Chinas grüne Revolution

Von Henrik Bork, Dezhou. Aktualisiert am 06.07.2009

Die Volksrepublik hat umweltfreundliche Technologien entdeckt. Eine auffällige Erfolgsgeschichte schreibt die Firma Himin. Ihre Solaranlagen stehen selbst auf dem Mao-Mausoleum.

Eine Strasse in Dezhou, beleuchtet von Lampen, die mit Solarstrom gespiesen werden. Dieser wird mit fotovoltaischen Zellen der Firma Himin erzeugt. (Keystone)

Eine Strasse in Dezhou, beleuchtet von Lampen, die mit Solarstrom gespiesen werden. Dieser wird mit fotovoltaischen Zellen der Firma Himin erzeugt. (Keystone)

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Grün sind Chinas jüngste Helden. «Willkommen in Chinas Solar Valley», sagt Huang Ming. Hier sei das neue Zentrum der Solarindustrie, will er damit sagen. Von hier, von Dezhou aus, werde diese junge Industrie aufgerollt, genau wie die Software-Industrie einst vom Silicon Valley in Kalifornien. Selbstvertrauen hat der Mann, das muss man ihm lassen.

Adresse für gegrillte Poulets

Dezhou? Niemand muss sich schämen, wenn er den Namen nicht kennt. Auf der halbfertigen Autobahn von Peking nach Schanghai geht es 330 Kilometer Richtung Süden, durch Weizenfelder und Apfelplantagen, vorbei an schlafenden Hunden und ärmlichen Dörfern. Das Städtchen Dezhou war bis vor Kurzem, wenn überhaupt, für seine gegrillten Poulets bekannt.

Sofort nach der Autobahnabfahrt aber zeigt Dezhou, Provinz Shandong, dass es andere Pläne hat: Solarzellen blitzen im Sonnenlicht, soweit das Auge reicht. Jede Strassenlaterne wird mit Sonnenenergie betrieben. Auf den Dächern stehen Solarkollektoren mit Wassertanks. Haus um Haus, Block um Block, überall sind diese thermischen Solarsysteme zu sehen, die heisses Wasser liefern. Dezhou ist die Modellstadt des chinesischen Ökokommunismus. Daqing, von Mao zur Modellstadt des sozialistischen Erdölbooms ausgerufen, ist längst out. Dezhou ist das neue Daqing.

Stadt der Sonnenanbeter

Eine Million Einwohner hat Dezhou, und «90 Prozent aller Häuser der Neustadt» seien hier mit Sonnenkollektoren bestückt, sagen die Einheimischen. Rechnet man die umliegenden Dörfer dazu, nutzen eine Million Einwohner die Sonne als Energiequelle. Nun wird in China gerne übertrieben. Das gehört zur Kultur. Aber selbst wenn es die Hälfte sein sollte, wäre es noch beeindruckend. Greenpeace China schreibt auf seiner Website begeistert von «der Stadt der Sonnenanbeter». Ihr Hohepriester ist der Unternehmer Huang Ming. Seine Firma Himin Solar Energy Group ist Chinas grösster Hersteller von Dachsolaranlagen. Diese technisch relativ einfachen Geräte produzieren keinen Strom. Vielmehr erhitzen sie Wasser, das zu diesem Zweck durch Glasröhren zirkuliert. Aus Wassertanks fliesst es dann direkt in die Badezimmer. Zwei Millionen Quadratmeter solcher Sonnenkollektoren will Himin bis jetzt auf den Dächern von Dezhou installiert haben. Daneben produziert Himin aber auch fotovoltaische Solarzellen, um Strom zu erzeugen.

«Ich hatte einen Traum . . .»

