Wie alltägliche Armut aussieht
Von Rahel Bucher. Aktualisiert am 14.04.2010
Der 12-Jährige Nicola hat ein Rezept gegen Armut: «Man könnte die Preise senken oder versuchen mehr Jobs anzubieten. Man könnte Spenden gehen. Das würde allen Menschen guttun.» Dass es nicht so einfach ist, zeigt die gestern im Kornhausforum Bern eröffnete Ausstellung «Im Fall». Dort ist Nicola Teil von einem Ausstellungsobjekt, das Armut aus der Kinderperspektive thematisiert. Die Wanderausstellung, welche die Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe (Skos) im Zusammenhang mit dem europäischen Jahr zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung lanciert hat, macht bis Ende Jahr an 20 Orten in der Schweiz halt. «Im Fall» lässt Armutsbetroffene zu Wort kommen, versucht mit stereotypen Vorstellungen vom Sozialhilfeempfänger aufzuräumen und zeigt auf, was die Sozialhilfe leistet.
Mehr Sozialfälle in Bern
In der Stadt Bern zum Beispiel unterstützt sie rund 6000 Menschen, wie Felix Wolffers, Leiter des Sozialamtes Bern, gestern an der Eröffnung sagte. «Wir rechnen mit einer weiteren Zunahme, da in diesem Jahr etliche Berner, die im Zuge der Wirtschaftskrise ihre Arbeit verloren haben, ausgesteuert werden», sagte er weiter. Ein Drittel der Berner Sozialhilfeempfänger seien unter 17 Jahren, ein Viertel seien Alleinerziehende und ein weiterer Drittel Working Poor, sagte Edith Olibet, Direktorin für Bildung, Soziales und Sport. Obwohl es typische Armutsrisiken gibt, gibt es nicht den typischen Sozialhilfeempfänger. Was es aber gibt, ist soziale Ungerechtigkeit. Darüber soll die Ausstellung ebenfalls zum Denken anregen. Olibet: «Wenn 2010 der Chef einer Schweizer Grossbank einen Jahresbonus erhält, der mit 75 Millionen Franken so hoch ist wie die Sozialhilfeaufwendungen für die 6000 unterstützten Personen in der Stadt Bern, so ist die soziale Ordnung in alarmierendem Ausmass in Schieflage geraten.» Auch wird der schlechte Ruf von Sozialhilfe und Sozialhilfeempfängern hinterfragt. Vor allem im Zusammenhang mit den Kosten, die schweizweit von 713 Millionen im Jahr 1986 auf rund 3,3 Milliarden Franken im Jahr 2006 angestiegen sind, geriet die Sozialhilfe in Verruf. Dem sei man sich bewusst, sagt Rolf Maegeli, Vizepräsident Skos. Auch wenn es vereinzelt zu Missbrauchsfällen komme, wünscht er sich einen differenzierteren Umgang mit der Thematik. «Die Ausstellung soll zum besseren Verständnis der Armutsbetroffenen beitragen und nicht alle unter Generalverdacht stellen.»
Die Sozialhilfe wurde ursprünglich als kurzfristiges Instrument für die Überbrückung von individuellen Notlagen konzipiert. Durch die Zunahme der Fallzahlen – zwischen 1986 und 2006 vervierfachte sich die Zahl der Sozialhilfefälle – hat sich herausgestellt, dass die Sozialhilfe immer öfter strukturelle Armutsrisiken wie Langzeitarbeitslosigkeit oder Kinder- und Familienarmut auffangen muss. «Die Sozialhilfe darf nicht Lückenbüsserin für die Vogel-Strauss-Politik auf Bundesebene werden», sagte Olibet. Der Bund müsse sich verstärkt in der Armutsbekämpfung engagieren. Verschiedene Organisationen wie die Skos oder Caritas Schweiz legen dieses Jahr Vorschläge zur Bekämpfung von Armut vor. Dies als Beitrag zu einer nationalen Strategie, die der Bundesrat dieses Jahr präsentieren wird.
In der Schweiz ist nach Schätzungen der Skos und der Caritas jede zehnte Person von Armut betroffen. Der Kanton Bern hat 4,1 Prozent Sozialhilfeempfänger, das sind rund 39 460 Menschen. Im Schweizer Vergleich steht er nach dem Kanton Waadt (4,7 Prozent) an zweiter Stelle. Die Ausstellung «Im Fall» geht den Menschen hinter den Statistiken und Fallzahlen auf die Spur.
«Im Fall» ist noch bis am 30. April im Kornhausforum Bern zu sehen. (Der Bund)
Erstellt: 14.04.2010, 17:33 Uhr
