Und Gott gab ihr den Schnauz

Von Hanna Jordi. Aktualisiert am 27.10.2011

Eine Parabel mit bärtigem Pop-Sternchen: Erst kürzlich noch in Wien und Budapest, gastiert die «Schnauzprinzessin» dieses Wochenende am Reitschulfest.

Jackie Brutsche führt als Tingeltangel-Tätschmeisterin durch ihr erstes abendfüllendes Programm.

Jackie Brutsche führt als Tingeltangel-Tätschmeisterin durch ihr erstes abendfüllendes Programm.
Bild: zvg

Reitschulfest

17 Programmpunkte, 6 Veranstaltungsorte – und das verpackt in nur zwei Tage. Die Reitschule beweist am traditionellen Reitschulfest, was ein Kulturzentrum zu bieten hat: nämlich viel Musik, Kino und Schauspiel. Damit die Auswahl nicht allzu schwer fällt, hier zwei Tourvorschläge:

Freitag, 28. Oktober: 18.00 Uhr, Führung durch die Reitschule. Treffpunkt beim grossen Tor. 21.00 Uhr, Six Freaks Under, Theaterspektakel mit musizierenden Robotern in der Grossen Halle. 22.00 Uhr, Traumschallplattennacht mit dem ravenden Ornithologen Dominik Eulberg, Minimal-DJ Riley Reinold und Festmacher Brian Python im Dachstock. Alternativ: Dub und Breakbeats mit Bit-Tuner, Meienberg und Rotkeller im Sous le Pont.

Samstag, 29. Oktober: 19.00 Uhr, Toröffnung und kulinarische Einstimmung im Restaurant Sous le Pont. 21.00 Uhr, Dok-Film über die alternative Szene Berns mit Andreas Bergers «Zaffaraya 3.0». 22.00 Uhr, sphärischer Elektropunk mit T. Raumschmiere im Dachstock, unterstützt von DJ Set & Sid LeRock. Oder: Indierock im Frauenraum mit El Cassette und Les Becasses. 5.00 Uhr, zum Abschluss Katerfrühstück mit Überraschungsauftritt im Sous le Pont.

Ausführliches Programm: www.reitschule.ch

Auf dem vorläufigen Höhepunkt ihres Erfolgs tingelt das Pop-Sternchen Tiffany Tears durch die Talkshows und gibt Plattitüden von sich: «Du kannst alles erreichen, wenn du nur an dich glaubst und niemals deine Träume aufgibst!» Vorerst behält sie recht, sie reist von Auftritt zu Auftritt, wird umschwärmt und besetzt Schlagzeilen mit der Frage, ob ihre Brüste denn nun operiert seien oder nicht. Und obwohl sie alles hat, was das «glücklichste Mädchen der Welt» ihrer Ansicht nach haben muss, macht sich da ein Gefühl der Leere bemerkbar. War das jetzt alles? Oder hält der Pop-Zirkus am Ende noch eine Überraschung für sie bereit?

«Don’t shave it»

Das tut er tatsächlich: Die Filmemacherin, Musikerin und Performancekünstlerin Jackie Brutsche lässt in ihrem Stück «Die Schnauzprinzessin» kein Klischee aus, wenn sie den Aufstieg und Fall einer amerikanischen Pop-Ikone nachzeichnet. Allerdings als Antithese: Während sich Britney Spears den Kopf rasiert, um das innere Vakuum zu füllen und dadurch ihren Abstieg als Ikone einleitet, kommt der Wendepunkt in Tiffany Tears’ Karriere ungleich haariger daher: Eine Bestellung bei Gott läuft schief, und ihr wächst ein beeindruckender Schnauzer, zuerst nur klein und dandyhaft, dann in bester ZZ-Top-Manier. Und Tiffany Tears, die ihre Karriere schon beendet glaubt, stellt fest: Noch nie war sie so sehr eine Marke wie mit Schnauz, der Schnauz lupft sie in den Pop-Olymp, wo sie eine Haarspray-Linie für Bärte lanciert und einen Hit landet mit dem Song «Don’t Shave It».

Eine Frau, ein Kleinlaster

Die Parodie der Wahlbernerin auf die glatt rasierte Scheinwelt der Populärkultur, in der Lebensträume massentauglich aufbereitet und in Talentshows öffentlich zerstört werden, ist eine One-Woman-Show. Brutsche gibt die wortgewaltige Erzählerin und die piepsstimmige Tiffany Tears abwechselnd selbst. Für die Rollen des Stylisten, des Psychiaters, des Freunds oder gar von Gott stehen Büsten, die in die Kulisse eingelassen sind. Der rasche Wechsel der Stimmen und Stimmungen im Stück greift auf die Wahl des Mediums über: Brutsche nimmt auch mal die Gitarre zur Hand, um das Popmärchen mit Rock ’n’ Roll zu versetzen.

Die «Schnauzprinzessin» ist Konzert, Performance und Theater in einem, ein Tingeltangelvariété, das kurzerhand in einen Kleinlaster gepackt und bei Bedarf ausgefahren werden kann. Anfang Monat noch trat die Schnauzprinzessin im Fluc-Club in Wien auf, kurz danach an einem Tanzfestival in Budapest. Die Gefahr, mit ihrer Kulturkritik allzu moralisierend zu wirken, weiss Brutsche mit einem geschickten Kunstgriff zu umgehen: Ihre Protagonistin ist ganz und gar kein harmloses Dummchen, höchstens ein bisschen naiv, darin aber sehr liebenswert. Und so bangt der Zuschauer mit, als der Fernsehkommentator nach dem plötzlichen Verschwinden der Schnauzprinzessin fragt: «Wurde sie gekidnappt? Ist sie tot? Und hat sie ihren Schnauz noch?»

Tojo-Theater Freitag, 28., und Samstag, 29. Oktober, jeweils 21.30 Uhr. (Der Bund)

Erstellt: 27.10.2011, 10:30 Uhr

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