Der Held trägt Bart, der Feind singt Schlager
Von Ane Hebeisen. Aktualisiert am 16.07.2011 1 Kommentar
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Um 22.47 Uhr am Donnerstagabend ist die Gurtenwelt wieder in Ordnung. Der Tonmann hat sich dazu durchgerungen, ein wenig Transparenz in die musikalische Angelegenheit zu bringen, das Grosshirn hat damit begonnen, die vorangegangenen Konzerte dem Vergessen zuzuführen, und auf der Bühne steht Mark Oliver Everett, das Oberhaupt der Gruppe Eels, und singt das Lied «That Look You Give That Guy». Eine tieftraurige Anhimmelung einer Unerreichbaren, eine Ode ans Selbstmitleid, dargebracht mit wundem Herz und himmeltraurigschönen Blechbläser-Arrangements. Die Szenerie ist ausgeleuchtet wie die Showbühne einer Samstagabendsendung in den Anfängen des Farbfernsehens, und zeitweise klingt auch die Musik, als stamme sie aus jener Zeit: Da macht sich tatsächlich zuweilen eine irritierende Motown-Feierlichkeit breit in dieser Blues-getünchten Folk-Rock-Romantik. Everetts Band federt mal geschmeidig, mal rumpelt sie ungehemmt, und dazu berichtet das Oberhaupt über Figuren mit wenig Talent zum Glücklichsein.
Mark Oliver Everett gibt am Donnerstag den wetterwendischen Crooner im Sonntagsanzug. Und ausgerechnet er, der vollbärtige Sohn eines berühmten Quantenphysikers, dessen Unberechenbarkeit so weit gediehen ist, dass er sich auch schon mal einen Bauchredner ins Vorprogramm wünscht (unter Androhung, ansonsten nicht aufzutreten), der vor jeder Tour für seine Lieder ein neues musikalisches Konzept ausheckt, mal ein Streichorchester in den Band-Bus packt, mal als schwerblütiger Folkbarde durch die Welt tourt, dieser sonderbare Herr also rettet uns den Auftaktabend des Gurtenfestivals 2011. Eels brechen mit dem Floskelhaften der Vorgänger-Bands, mit der unverbindlichen Coolness der britischen Gäste und mit dem Hochleistungs-Pop, den zuvor ein Brandon Flowers auf der Hauptbühne in schier ungeniessbarer Weise zelebriert hat.
Der Poser
Ohnehin könnten die Kontraste zwischen den beiden kaum grösser sein: hier der hemdsärmlige Hippie, in dessen Auftritt sich alles findet, bloss keine übertriebene Eitelkeit, da der braun gebrannte Sonnyboy und erfolgsverwöhnte Frontmann der Multimillionenseller-Band The Killers, der sämtlichen anwesenden Fotografen den Zutritt vor die Bühne verwehrt, weil er sich einzig von seinem eigenen Tour-Fotografen ablichten lassen will. Das wäre alles nur halb so schlimm, wenn der Mann aus Las Vegas nicht derartige musikalische Schrecklichkeiten verbreiten täte. Brandon Flowers, das ist Pop für Menschen mit Aufmerksamkeitsdefizit. Jeder Ton und jeder Akkord ist grell ausgeleuchtet, jegliche Sexyness und jede Raffinesse verkümmert im keimtötenden Perfektionismus, es gibt keine Gesten, bloss Posen, und jeder kleinste Ton, der auf der Bühne gespielt wird, wird kompromisslos in den Vordergrund gemischt. Subtilität? Gibts aus Las Vegas nicht.
Da nützt es auch nichts, wenn sich der adrette Herr während seines kurzen Sets im Liedfundus von Kim Carnes («Bette Davies Eyes») oder seiner Stammband («Read My Mind») bedient. Brandon Flowers macht Pop nach dem Reinheitsgebot, ohne Witz, Sinn und Sinnlichkeit. Doch immerhin gibt es an diesem Konzert zwei der hübschesten Konzert-Kommentare der Open-Air-Saison aufzuschnappen: Konzertzuschauer 1: «Vermutlich würde es etwa so klingen, wenn Sven Epiney auf die Popbühne drängen würde.» Konzertzuschauer 2: «Ach, ach. Denke dir das Englisch weg, und wir sind mittendrin im Schlager-Sommer.» Doch – um die ganze Bandbreite der Publikums-Resonanz abzubilden: Es sind auch weinende Frauen in der ersten Reihe auszumachen, und sie weinen vermutlich nicht vor lauter Elend. Ganz sicher ist das allerdings nicht.