«Ich hatte einen Traum», sagt Huang Ming, «genau wie Martin Luther King.» Sein Traum sei es, die Solarenergie in seinem Land populär zu machen. Der 51-jährige Chinese ist Erdölingenieur von Beruf. Ausgerechnet. Irgendwann hat er aber entschieden, dass die Zukunft der Solarenergie gehört, angeblich kurz nach der Geburt seiner Tochter. Ob die Geschichte stimmt, ist genauso schwer zu verifizieren wie der Geschäftsbericht seiner Firma. Das Finanzinstitut Goldman Sachs hat kürzlich in Himin investiert, was Huang Ming ohne Angabe weiterer Details bestätigt. Ein Börsengang in China wird vorbereitet. Unter Verweis darauf weigert er sich, irgendwelche Produktions- und Gewinnzahlen preiszugeben.

Sonniger Selbstdarsteller

Fest steht, dass der Firmenchef ein grosser Selbstdarsteller ist. Im Foyer der Firma hängt sein Kinderfoto neben einem Bild des alten Einstein. Als chinesischer «Pionier» seiner Branche hat er Reden auf Uno-Konferenzen gehalten, was im Firmenprospekt ausgewalzt wird. Letztes Jahr hat er Angela Merkel in Peking zum Lunch getroffen. Ein Bild von Huang Ming und Colin Powell wirft er mit einem Diaprojektor selbst an die Wand.

Huang Ming verfügt auch über exzellente politische Kontakte zur kommunistischen Führung seines Landes. Er ist Abgeordneter des Nationalen Volkskongresses in Peking. Selbst auf dem Dach des Mao- Mausoleums in Peking sind seine Sonnenkollektoren installiert. Allerdings nicht, um die Leiche des grossen Vorsitzenden zu kühlen, wie sein Marketingchef auf Nachfrage klarstellt, sondern nur für den «Heisswasserbedarf der Angestellten».

Staatlicher Druck

Eine ganze Stadt in China mit Sonnenkollektoren zu überziehen, wäre ohne politische Rückendeckung unmöglich. Die Stadtregierung von Dezhou zwang alle Immobilienfirmen, Dachsolaranlagen zu installieren. «Die Gebäude werden nicht registriert, wenn die Installation von Solaranlagen nicht vollzogen ist», heisst es in einer «Notiz» der Stadtregierung vom 26. Dezember 2008. Alle neu gebauten Blöcke, Krankenhäuser, Hotels und Schwimmbäder wurden dazu verpflichtet. Seit Chinas Zentralregierung den Ausbau von erneuerbaren Energien fördert, stürzen sich örtliche Parteifunktionäre zusammen mit findigen Unternehmern auf die neue Gewinnsparte. Im Prinzip ist das gut, denn Solarenergie ist eine sinnvolle Sache. Doch die Bürger werden kaum je gefragt, bevor sie zahlen müssen. Die Regierung habe eine «zwangsweise Installation von Solarenergie-Heisswasser-Systemen» verfügt, kritisiert die Zeitung «Xiandai Kuaibao». Aber bei mehreren Anbietern gebe es «Probleme wie schlechte Produktqualität, schlechten Kundenservice nach dem Verkauf und irreführende Werbung». Die Zeitung erwähnt einen Herrn Wu, der eine Solaranlage von Himin gekauft habe, die nicht funktioniere. Seine Anrufe habe die Firma ignoriert.

Kundenservice «ist miserabel»

Wer einen rot-grünen Vorzeigeunternehmer wie Huang Ming mit guten Parteikontakten in China öffentlich kritisiert, der handelt sich leicht Ärger ein. «Huang Ming hat die Polizei in Dezhou aufgefordert, mich festzunehmen», sagt Liu Zongyong, der einen Artikel über die Firma Himin und ihren Chef recherchiert. «Die Produkte haben eine ziemlich gute Qualität, aber der Kundenservice ist miserabel. Wegen seiner politischen Kontakte muss Huang keinerlei Verantwortung übernehmen», hält der Lokaljournalist fest.

Die neuste Initiative der Firma ist es, ihre Sonnenkollektoren in den Dörfern zu vermarkten. Auch da helfen gute Partei- und Regierungskontakte. «Huang Mings Anlagen können für 2000 Yuan pro Stück produziert werden», sagt Liu, «aber er will sie auf dem Land für 5000 Yuan verkaufen.» Das sind gut 780 Franken, viel Geld für eine chinesische Bauernfamilie. «Andere Hersteller, die Anlagen für 4000 Yuan anbieten, kommen nicht zum Zug. In unserem Land gibt es eine enge Zusammenarbeit zwischen der Regierung und gewissen Unternehmern.» Diese Vorwürfe weist Himin öffentlich weit von sich.

