Disco von Rock bis Pop bis RnB.

• Im ISC gibts die ISC-Allstars an den Plattentellern, was ähnlich überraschend ist wie der Umstand, dass im Du Théâtre der House-Musik gefrönt wird.

• Die Via Felsenau wird als Partystätte reaktiviert und widmet sich ihrem Stammgebiet, der knackig-kruden Elektromusik.

• Das neue Bollwerk-Lokal Kapitel bittet zum «Essenstanz»: 6-Gang-Menü plus Electronica und House.

• In der KuFa in Lyss treten unter anderem die Party-Hengste von Delinquent Habit auf.

• Im Uptown gibts für die chronischen Nostalgiker eine 80s-Hit-Disco mit dem einstigen Betreiber der Disco Medora.

• In der Mahogany Hall wird der Partygänger von der Party-Combo The Showband auf Trab gehalten. (Der Bund)

(Erstellt: 22.12.2011, 15:37 Uhr)

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