Die Latex-Hexe
Ganz sicher ist indes, dass die Gruppe Noah And The Whale als bestfrisierte Band der Austragung 2011 in die Gurtengeschichte eingehen wird (aufgeföhnte Lockenfrisur, wie man sie nicht einmal in den Achtzigerjahren zu tragen wagte). Viel mehr ist von diesem Konzert der englischen Aufstreberband nicht geblieben: britischer Neo-Konservativismus und eine musikalische Zitatenkette, die von Lou Reed über sämtliche realexistierende Wandergitarren-Folker bis hin zum Allerwelts-Feel-Good-Pop reicht. Gefahr geht von dieser Band keine aus, ihre Musik eignet sich wunderbar zum Schunkeln im Biergarten – und am Schluss kann man diesen biederen Herren nicht einmal richtig böse sein.
Auch nicht richtig böse sein kann man der jungen, aufstrebenden Lilly-Allen-Epigonin Kate Nash. Sie hat sich in Sachen Garderobe offenbar für Restbestände aus dem Crazy Loeb entschieden – eine Mischung aus Fasnachts-Kätzchen und Latex-Hexe –, sie ist aber ansonsten ganz sympathisch. Sympathisch ist auch die Musik, die sie macht. Netter Gitarren-Pop mit gedrosselter subversiver Energie; Bubblegum-Rock für die Bauchnabel-Piercing-Generation. Es steigen erstmals Seifenblasen auf, vor der Hauptbühne.
Die Disco-Rowdies
Die gleiche Hauptbühne erlebt kurz vor Mitternacht ein staunenswertes Happening. Das Duo 2ManyDJs hat es sich an einem DJ-Tisch gemütlich gemacht, und das Publikum ist kaum mehr zu bändigen. Mit ihrer wundertipptoppen Elektro-Rock-Band Soulwax haben es die Belgier bestenfalls auf die Nebenbühnen der grossen Festivals geschafft. Irgendwann begannen sie, Remixe für prominentere Kunden anzufertigen, und aus der Band wurde ein Projekt. Nun reichen ihnen zwei CD-Player und ein Filtergerätchen, um die Massen aus dem Häuschen zu bringen. Das Konzept: Nummern von so unterschiedlichen Urhebern wie Chaka Khan, Gossip, MGMT, The Specials oder den Crookers werden auf der Bühne mit heutiger und häufig auch gestriger Clubmusik verwurstet. Mash-up nennt sich das, dazu gibts eine Lichtshow, die dem 1.-August-Feuerwerk ernste Konkurrenz macht, und rot gekleidete DJ-Rowdies – ein Berufsstand, der bisher noch nicht bekannt war – rollen ein Konzert lang irgendwelche Beleuchtungskörper in Position. Doch die DJ-Finten (temporäre Verweigerung der Bassfrequenzen und andere altbewährte Tricks) wiederholen sich dann doch in etwas hoher Kadenz.
Nach eineinhalb Stunden hat sich das DJ-Intermezzo abgenützt, und die zur Band angeschwollenen Elektro-Frickler Trentemoller dürfen ihre Vision von elektromusikalischer Handarbeit unterbreiten. Sie tun dies mit bestechendem Klang- und Lichtkonzept und unter zwischenzeitlichem Einbezug einer sirenenartigen Sängerin. Das Gebotene franst aber auch immer wieder in einen allzu herkömmlichen Bio-Trance-Duktus aus.Und was lehrt uns das alles? Ein Publikum, das einen Brandon Flowers bejubelt und im nächsten Moment die Gurtenwiese zur Grossraumdisco macht, dem wird auch die Kaltfront mit Blitz und Donner, die für Sonntag erwartet wird, nichts anhaben können. (Der Bund)
Erstellt: 16.07.2011, 13:30 Uhr
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1 Kommentar
Der schlechteste und wirklich peinlichste Konzert review, den ich jemals gelesen habe!
Wirklich ärgerlich für Leute, die nicht da waren! Glaubt kein Wort, von dem was hier steht, hört Euch die Musik der betreffenden Künstler selber an, dann wird Euch schnell klar, dass hier kein Wort hier stimmen kann...
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