Erfinder der Murmelmurkse

Von Marianne Mühlemann. Aktualisiert am 29.12.2009

Die neue Doppel-CD mit Texten und Musikperformances des verstorbenen Berner Künstlers Carlo E. Lischetti erinnert an einen «Gegen-Wart», der die Welt in hintergründige Wörterstürme bannte.

«Mich denkt strengen an»: Carlo Edoardo Lischetti, genannt CEL. (zvg)

«Mich denkt strengen an»: Carlo Edoardo Lischetti, genannt CEL. (zvg)

Hartnäckig bis auf die Knochen sei er gewesen, sagt Thomas Adank, Musikredaktor von DRS 2. «Wenn er wollte, dann wollte er.» Von Carlo Edoardo Lischetti spricht er, dem Berner Szenekünstler, der durch seine Besäufnisse ebenso bekannt geworden ist wie durch seine Spontanaktionen. Lischetti, war ein Denkanstösser, ein «hintergründiger Untergründler», der von der grossen Masse nie richtig wahrgenommen wurde. Geschweige denn verstanden. Als leiser subversiver Künstler, Dichter, Philosoph, Menschenbeobacher, Musiker, Gesellschaftskritiker, Performer und Filmemacher gebar er Ideen und Gedankenblitze. «Gefischte Gedanken in Worten von Dingen, die sind», wie er es definierte.

Überbordend kreativ

In den 1980er-Jahren hatte Thomas Adank eine experimentelle Sendereihe initiiert mit dem Namen «Schweizer Musikperformance». In diesem Rahmen gab er Carlo E. Lischetti Raum. Das Studio Bern stellte dem Sprachkünstler, der sich in Aanalogie zur Berufsbezeichnung Abwart auch als «Gegen-Wart» bezeichnete, ein Nagra, ein professionelles Aufnahmegerät, zur Verfügung für Cartes blanches, damit er, «wenn es ihn plötzlich überkam,» seine zündenden Einfälle ins Mikrofon plaudern, singen, sagen oder schreien konnte. Und es überkam ihn, und wie. Auf der Doppel-CD, die zum Abschluss der diesjährigen Rüttihubeliade getauft wird (siehe Haupttext), ist Lischettis schillerndes Wesen in seiner überbordenden Fülle greifbar. Zuweilen scheint er das Aufnahmegerät mit seiner Intensität zum Explodieren zu bringen. Carlo E. Lischetti, der kreative Gedankentüftler und Erfinder von Wortstürmen und verbalen Murmelmurksen, des Schattenwerfers und weiterer neugierig machender Alltagsdinge, schnabuliert zur Ergötzung des Trommelfells ins Mikrofon, er philosofiert mit Inbrunst über die Fröhlichkeit des Kragenbärs, Doppelglasfenster oder Gott, der eine Wette gegen ihn verlor. In jeder Faser seines sperrigen Seins ist er zu spüren, wenn in gewaltigen Wort- und Klangflüssen seine Ideen unberechenbar aus der Endlosrille strömen. Das ist verstörend und erfrischend zugleich. Strohhalme für Begriffsstutzige

«Mich denkt strengen an», sagte der 1946 in Brugg geborene Sohn einer Schweizerin und eines Norditalieners einmal, und kreierte verbale «Griffgriffs» wie Strohhalme, damit sich Haltlose und Begriffsstutzige daran halten können. Nicht nur Adank, sondern auch Karel Boeschoten, der künstlerische Leiter der Rüttihubeliade, hat Lischettis sprühenden Erfindergeist zu spüren bekommen – als Mitglied des European Chaos String Quintet. Zusammen mit dem Cellisten David Gattiker, Susanna Andres und Beat Schneider hat er mit Lischetti improvisiert. Von diesen Treffen zeugt die zweite CD. In der schwarz-orangenen Aufmachung nimmt das authentische Album Bezug auf das 1998 in denselben Farben im Benteli-Verlag erschienene Lischetti-Buch «Ich bin mein Beruf». Und es erweist sich als eine würdige Ergänzung.

Die Doppel-CD erscheint im Januar 2010 im Zytglogge-Verlag. (Der Bund)

Erstellt: 29.12.2009, 09:33 Uhr