Untergrund aus dem Oberland
Stichworte
Die Veranstaltungen
Donnerstag, 10. Dezember
ISC Bern, 21 Uhr: The Jackets, The Fuckadies, Electric Hellessence.
Freitag, 11. Dezember
Wasserwerk Bern, 21 Uhr: Goodbye Fairbanks, Choo Choo, Overdrive Amp Explosion, Uristier.
Samstag, 12. Dezember
Dachstock, 21 Uhr: Tight Finks, Unhold, Easy Tiger, Pirol. Rössli, 21 Uhr: Pornole, Aziz, Teenage Kings, Nancy Glowbus.
Lange Zeit hatte man als Städter nicht das Gefühl, dass einem etwas entgeht, wenn man die Wochenenden nicht im Berner Oberland verbringt. Es schien, dass da nicht nur ein politischer, sondern ein noch grösserer kultureller Graben zwischen Stadt und Land klafft. Die Oberländer, das waren die, die sich in alpiner Aufgekratztheit an Skihüttenpartys zerstreuten, vom Fernweh und von weissen Schwänen sangen und sich an den Barstreet-Festivals die Leber schwammig tranken, musikalisch sozialisiert von den Jukeboxes der örtlichen Wirtshäuser.
Doch irgendwann Mitte der Neunzigerjahre mischte sich eine sonderbare Dissonanz in diese Welt. Im Oberland rumorte auf einmal ein Untergrund. Junge Mannen machten sich auf nach Bern, um sich mit Stromgitarren und Rocktrommeln einzudecken, mit dem verschwommenen Ziel, dem beschaulichen Dasein etwas Ungemütliches entgegenzustemmen. Und während ihre Vorbilder im Dachstock der Reitschule zu Werke gingen, arbeitete man in den Kuhställen um Meiringen an einer Fortpflanzung der musikalischen Ideen. Die örtlichen Tambourenvereine hatten auf einmal schmerzliche Abgänge zu verzeichnen, und weil es ausserhalb der Region noch unmöglich war, zu Konzertauftritten zu gelangen, begann man, eigene kleine Festivals unter befreundeten und gleichgesinnten Bands zu organisieren. «Wir waren irgendwie anders. In Meiringen und Brienz gab es keine Bands, die so klangen wie wir», sagt Daniel Fischer, der als Schlagzeuger der Gruppe Nobody’s Darling diese Bewegung mitgestaltete.
Vom Oberland in die Subkultur
Die Konzertorte waren eher ungeläufig. Mal drehte man die Verstärker in der Englischen Kirche Meiringen in den roten Bereich, mal zimmerte man sich – sobald die Kühe im Tal waren – in einem Gehöft auf der Alp Mittelberg eine Konzertbühne und funktionierte die Melkmaschinen-Generatoren zum Stromgeber für Verstärker und Gitarren um. Die Festivalserie nannte sich «Subversiv» und wurde bald zum Geheimtipp für die jungen Menschen der Umgebung, die Bier und laute Musik schätzten. Die Bands der Stunde hiessen Unhold, Amokdatum oder Uristier, sie frönten dem Deathmetal, dem Punk oder dem Garage-Rock – und sie wurden von Tag zu Tag besser. 1994 wurde das Label Subversiv von Daniel Fischer und dem Uristier-Sänger Philipp Thöni gegründet, ein Label, das bald als Sammelbecken für die Bands aus dem Umkreis fungierte.
An diesem Wochenende feiert Subversiv Records sein 15-jähriges Bestehen. Bis heute sind knapp 50 Tonträger auf dem Label erschienen, die Bands stammen längst nicht mehr nur aus dem Oberland, Subversiv ist in den Niederungen der urbanen Subkultur angekommen. Alphatiere wie Unhold, Fuckadies, Nancy Glowbus, Overdrive Amp Explosion oder Aziz strahlen weit über die Landesgrenzen hinaus, einige davon touren munter durch Mitteleuropa, und die Plattenfirma von Thöni und Fischer hat sich als Adresse für währschafte, laute Rockmusik verschiedenster Schattierungen etabliert. Und pünktlich zum Geburtstag erscheint sogar ein Dokumentarfilm über die subversiven Machenschaften im Berner Oberland. Er heisst «Unter Strom» und lässt die Beteiligten auf die wilden Gründerzeiten von Subversiv zurückblicken.
Doch bei aller Freude, dass man im Oberland gemerkt hat, dass Gitarren auch anders bedient werden können, als es Polo Hofer, Span oder Gölä zu tun pflegen; ein autarker, wiedererkennbarer Sound ist im wilden Sammelbecken Subversiv nicht herangereift. Wohl aber ein bunter Reigen an originellen erfrischenden Rockbands, die sich längst nicht mehr im Kuhstall zu verstecken brauchen. (Der Bund)
Erstellt: 10.12.2009, 10:19 Uhr