Wie einst im Wilden Westen

Genau gesehen, gleicht Chinas ökologische Aufholjagd dem Goldrausch im Wilden Westen der USA. Das Tempo ist ähnlich halsbrecherisch, und Regeln entstehen erst nach und nach. In den letzten zwei Jahrzehnten der wirtschaftlichen Entwicklung hat die Volksrepublik einen gewaltigen Raubbau an der Umwelt begangen. Zehn der Städte mit der weltweit schlimmsten Luftverschmutzung liegen in China. Hunderttausende von Chinesen sterben jährlich an Atemwegserkrankungen. Dutzende von «Krebsdörfern» sind berüchtigt dafür, dass auffällig viele Bewohner wegen verseuchten Trinkwassers an sonst seltenen Krebsarten sterben. Zum Teil aus Einsicht, dass es so nicht weitergehen kann, teilweise wegen lukrativer Geschäftschancen fördert die kommunistische Führung in Peking nun den Ausbau erneuerbarer Energien (siehe Kasten).

Der Staat setzt Wachstumsziele

Seit Barack Obama ins Weisse Haus eingezogen ist und die USA ihr grünes Gewissen entdeckt haben, ist auch der politische Druck auf die chinesische Regierung gewachsen. Zumal China die Vereinigten Staaten unlängst als weltweit grössten Verursacher von Treibhausgasen abgelöst hat. Peking wehrt sich zwar gegen die Verabschiedung bindender Reduktionsziele. Gleichzeitig fördert es aber grüne Zukunftstechnologien. Der eben erst verabschiedete «Plan zur mittel- und langfristigen Entwicklung erneuerbarer Energien» ist bereits wieder überholt. Bis zum Jahr 2010 sollten 150 Millionen Quadratmeter Solaranlagen zum Wassererhitzen installiert sein. Bis zum Jahr 2020 sollten 15 Prozent der Energieproduktion aus erneuerbaren Quellen stammen. «Die Ziele könnten angehoben werden», erklärt Liu Qi, der Vizedirektor der neuen Nationalen Energiebehörde Chinas.

Konkurrenz für Europa

Die beeindruckenden Ziele und Zahlen, die in China veröffentlicht werden, lösen im Westen oft Ängste aus. Eine «Flut» billiger chinesischer Produkte könnte künftig westliche Öko-Industrien auslöschen, heisst es häufig. Völlig unbegründet sind solche Bedenken nicht, denn die Chinesen lernen schnell. «China zwingt europäische Firmen manchmal zum Technologietransfer, etwa bei Windturbinen, und bevorzugt gleichzeitig bei der Auftragsvergabe immer wieder heimische Firmen», sagt Jörg Wuttke von der Europäischen Handelskammer in Peking.

Viele der Ängste sind jedoch überzogen. Bei Dachsolaranlagen, wie sie «Solarkönig» Huang Ming in Dezhou produziert, zählt der Kundenservice weltweit zu den wichtigsten Kriterien, die für oder gegen einen Kauf sprechen. Ein örtliches Netz von Verkaufsagenten und Technikern ist für die Hersteller da unverzichtbar. Himin exportiert derzeit nur fünf Prozent der Produktion. Denn Konkurrenzfähigkeit heisst in der «Marktwirtschaft mit chinesischer Charakteristik» etwas anderes als in Deutschland oder Kalifornien.

«Ich habe viele Autofabriken überall auf der Erde besucht», sagt Huang Ming. Da sei ihm die Idee zur ersten vollautomatischen Fliessbandproduktion von Vakuumröhren für seine Solaranlagen gekommen. «Und dann hatte ich einen Traum. Eines Tages werde ich grösser sein als ihr. Eines Tages werde ich euch auslöschen.» Warten wirs ab. (Der Bund)

Erstellt: 06.07.2009, 08:53 Uhr